Die Korrelation und der unbekannte Dritte

Ja, wie oft soll ich denn noch schreiben, dass Korrelation nicht Kausalität ist, bis es wenigstens der Wissenschaftsteil der FAZ begreift? Ich will aber wohl zugeben, dass es sich dieses Mal um einen Fehler handelt, zu dem man sich auch als Wissenschaftsredakteur mal verführen lassen kann, selbst wenn einem die Absurdität der Implikation nach dem Aufschreiben schnell hätte klar werden müssen.

Es beginnt nämlich mit einer Korrelation, die durchaus Aussagekraft für eine vermutete Kausalität hat – weil sie eben nicht gefunden wurde. Wie man praktisch überall lesen konnte, hat die Dänische Krebsgesellschaft eine Studie durchgeführt, die alle (!) Dänen über 30 und jünger als Jahrgang 1925 umfasste. Der Anteil der Handynutzer dieser Gruppe, die eine Krebserkrankung am zentralen Nervensystem erlitten, wurde über das dänische Krebsregister mit dem Anteil aller Dänen verglichen, die an einer solchen Krebsart erkrankten.

Das Ergebnis: Es ist kein erhöhtes Risiko der Handynutzer feststellbar

Wenn man eine Kausalität unterstellt, nach der Handynutzung Krebs verursachen kann, dann hätte sich eine solche Kausalität auch in einer positiven Korrelation von Handynutzung und Krebserkrankungen ausdrücken sollen. Die Forscher, die die Studie durchführten, sind natürlich klug genug zu wissen, dass das Fehlen dieser Korrelation kein Beweis für die Abwesenheit einer Kausalität ist. Es ist, wenn man präzise bleibt, eben nur ein ausgebliebener Beweis, also schreiben sie im Abstract ihrer Studie (Open Access, wir lieben dich!):

In this update of a large nationwide cohort study of mobile phone use, there were no increased risks of tumours of the central nervous system, providing little evidence for a causal association.

Das schreibt, so weit, so richtig, auch die FAZ, sie titelt sogar erfreulich korrekt: “Kein Schuldspruch für das Handy” (Artikel nur gegen Entgelt im Volltext abrufbar). Richtig: Kein Schuldspruch ist kein Freispruch.

Dann jedoch wird es in der FAZ albern. Die Forscher fanden nämlich auch:

There was, however, a decreased risk (standardised incidence ratio 0.66, 0.44 to 0.95) of developing a tumour of the brain or nervous system in people who had had a subscription for more than 10 years, but this result was based on only 28 cases.

Und was macht die FAZ in ihrem Artikel daraus? Sie unterschlägt mal von vornherein die Einschränkung der Aussagekraft aufgrund der geringen Fallzahl und fantasiert auf dieser schon fragwürdigen Basis:

Ein kaum weniger häufiger Gebrauch indessen ging scheinbar mit einer Art Schutzwirkung einher, denn die Tumoren traten nun besonders selten auf.

Und schon wieder hat die Korrelation einen Journalisten verführt, Unsinn zu schreiben. Denn aus einer negativen Korrelation eine “Schutzwirkung” zu machen, dazu braucht es schon einige Ignoranz.

Bereits beim schnellen Hindenken fragt man sich ja, worin eine solche Schutzwirkung begründet sein könnte und kommt auf die Idee, dass die negative Korrelation möglicherweise Ausdruck eines nicht untersuchten dritten Faktors sein könnte – dass es also eine Eigenschaft der Gruppe gibt, die sowohl eine historisch frühzeitige Handynutzung als auch ein niedriges Krebsrisiko verursacht: zum Beispiel hohe Bildung, die dazu führen könnte, Krebsrisiken bewusst zu vermeiden oder ihnen gar nicht erst ausgesetzt zu sein. Und siehe da: Genau diese Vermutung hatten die Forscher auch – und fanden sogar ein Indiz dafür!

In addition, it was observed that male mobile phone subscribers were at a lower risk (standardised incidence ratio 0.88, 0.86 to 0.91) of developing tobacco related cancers. Additional investigations showed that early male subscribers probably constituted a unique subgroup of people with a higher income and therefore a potentially distinct risk profile, particularly lower tobacco consumption.

Männer, die bereits in den jungen Tagen des Mobilfunks ein Handy hatten, rauchen also vergleichsweise selten. Ob und wie Rauchen mit der speziellen betrachteten Krebsart korreliert oder nicht, wurde nicht untersucht. Aber die Vermutung, dass Handytelefonieren vor Krebs schützen könnte, kann man nun ruhigen Gewissens als mindestens zu gewagt für die Wissenschaftsseite der FAZ zurückweisen.

Am Ende weiß ich natürlich, dass so ein Journalist viel schreiben muss, auch wenn der Tag kurz ist, und dass Fehler passieren. Aber genau dieser Fehler, Korrelation für Kausalität zu halten, passiert leider viel zu oft. Nicht zuletzt begründet er eine komplette Richtung der Medizin, die Heilerfolge für sich reklamiert, die beim Blindvergleich mit Placebos verschwinden. Also werde ich nicht müde werden, diesen Fehler weiter anzuprangern, wo ich ihn finde. Muss auch keiner lesen, ist ja nur mein Blog :-)

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