Archiv der Kategorie: Medienkritik

Kurz reingeschaut: “Lebensmittel” von Michael Schmidt in Leverkusen

Wahrscheinlich verstehe ich die Kunst von Michael Schmidt einfach nicht. Einer, der an der Ausbildung von Andreas Gursky beteiligt war, kann ja eigentlich nicht so viel falsch machen., aber Schmidts Leverkusener Ausstellung “Lebensmittel” hat mich dann doch sehr unterwältigt.

Seine Fotografie ist realitätsbezogen und stilistisch sachlich-nüchtern“, schreibt die Wikipedia. Den Unterschied zu “langweilig” konnte ich ehrlich gesagt nicht erkennen, obwohl ich beispielsweise die Künstler der New Colour Photography sehr schätze, die ebenfalls sachlich-nüchterne Düsseldorfer Schule sowieso. Vielleicht oute ich mich damit genauso als Banause wie einer, der zeitgenössische Popmusik geringschätzt, obwohl er die Beatles doch so sehr mag.

Jedenfalls waren mir die Lebensmittel-Motive Schmidts zu nüchtern, fast durchweg zu belanglos und auch in der Reihung nicht besonders aussagekräftig. Muss man Lebensmittel wirklich entglorifizieren, wie die Welt meint?

Schmidts Blick aber ist alles andere als barock. Er pflegt einen Realismus, der sich fortwährend selbst problematisiert. Nie stellt sich eine inhaltliche Aussage vor die Motive, die so ganz von selbst die ihnen innewohnende Monströsität entfalten können: die Stapelung, die Zerteilung, die Verschickung, die Quetschung.

Ich habe nichts Monströses gesehen, nur Banales. Das mit der fehlenden inhaltlichen Aussage kann ich jedenfalls unterschreiben.

Es muss jeder für sich entscheiden, ob er sich diese Ausstellung ansieht, ich warne allerdings vor zwei Punkten:

1. Wenn man sich vorab im Web Bilder ansieht, bekommt man keinen guten Eindruck von der Wirkung, die die Ausstellung dann tatsächlich hat.

2. Schmidts Bilder sind unter Glas gerahmt. Und obwohl die Fenster im Schloss Morsbroich mit hellen Tüchern abgehangen sind, spiegeln diese Gläser wie verrückt. Es ist oft wirklich schwierig, einen Blick auf das Motiv zu bekommen, und nicht sich selbst oder das Fenster hinter einem zu sehen. Das ist mehr als ärgerlich, es ist nämlich auch dem Künstler und seiner Kunst gegenüber geringschätzend. Hier hätte sich der Kurator einfach mehr Mühe geben müssen.

Mit Statistik lügen: Das Sportstudio verzerrt die Zuschauerachse

Eins vorweg: Das war gestern eine tolle Sendung des Aktuellen Sportstudios zum Thema Fangewalt und Pyrotechnik. Endlich, gefühlt zum ersten Mal seit Jahren, wurden in einem großen Medium die Argumente in der sonst meist hysterischen Diskussion versachlicht und es fand ein fundierter und gut verfolgbarer Meinungsaustausch statt, in dem meiner Ansicht nach die Vertreter von DFB und Polizei klar unterlegen waren.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass an einer Stelle mit unlauteren Mitteln argumentiert wurde. Denn gerade die Partei, die in der öffentlichen Meinung Punkte gut machen muss, also die Fans, muss in ihren Argumenten extrem sauber bleiben und darf die Probleme nicht verschweigen. Insofern leistete die Sportstudioredaktion, die ich ansonsten (überraschenderweise inklusive Michael Steinbrecher) nur loben kann, den Fans mit dem folgenden Diagramm einen Bärendienst.

Statistik der Zuschauer und der Verletzten in der Bundesliga von 1999 bis 2011, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Statistik der Zuschauer und der Verletzten in der Bundesliga von 1999 bis 2011, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Die Grafik wurde eingeblendet, nachdem Bernhard Witthaut, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, von Michael Steinbrecher mehrfach nach seinen Erfahrungen mit der Entwicklung der Gewalt in Fußballstadien gefragt worden war. Unter anderem hatte Steinbrecher wissen wollen, ob der Anstieg, von dem Witthaut erzählte, mehr “so ein subjektives Gefühl” sei. Witthauts Antworten blieben qualitativ, und dann rief Steinbrecher den oben gezeigten Zwölf-Jahres-Vergleich auf, weil man die Entwicklung der Zahl der verletzten Personen bei Bundesligaspielen “ja auch damit in Relation setzen” müsse, dass immer mehr Zuschauer in die Stadion gingen.

Das ist natürlich völlig richtig, nur tut die präsentierte Grafik genau das nicht: Sie setzt nicht in Relation, sondern sie stellt nebeneinander – und das auch noch auf eine tendenzverändernde Weise verzerrt.

Die Grafik scheint auszusagen, dass zwar die Zahl der verletzten Besucher von Bundesligaspielen gestiegen ist, dass aber die Gesamtzahl der Besucher ja viel stärker gestiegen sei: Die blaue Linie “überholt” die rote Linie sehr suggestiv. Tatsächlich ist diese Aussage aber falsch und das Gegenteil ist richtig.

Der Grund ist einfach: Die linke (rote) Achse der Verletzten fängt bei Null an, während die rechte (blaue) Achse der durchschnittlichen Besucher pro Spiel bei 38.000 beginnt. Eine unverzerrte Darstellung sähe so aus:

Statistik der Zuschauer und der Verletzten von 1999 bis 2011, Darstellung mit unverzerrten Achsen

Statistik der Zuschauer und der Verletzten von 1999 bis 2011, Darstellung mit unverzerrten Achsen

Schon in dieser Darstellung sieht man klar, dass die Zahl der verletzten Personen seit der Saison 99/00 stärker gestiegen ist als die Zahl der Zuschauer pro Spiel, so dass der Anstieg der Besucherzahlen also nicht vollständig für den Anstieg der Verletztenzahlen verantwortlich sein kann.

Allerdings sind die Zahlen immer noch nicht “in Relation gesetzt”, wie Steinbrecher ja angekündigt hatte, sie sind nur nebeneinander gestellt. Nur für die letzte Saison stellte das ZDF anschließend eine erste Relation her: 1,38 Verletzte pro Spiel seien es in 2010/11 gewesen.

Zahl der Verletzten pro Spiel in der Bundesliga-Saison 2010/11, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Zahl der Verletzten pro Spiel in der Bundesliga-Saison 2010/11, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Nun ist die Zahl der Verletzten pro Spiel zwar relevant, denn sie ermöglicht jedem Besucher eine Einschätzung der persönlichen Gefährdungssituation: Durchschnittlich wird in einem Stadion eine Person verletzt. Da muss es schon blöd laufen, dass man da gerade daneben steht und etwas abbekommt. Studiogast Helmut Spahn, ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des DFB, zog eine gute Parallele: Die Zahl von Menschen, die bei allen Spielen einer Bundesligasaison verletzt werden, erreicht das Oktoberfest an einem einzigen Tag.

Wenn man aber immer noch das Versprechen im Kopf hat, die Entwicklung der Zahl der verletzten Besucher mit der Entwicklung der Gesamtzahl der Besucher ins Verhältnis setzen zu wollen – dann muss man eben genau das ausrechnen. Es gibt in jeder Bundesligasaison 34 x 9 = 306 Spiele.

An dieser Stelle wird der aufgeweckte Statistiker aber noch aus einem anderen Grund stutzig: 846 Verletzte bei 306 Erstligaspielen? Das würde einen Schnitt von 2,76 Verletzten pro Spiel machen, das ZDF gibt aber 1,38 an – also genau die Hälfte… Und in der Tat: Die Verletztenzahl bezieht sich auf die 1. und 2. Bundesliga, während die Zuschauerentwicklung nur diejenige der 1. Liga ist. Die Zahlen sind also noch in einer weiteren Hinsicht verzerrt!

Ein kurze Recherche der Zuschauerzahlen der 2. Liga ergibt, dass diese natürlich deutlich niedriger sind als die der 1. Liga, dass sie stärker schwanken (was wohl daran liegt, dass von Saison zu Saison stark unterschiedlich attraktive Mannschaften in der Liga sind), und dass sie über die Jahre hinweg nicht so stark gestiegen sind wie die der 1. Bundesliga, zwischenzeitlich fielen sie sogar. Das folgende Diagramm zeigt die Entwicklung der Zuschauerzahlen der 1. und der 2. Liga und die Entwicklung beider Ligen zusammen.

Entwicklung der Zuschauerzahlen in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Entwicklung der Zuschauerzahlen in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Nun muss man natürlich die Entwicklung der Verletztenzahlen, wenn sie 1. und 2. Liga zusammenfasst, auch gegen die Entwicklung des gemeinsamen Zuschauerschnitts der 1. und 2. Bundesliga auftragen. Das sieht dann so aus:

Entwicklung der Zahl der Zuschauer und der Verletzten in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Entwicklung der Zahl der Zuschauer und der Verletzten in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Nun kann man also schließlich das einzig wirklich relevante Diagramm errechnen: Wie hoch war der Anteil der verletzten Stadienbesucher?

Zahl der Verletzten pro 10.000 Besucher der 1. und 2. Bundesliga in den Saison 99/00 bis 10/11

Zahl der Verletzten pro 10.000 Besucher der 1. und 2. Bundesliga in den Saison 99/00 bis 10/11

Man sieht endlich, dass sich die Zahl der verletzten Personen pro 10.000 Besucher von Bundesligaspielen in den Saisons 99/00 bis 10/11 verdreifacht hat: Der Wert ist von ungefähr 0,13 Verletzten pro 10.000 Besucher auf ungefähr 0,39 gestiegen. Die absolute Zahl der Verletzten hat sich mehr als vervierfacht und wird durch die ebenfalls angestiegenen Besucherzahlen relativiert – aber eben lange nicht in dem Maß, wie es das ZDF mit seiner Darstellung suggerieren möchte.

Gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung der Zahl der Verletzten, die von DFB und Polizei immer als wichtiger Beleg für die Notwendigkeit des suppressiven Gegenschlags angeführt wird, ist eine saubere Argumentation extrem notwendig. Im Oktoberheft der 11FREUNDE wurde in einem Artikel das entscheidende Gegenargument gebracht, hier bezogen auf die Zahl der gegen Fußballfans eingeleiteten Strafverfahren:

Anfang des letzten Jahrzehnts stagnierte der Umfang der Fußballeinsätze bei der Polizei, um von der Saison 2003/04 auf die Spielzeit 2004/05 plötzlich zu explodieren. Die Zahl der Arbeitsstunden pro Spiel ging bei der Länderpolizei um ein Drittel hoch (von 914 auf 1213) und bei der Bundespolizei sogar um über die Hälfte (von 266 auf 419 Stunden). [...] Zu erklären ist diese Steigerung nicht durch eine Zunahme der Gewalt, sondern durch die nahende Weltmeisterschaft in Deutschland. [...] Ergebnisse von Kriminalstatistiken, so erklärt Feltes, »hängen davon ab, wer etwas wie intensiv beobachtet und anzeigt oder registriert.« [...]

Genau dieses Syndrom erlebt seit sechs Jahren auch der Fußball. Verstärkt wurde es zudem von einer Bundespolizei, die bis 2005 noch Bundesgrenzschutz hieß. Auf der Suche nach Betätigungsfeldern und ebenfalls zur WM-Vorbereitung nahmen sich die ehemaligen Grenzschützer vermehrt der allerdings auch in deutlich größerer Zahl umherreisenden Fußballfans an. Das Ergebnis des allseits gestiegenen polizeilichen Eifers: Von der Saison 2003/04 auf die anschließende Spielzeit ging die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren von 3409 auf 4711 hoch. Die bemerkenswerte Zunahme um ein Drittel entsprach genau den um ein Drittel gesteigerten Arbeitsstunden der Polizei.

Die unversehens vermehrte Zahl der Strafverfahren las sich schockierend, doch nach Ansicht von Feltes kann man aus den Statistiken der ZIS keine Aussage zur tatsächlichen Entwicklung der Gewalt beim Fußball ableiten. »Solche Zahlen sind im Wesentlichen ein Arbeitsnachweis der Polizei«, sagt der Kriminologe, der seit 2010 im wissenschaftlichen Beirat der DFL zum Thema Fans sitzt.

Und dass bereits die bei Polizeieinsätzen durch Pfefferspray versehrten  Fans nennenswert zur Verletztenstatistik beitragen, wurde in der ASS-Sendung gestern deutlich.

Unterm Strich: Es gibt einen relevanten Anstieg von verletzten Personen bei Bundesligaspielen. Um den Ursachen dieser Entwicklung auf die Schliche zu kommen, hilft es aber jedenfalls nicht, sie mit statistischen Tricks verschwinden lassen zu wollen.

[EDIT: Ich habe diesen Artikel am 21.01. in wesentlichen Teilen überarbeitet und die Zuschauerentwicklung der 2. Bundesliga in die Berechnungen einbezogen.]

Kurz reingeschaut: Judith Joy Ross in der SK Stiftung Kultur in Köln

Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur ist mein Kölner Lieblingsmuseum. Der Sparkasse KölnBonn, die sich sonst im Wesentlichen um die weitere Verfilzung der Kölner Politiklandschaft bemüht, gelingt es mit dieser Stiftung, ihre Karmabilanz wieder leicht zum Guten hin zu verschieben.

In der Photographischen  Sammlung werden in wechselnden Ausstellungen, immer für ein paar Monate, die Werke von Photokünstlern von unbestrittenem Weltrang gezeigt. Gestern ging ich also relativ blind in die aktuelle Präsentation: Judith Joy Ross – Photographien seit 1982 – und wurde eigentlich zum ersten Mal leicht enttäuscht.

Ausgestellt werden noch bis zum 5. Februar ausschließlich Portraits, also das Format, mit dem Judith Joy Ross ihren künstlerischen Rang begründete. Ross fotografiert mit einer altmodischen (antiken?), hölzernen Großformatkamera nur mit Umgebungslicht auf 8 x 10 Zoll große Schwarzweiß-Negative, von denen sie unvergrößerte, leicht getönte Abzüge herstellt. Ihre Motive sind Portraits, Brustbilder oder Ganzkörperfotos von Menschen, die sie an verschiedenen Orten trifft, nie im Studio.

In Köln werden Portraits von Besuchern des Vietnam Memorials ausgestellt, von Friedensdemonstranten, von Schülern, von Kindern und Jugendlichen in einem Park in Ross’ Heimatstadt, von afrikanischen Auswanderern in Paris, von Vertretern verschiedener Berufe, von amerikanischen Senatoren in ihren Büros.

Technisch sind die Portraits sehr interessant. Durch das Großformat entsteht eine sehr geringe Schärfentiefe, so dass oft nur die Augenebene wirklich scharf abgebildet wird, schon die Wangen und Ohren aber unscharf werden. (Möglicherweise tiltet Ross das Objektiv auch leicht.) Die Fotos haben eine tolle Mischung von Schärfe und Unschärfe, die gut zu Portraits passt. Die Personen in Ross’ Bildern blicken fast immer relativ ausdruckslos in die Kamera oder an der Kamera vorbei (Beispiele in der Google-Bildersuche nach “Judith Joy Ross”). Nur sehr selten wird gelächelt oder eine erkennbare Pose eingenommen.

Etwas unterwältigend an der Kölner Ausstellung ist nun zum einen die Monotonie dieses Formats: Portrait hängt neben Portrait hängt neben Portrait von ausdruckslosen Menschen. Das sind mal interessantere und mal langweiligere Personen, aber nach dem 30. Bild hat man das Konzept verstanden und würde sich einfach mal Abwechslung wünschen.

Und vielleicht oute ich mich nun als Banause, aber tatsächlich genervt hat mich die konzeptionelle Überhöhung: Ob da nämlich einer am Vietnam Memorial steht oder einfach so in der Gegend rum, das kann man den Bildern wahrlich nicht ansehen. Die Idee der Künstlerin war es aber beispielsweise, der besonderen Traurigkeit des Ortes anhand der Gesichtsausdrücke der Personen nachzuspüren. Dass das nicht gelingt, entlarvt Ross selbst, die kurz nach der Entstehung ihrer Vietnam-Memorial-Serie Menschen auf dem Weg in die Shopping Mall bat, für sie zu posieren. Wenig überraschend schauen auch diese Menschen ausdruckslos und lassen sich höchstens von den Memorialbesuchern unterscheiden, in dem man das Militärabzeichen-Einkaufswagen-Verhältnis misst. Für Ross (oder vielleicht auch nur den Kölner Kurator) ist dieses Nullergebnis aber Beleg dafür, dass auch der Alltag der Menschen von derselben Traurigkeit durchdrungen ist wie der, die sich an einem Kriegsdenkmal einstellt. Eine steile These…

Und so sehr ich die SK Stiftung Kultur zu Beginn lobte, muss ich bei dieser Gelegenheit auch mal eine generelle Kritik anbringen: Die Beleuchtung der Ausstellungsräume ist einfach schlecht. Die fast immer hinter Glas gerahmten Fotos spiegeln stark, wodurch der Kunstgenuss doch beeinträchtigt wird – gerade bei Bildern wie denen von Judith Joy Ross, die wegen der verwendeten Technik manchmal etwas kontrastarm sind und bei denen besonders die dennoch feingezeichneten Details interessant wären.

Am Ende bleibt eine Ausstellung, die hauptsächlich aus technischer Sicht sehenswert ist, deren Motive aber schnell ermüden und erstaunlich wenig Eindruck machen. Die behauptete Traurigkeit und generell emotionale Tiefe konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Am besten gefielen mir noch die Portraits von Kindern und Heranwachsenden, was aber auch daran liegt, dass ernst inszenierte Kinder immer ein bisschen verstören, weil ihnen die ungezügelte Lebendigkeit genommen wird, die das Kindsein gerade ausmacht.

Muss man nicht gesehen haben – außer vielleicht, man versteht mehr von Kunst als ich.

Kurz reingeschaut in neue (Staffeln von) US-Serien: Homeland, Boss, Dexter, The Walking Dead, The League und Breaking Bad

Puh, das war eine anstrengende neue US-Seriensaison, die noch nicht mal ganz vorbei ist. Anstrengend, weil es so viel Gutes zu sehen gab. So viel Fernsehen, so wenig Zeit. Aber eins nach dem anderen.

Homeland, Staffel 1

Fangen wir gleich mit dem wohl unbestrittenen Highlight der neuen Serien an: Homeland. Der US-Soldat Nicholas Brody (Damian Lewis) wird aus achtjähriger Kriegsgefangenschaft im Irak befreit und kehrt als traumatisierter Held in seine Heimat und zu seiner Familie zurück, die gerade kurz davor war, Brody endgültig für tot zu halten und seinen guten Kumpel Mike als Mann und Ersatzvater aufzunehmen. Die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) hat bei einem eigenen Irak-Einsatz erfahren, dass ein amerikanischer Kriegsgefangener “umgedreht” wurde und nun für al-Qaida arbeitet. Aufgrund von ein paar Verdachtsmomenten glaubt sie, dass Brody dieser Mann ist und versucht die Staffel über, diesen Verdacht zu beweisen. Dass ihr niemand glaubt, ist nicht ihr einziges Problem, zudem leidet sie nämlich noch an einer bipolaren Störung und ist nur mit Medikamenten halbwegs alltagstauglich. Soweit also das Setting: Gestörte Agentin jagt traumatisierten Kriegshelden und mutmaßlichen Terroristen.

Homeland ist ein Paradebeispiel für die neue Qualität, mit der in den letzten Jahren TV-Serien gedreht werden: Jeder einstündige Folge ist ein kleiner Spielfilm, filmerisch auf hohem Niveau, einem komplexen, intelligenten Skript folgend und mit sehr, sehr guten Darstellern. Insbesondere Damian Lewis hat mich sehr beeindruckt, gerade weil ich seine Fresse eigentlich so gar nicht mag, aber für die Rolle des ambivalenten Brody ist er perfekt gecastet. Auch seine seltsame Art des ausdruckslosen Overactings (Dass das geht!) passt zu seiner Figur, an der in alle Richtungen gezerrt wird. Claire Danes ihrerseits nimmt man das untergründig Krankhafte, das Manische jederzeit ab, mit dem sie ihren Verdacht, ihre fixe Idee auch abseits der Regeln beweisen will.

Und wenn die Serie mich noch hätte überzeugen müssen, wie toll sie ist, dann hätte sie das mit ihrem Saisonfinale geschafft. Das war eine Sternstunde des Fernsehens, gerade weil sie auf jede Aufgeregtheit verzichtete und ihre dunkle Geschichte sehr leise, sehr konzentriert und deshalb umso bedrohlicher und unaufhaltsamer erzählte.

Gestern Abend, als meine Freundin die erste DVD der achten Staffel von 24 in den Player schob, wurde mir noch einmal dramatisch klar, dass 24 einfach passé ist: ein laut polterndes, platt typisierendes Produkt der Post-9/11-Ära. Homeland dagegen zeigt die Zwischentöne, die Zweifel daran, was und wer Gut und Böse ist. Wenn Homeland in der nächsten Staffel diese Qualität halten kann, dann steht es für mich auf einem Niveau mit The West Wing und Breaking Bad – nämlich dem höchsten.

Wertung: 9/10, mit dem Potenzial für mehr.

Boss, Staffel 1

Zweifel daran, wer Gut und wer Böse ist, gibt es in Boss hingegen nicht: Hier ist jeder ein Arschloch. Selbst die ganz wenigen Guten brechen das Gesetz oder nehmen einen persönlichen Vorteil auch auf Kosten eines Kollegen an.

Boss dreht sich um Thomas Kane (Kelsey Grammer), den Bürgermeister eines hoffentlich fiktiven Chicagos. Kane ist ein moralisch korrupter Politiker, der vor nichts, vor gar nichts zurückschreckt, um seine Macht zu sichern. Kane will den jungen und charismatischen Politfrischling Alex Zajac zum Gouverneur von Illinois machen, während gleichzeitig ein Journalist entdeckt, dass Kane in einen fiesen Umweltskandal verwickelt ist. Dass Kane gleich zu Beginn der ersten Folge erfährt, an einer tödlichen Nervenkrankheit zu leiden, ist nur einer der vielen weiteren Handlungsfäden, die Boss verfolgt.

Und das ist dann auch die größte Schwäche dieser Serie, die ansonsten alles hätte, um eine Art böses West Wing zu werden: Es gibt einfach ein paar Stories zu viel, so dass während der acht Folgen der ersten Staffel manches doch auch am Zuschauer vorbeirauscht und die Erzählung etwas unkonzentriert wirkt.

Dennoch ist auch Boss großartig gefilmt, die Bilder sind in ein entsättigtes Grüngrau getaucht, Kamera und Schnitt haben Spielfilmniveau, die erste Folge wurde von Gus Van Sant höchstpersönlich dirigiert.

In der Breite sogar noch besser als bei Homeland sind die schauspielerischen Leistungen, was auch daran liegt, dass es in Boss wegen der parallelen Handlungen kaum Nebendarsteller gibt. Kelsey Grammer ragt als Tom Kane dennoch heraus, und das nicht nur, weil man kaum gedacht hätte, dass “Frasier” sich nur den Bart abrasieren muss, um die Visage des Bösen zu enthüllen.

Auch bei Boss ist die Schlussfolge der ersten Staffel ein Highlight, und auch hier ist es ein sehr düsteres. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es schon mal ein emotional und physisch brutaleres und dennoch so völlig actionfreies Finale gab. Fast jede Figur wird vernichtet, zerrüttet, diskreditiert. Keine Gewinner.

Zum Glück hatte Starz, der produzierende Sender, die zweite Staffel von Boss bereits in Auftrag gegeben, bevor die erste gesendet war, denn die Ratings waren nicht gut. Ich hoffe, dass Boss aus den Fehlern der ersten Staffel lernt, es gibt jedenfalls genug Anknüpfungspunkte für eine spannende zweite.

Wertung: 8/10.

Dexter, Staffel 6

Dexter hat mich dieser Saison leider enttäuscht. Schon die letzte Staffel fiel etwas gegen die grandiose vierte ab, in der aktuellen sechsten kam mir das Thema (Dexter und die Religion) zu gewollt vor, und es wurde zudem noch plump an allen Ecken und Enden platziert. Diese Staffel brachte einfach keine Weiterentwicklung der Serie oder der Figuren, besonders spannend war sie auch nicht, und beim Story-Twist ein paar Folgen vor dem Ende fühlte ich mich einfach nur verarscht. Eine verlorene Saison.

Mit den letzten Sekunden wurde allerdings klar, dass die nächste Staffel wieder ein echtes Highlight werden könnte. Was da in die Luft geworfen wurde, ist nicht nur ein Ball – das ist mindestens ein Medizinball. Wie die Autoren ihn auffangen und was dieser Cliffhanger mit Dexter und der anderen beteiligten Figur (keine Spoiler) anstellen wird, darauf freue ich mich jetzt schon.

Wertung der sechsten Staffel: 6/10.

The Walking Dead, Staffel 2, erster Teil

Die zweite Staffel von The Walking Dead ist eine Art Doppelstaffel: Die ersten sieben Folgen wurden bis November ausgestrahlt, die restlichen sechs folgen ab Februar. Zum Glück gab es ein gar nicht so kleines Halbstaffel-Finale ohne Cliffhanger, so dass die Wartezeit nicht ganz so unerträglich ist.

Die zweite Staffel fokussierte sich noch mehr als die erste auf die Überlebenden der Zombie-Apokalypse. Unsere Reisegruppe erreicht eine geschützte Farm, wo sie weitgehend bedrohungsfrei darüber nachdenken kann, wie es sich in dieser Welt zu leben lohnt: Kann man lieben, kann man Kinder bekommen, wie betrachtet man Angehörige, die Zombies geworden sind?

Nachdem ich an Weihnachten auch den ersten Band der Graphic Novel geschenkt bekam, die der Serie zugrunde liegt, kann ich sagen, dass die Serie den Ton des Comics perfekt aufgreift und teilweise die Bilder eins zu eins reproduziert. Dort, wo die Serie vom Comic abweicht, tut sie das zum Wohle der Erzählung. Insbesondere die zusätzlichen Handlungsstränge tragen zur Erhellung des Themas bei – bis auf die CDC-Episode am Ende der ersten Staffel, als man wohl noch unbedingt einen großen Knalleffekt haben wollte.

Wertung der zweiten Staffel bislang: 8/10.

The League, Staffel 3

In The League, einem etwas unterrepräsentierten Comedy-Juwel, geht es um eine Gruppe von Freunden, die gemeinsam eine Fantasy-Football-Liga ausspielen, also das Kicker-Managerspiel für American Football. Die Liga ist aber nur der Aufhänger der Serie, eigentlich geht es um die Beziehungen der Figuren untereinander. Der Humor in The League ist auf die hysterischste und gleichzeitig intelligenteste Art und Weise derb und pubertär. Es geht um Sex, um Beziehungen, um Drogen und um Streiche, die sich die Jungs, alle Anfang 30, spielen.

The League ist so eine Art “American Pie” für Hochschulabsolventen. Unbedingt ausprobieren!

Wertung: 8/10.

Breaking Bad, Staffel 4

Über Breaking Bad muss ich wohl nicht mehr viel schreiben. Beste. Serie. Ever. Am meisten beeindruckt mich, wie sich, exemplarisch an der Figur von Jesse, über die Staffeln hinweg der Ton vom anfänglich noch etwas Ulkigen und Makabren immer mehr zum Dunklen und Dramatischen gedreht hat. Dass das in der kommenden und letzten Staffel 5 noch weiter steigerbar ist, kann ich mir nicht vorstellen, aber warum soll Perfektion auch noch besser werden? Und irgendwie beruhigend, dass eine Serie versucht, auf dem Höhepunkt aufzuhören.

Wertung: 10/10.

Kurz reingeschaut: Life’s Too Short

Am Donnerstag lief die neue Serie von Ricky Gervais und Stephen Merchant an: “Life’s Too Short“. Meine hohen Erwartungen konnte mindestens die erste Folge leider nicht erfüllen, denn trotzdem es ein paar sehr lustige Szenen gibt, wirken auch die etwas fade: “Life’s Too Short” ist nämlich ein Aufguss alter Kräuter, ein Blend aus “The Office” und “Extras”.

Die Serie ist ein Mockumentary: Warwick Davis, bekannter kleinwüchsiger Schauspieler, Ricky Gervais und Stephen Merchant spielen sich selbst. Warwick Davis ist dabei eine verzerrte, traurige Version seiner Person.

Schon, dass dieser Serien-Davis unverkennbare Züge von David Brent hat , wenn er die offensichtlich Tragik seiner gescheiterten Existenz für die Doku-Kamera mit billigsten Späßen wegquatscht, mindert den Spaß. Mehr noch aber die Tatsache, dass das Konzept eines bekannten Stars, der eine trübe Version seiner selbst spielt, schon in “Extras” lang und breit ausgewalzt wurde. Und zu allem Überfluss wird ebendieses Konzept in “Life’s Too Short” gleich noch einmal aufgelegt: In jeder Folge gibt es einen Gaststar, der sich zum Affen macht. In der ersten Folge ist das Liam Neeson, der Gervais und Merchant bittet, ihm eine Bühnen-Comedy zu schreiben – und beim spontanen Test seiner komödiantischen Fähigkeiten im großen, aber im wirklich ganz großen Stil versagt.

Diese Szene ist nun zwar so unfassbar gut, dass es einem schier den Atem verschlägt. Aber letztlich hätte man von Gervais/Merchant einfach mehr erwartet. Es muss ja nicht eine neuerliche Revolution des gesamten Comedy-Genres sein, aber ein frisches Setting hätte es dann schon sein dürfen.

Unterm Strich: Kann man sich angucken. “Life’s Too Short” verhält sich zu “Extras” und “The Office” aber wie eine Paul-McCartney-Show in den 90ern zum Rooftop-Konzert der Beatles.

Usability: Lieber wie immer als noch besser

Die Deutsche Bank hat bereits vor vielen Monaten das Interface ihres Online-Bankings überholt, möglicherweise schon vor mehr als einem Jahr. Dabei gab es auch eine Optimierung, die sich selbst nach langer Benutzung viel mehr als Usability-Falle herausstellt denn als Verbesserung.

Login-Maske auf deutsche-bank.de

Um sich bei der Deutschen Bank einzuloggen muss man vier Zahlen angeben, wie oben zu sehen: Filiale, Konto, Unterkonto (mit dem Standardwert vorausgefüllt) und die PIN. Alle Zahlen haben eine fixe Zahl von Ziffern.

Seit der Überarbeitung ist es nun so, dass der Cursor automatisch ins nächste Feld springt, wenn man die notwendige Zahl von Ziffern eingegeben hat. Nachdem man also z.B. drei Ziffern ins Filial-Feld eingegeben hat, springt der Cursor automatisch ins Konto-Feld.

Das klingt erst mal praktisch, und man kennt es beispielsweise von der Eingabe von 24-stellligen alphanumerischen Softwarelizenzschlüsseln. In der Praxis, in der ich alle paar Tage mal auf mein Konto schaue, bin ich es aber gewohnt, mit der Tab-Taste von einem Formularfeld zum nächsten zu springen. Überall im Web ist es so, dass ich irgendwie aktiv quittieren muss, wenn ich ein Feld ausgefüllt habe und im nächsten fortfahren möchte.

Also gebe ich bei der Deutschen Bank drei Ziffern ins Filialfeld ein, drücke routinemäßig Tab – und versuche, meine Kontonummer ins Unterkontofeld einzugeben. Jedes Mal.

Manchmal ist es eben doch besser, wenn etwas einfach so funktioniert, wie es immer und überall funktioniert, als wenn eine Optimierung die Gewohnheit bricht.

Im übrigen ist es auch gedanklich/konzeptionell ein Unterschied, ob ich einen Lizenzschlüssel eingebe, der für mich eine einzige Einheit darstellt, eben den Lizenzschlüssel,auch wenn er sich aus Blöcken zu vier Zeichen zusammensetzt – oder ob ich vier verschiedene Zahlen eingebe, die mir zwar erst zusammen den Zugang ermöglichen, die aber erkennbar und benanntermaßen unterschiedliche Einheiten sind.

Und zu zu allem Überfluss ist es auch noch so, dass das Feld mit der Unterkontonummer ja vorausgefüllt ist, also keine Eingabe erwartet, so dass man hier also nicht etwa zwei Zffern eingeben muss – sondern Tab drücken muss, um zum nächsten Feld zu kommen. Einfach nur schlecht.

Uwe Bunk verteidigt das neue uMag

Ich kritisierte hier kürzlich auf Bitte des Verlags das neue uMag: Mir war das Heft zu unübersichtlich und ich hatte den Eindruck, dass es seine Stärken verschenkt. Die anderen Blog-Kritiken des Hefts, die auf umagazine.de angerissen und verlinkt werden, sind tatsächlich mehrheitlich positiv, die negativen schießen sich aber auf ähnliche Punkte ein wie ich. Auch DWDL.de hatte zum Relaunch eine Kritik veröffentlicht – und das neue Heft quasi hingerichtet.

Nun gab DWDL.de dem Verleger des uMags, Uwe Bunk, die Möglichkeit zur Stellungnahme. Ich selbst hatte von der Verlagsmitarbeiterin, mit der ich in Kontakt war, noch ein freundliches Feedback auf meine deutliche Kritik erhalten. Sie schrieb mir:  “Genau das wollten wir doch auch, ehrliche Rückmeldungen, die uns helfen, besser zu werden.” Ihr Chef sieht das offensichtlich ganz anders und schießt im DWDL-Interview fast schon verschwörungstheoretisch gegen die Kritiker.

Der Relaunch des „uMag“ wird in der Tat sehr unterschiedlich wahrgenommen: Auf der einen Seite sind die  Fachmedien, die sich mit den Veränderungen nicht so recht abfinden konnten.

[...]

Wir … suchen nach einer Erklärung für die zum Teil recht deutliche Kritik aus der Fachpresse, die auch ein wenig daher rührt, dass wir eine Kommunikationsagentur mit dem Redesign beauftragt haben.

Naja. Zum einen ist es schon der falsche Ansatz nach Erklärungen für Kritik zu suchen, denn es unterstellt dem Kritiker ein Motiv hinter seinen Äußerungen. Ist es nicht denkbar, dass es Leute gibt, die das neue Heft einfach unstrukturiert finden, wenn sie es völlig werkimmanent betrachten? Mir ging es jedenfalls so. Und zum weiteren waren es nicht nur Fachmedien, sondern auch andere Blogger, die Kritik übten. Uwe Bunk dagegen glaubt, dass die und ich nur nicht die richtige Brille aufhatten:

Unser Heft mag auf den ersten Blick diffus erscheinen, aber durch die große Relevanz, die das Internet in den vergangenen Jahren bekommen hat, verändern sich auch unser gesamtes Kommunikationsverhalten und die Rezeptionsweisen. Die Bedeutungszusammenhänge erschließen sich heute anders – und genau da setzen wir an.

Es wird sich letztlich zeigen, ob die Leser Uwe Bunk Recht geben oder DWDL und mir. Aber ich sehe einen riesigen Unterschied zwischen dem tatsächlich oft zusammenhanglosen, sprunghaften Surfen durch’s Web und der fehlenden Struktur einer Zeitschrift: Beim Surfen habe ich nämlich die Maus in der Hand und wähle Inhalte aktiv an. Beim linearen Durchblättern eines Hefts dagegen bekomme ich von der Redaktion eine Information nach der anderen präsentiert, muss also jedesmal dem Gedankensprung eines Anderen folgen, was mindestens anstrengend und meist einfach verwirrend ist.

Endgültig unlogisch wird es für mich allerdings, wenn Bunk erklärt:

Uns war immer klar, dass wir sehr gute Texte machen. Also war die Inszenierung dieser Texte die Hauptaufgabe beim Relaunch.

Texte müssen nicht inszeniert werden, sondern gelesen. Ich habe auch wahrgenommen, dass das alte uMag gute Texte hatte, die lesbar präsentiert wurden. Der Relaunch dagegen hat mit diesen Texten vor allem eins getan: Er hat sie gekürzt. Und zwar, wie der Pressetext erläuterte,  mit voller Absicht, nicht etwa als in Kauf genommenen Kollateralschaden einer angeblich besseren Inszenierung. Warum kürzt man seine größte Stärke?

Wir wollten ein journalistisches Design entwickeln und haben uns daher bei der Neugestaltung gestalterisch auch an Zeitungen angelehnt. Nicht die Bilder, sondern die Texte sollten stärker betont werden.

Wie meinen?

Interview mit den Blood Red Shoes

Interview-Doppelseite

Jedenfalls schließt Bunk aus, dass am Magazin noch etwas Nennenswertes geändert wird.

Insgesamt war ich aber noch nie so zufrieden mit einem Erstprodukt, wie jetzt mit dem neuen „uMag“. Das geht dem gesamten Verlag so. Vor allem die Redaktion strahlt momentan wie die Honigkuchenpferde, weil ihre Inhalte endlich so zur Geltung kommen, wie es ihnen gebührt.

Es ist das gute Recht des Verlags, mit seinem Produkt zufrieden zu sein und meine Kritik zu ignorieren. Und, wie schon gesagt, wird letztlich der wirtschaftliche Erfolg das Urteil sein. Aber ich kann es mir jetzt jedenfalls sparen, wie angekündigt die Entwicklung des Hefts zu verfolgen – weil es keine geben wird.

Kurz reingeblättert: Das neue uMag

Disclosure: Der folgende Artikel entstand auf Anfrage des Hamburger bunkverlags, der das uMag veröffentlicht. Ich wurde angeschrieben, ob ich in diesem Blog eine Heftkritik veröffentlichen wollte und habe die Anfrage angenommen. Ich erhalte für diesen Artikel kein Geld oder andere Leistungen; mir wurden lediglich eine alte und die erste neue Ausgabe des Magazins kostenlos zugeschickt. Außerdem wurde mir die Möglichkeit angeboten, hier im Blog drei Probeabos zu verlosen, worauf ich aber verzichte.

Ob es dieses eine Jahr ist, das ich älter bin als die uMag-Zielgruppe? So ganz warm werde ich mit dem Relaunch des ehemaligen “Magazins für Popkultur und Gegenwart” nämlich nicht, obwohl es keineswegs nur Schatten gibt, sondern auch ein paar echte Highlights.

Alt

Ich kannte das alte U_mag, so die Schreibweise bisher, nicht, kann mich auch nicht erinnern, es jemals in der Hand gehabt zu haben. Der Eindruck, den die November-Ausgabe macht, ist die eines zeitgemäßen Popkultur-Magazins mit klarem Schwerpunkt auf Interviews. Das Layout wirkt wie das eines sehr guten Studentenmagazins: Zeitgemäß, wenn auch nicht cutting edge, aber vor allem sehr klar, mit hohem Weißanteil, auch die Fotos eher auf der High-Key-Seite, insgesamt ein gut und freundlich lesbares Heft.

Beispiele (Post-it-Lesezeichen nicht im Original…):

Altes Interview

Alte DVD-Rezensionsseite

Altes Vermischtes

Aus alt wird neu

Warum eigentlich ein Relaunch? In der letzten Instanz klärt darüber weder das neue Heft selbst auf, noch das die Pressematerial. Im Editorial schreibt Chefredakteurin Jutta Rossellit, dass wir “über unsere Augen leben”, dass Musik wichtig ist und dass Popkultur hoffentlich nie aufhören werde, uns zu verändern. Ob das eine Anspielung auf das neue Heft ist? Veränderung, weil das im Pop eben so sein muss?

Die Zielgruppe des neuen uMags soll jedenfalls sein: “Großstädter, lässig, gebildet, szenig und meinungsstark”, “Early Adopters in den Bereichen Style, Kommunikation, Musik und Kultur” zwischen 20 und 39 Jahren alt. Etwas Sorge machte vorab schon diese Kategorisierung: “Diese Zielgruppe des neuen uMag liest jedoch kaum Tageszeitungen [...] dafür hat [sie] das Netz und Community-Seiten wie facebook stark in ihren Alltag integriert.”

Okay, die Generation Facebook will man also ansprechen, und die lege angeblich mehr Wert auf “kurze, konzentrierte Texte”. Ich halte diese Einschätzung genauso für ein Fehl- oder bestenfalls Vorurteil wie Felix Schwenzel, der zu dem Thema neulich schon ausführlich rumdifferenzierte. Interessant ist, wo die Redaktion ihre Rolle in dem Spiel sieht: “Aus der Fülle der Informationen filtert die Redaktion in Ruhe heraus, was wichtig ist, bereitet Texte und Layouts mit Sorgfalt auf. Dabei spielt die Kompetenz eine Rolle, mit der sich der Verlag seit Jahren in der Kultur- und Entertainmentszene bewegt.” Na, das beruhigt ungemein, wenn Kompetenz eine Rolle spielt. Wie viele Redaktion nehmen sich schließlich vor, endlich mal mit inkompetenter Stümperei den großen Publikumserfolg zu erzielen und gucken dann sparsam, wenn die Leser für 3,30 € Journalismus erwarten?

Im Ernst: Was da beschrieben wird, sollte eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit für jedes Magazin sein, das nicht kostenlos in Franchise-Restaurants verteilt wird. Es entsteht ein bisschen der Eindruck, dass die Redaktion ihren eigenen Anspruch runtergeschraubt hat, um bei den jungen und mittelalten Leuten (neu) zu landen.

Eine schöne Entscheidung ist allerdings die, den Charakter eines Printmagazins zu stärken, indem man das Medium Papier fühlbarer macht: Das neue uMag ist auf gröberem, weniger gebleichtem Papier gedruckt. Ich mag es, wenn man das Papier anfassen kann und seine Struktur fühlt, wenn es sogar etwas mehr nach Papier riecht als eine typische Illustrierte.

Vergleich von vorher und nachher:

Neues vs. altes uMag

Altes und neues Cover im Vergleich

Papier und Typo im alten uMag

alt

Papier und Typo im neuen uMag

neu

Alte Hochglanzfotos

alt

Sichtbar gerasterte, neue Fotos

neu

Neu

Das entsprechend diesem Konzept komplett neu gestaltete uMag macht einen gemischten Eindruck. Die angeblich so konzentrierten Texte wirken nur kurz – insbesondere dann, wenn man schon dem Layout ansieht, dass aus wenig Inhalt viele Seiten gemacht werden sollen.

Interview-Doppelseite

Generell wirkt das neue Magazin deutlich unstrukturierter, schlechter lesbar. Die gestalterische und inhaltliche Klarheit ist einem farblich blassen Durcheinander von Informationshäppchen gewichen. Das fängt beim Inhaltsverzeichnis an, manifestiert sich am stärksten auf den Seiten mit vermischten Inhalten und zeigt sich auch auf einer eigentlich schönen und immerhin einfallsreich gedachten Doppelseite, auf der Alice im Wunderland mit Bildern gehuldigt werden soll. Diese Bilder sind dann aber Konsumgüter, die mit Hersteller und Preis erwähnt werden, was dem ganzen flott den Charme nimmt.

Neues Inhaltsverzeichnis

Vermischtes

Vermischtes

Bildartikel über Alice im Wunderland

Zwei Lichtblicke gibt es aber auch. Zum einen eine wunderschöne Strecke mit Fotos von Todd Hido, der gewissermaßen Desperate Housewives und ihre Häuser fotografiert hat. Bei ihm kommen seine Kunst, die Papierqualität und die inhaltliche Ausrichtung des uMags endlich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Schöne Fotostrecke

Schöne Fotostrecke

Sichtbar gerasterte Fotos

Überhaupt: Wenn schon das Papier matt ist, dann müssen die Fotos strahlen. Und das tun sie, wenn auch düster, im Fall von Todd Hidos Bildern mal. Ansonsten aber dominieren im neuen uMag blasse Farben, ganze Seiten sind in stumpfminz gefärbt, was aber einfach nur unspannend ist. Die “11 Freunde” macht Monat für Monat vor, wie’s geht: Stumpfes Papier, klare Fotos.

Das gelingt dem uMag auch bei der Titelstrecke über die Blood Red Shoes. Um das etwas in das eigene Shooting verliebte Interview will ich in diesem Fall lieber den Mantel des Schweigens hüllen, aber die Fotos passen auch hier gut zum physikalischen Format des neuen Magazins.

Interview mit den Blood Red Shoes

Schlussendlich gibt es noch einen ordentlichen Artikel über den vorgeblichen Backlash gegen soziale Netzwerke. Auch hier ist das Layout gut gelungen, und selbst wenn der Artikeltext letztlich nur die kulturpessimistischen Thesen eines aktuellen Buchs etwas unkritisch widergibt, werden diesem Text doch drei Interviews mit aktiven Web-2.0-Nutzern gegenübergestellt, was als journalistisch sauberes Konzept schon durchgehen kann.

Bericht über soziale Netzwerke

Fazit

Unter dem großen Strich kann ich im Relaunch des uMags zwar Veränderung erkennen, aber keine Verbesserung. Das Papier ist schöner geworden, das Format übrigens auch minimal handlicher. Aber die Chancen, die das Papier bietet, werden aus meiner Sicht zu oft vergeben. Häppchenjournalismus war angekündigt, und Häppchenjournalismus ist das neue uMag geworden. Das liest sich letztlich so verwirrend wie die KinoNews bei McDonald’s.

Auf den oben erwähnten Lichtblicken im Heft kann man aufbauen, aber die letzte Notwendigkeit des Relaunchs, wenn er nicht wirtschaftlich notwendig war, erschließt sich mir im Rückblick und als Neuleser nicht. Dennoch werde ich in den nächsten Monaten sicher immer mal wieder reinschauen und verfolgen, wie sich das Heft entwickelt.

P.S.: Hier gibt’s eine Sammlung der anderen Blattkritiken aus den vom uMag angeschriebenen Blogs.

P.P.S.: Verleger Uwe Bunk verteidigt das neue uMag im Interview mit DWDL.

Seitenkopf mit winzigkleiner Seitenzahl

Jugendsünde Plagiat?

Ich bin ja, wie regelmäßige Leser wissen, tendenziell dafür, Copyright und Patentrecht stark zu lockern. Ich bin aber im übrigen auch für Fairness. Ich finde, wenn man abschreibt, sollte man das grundsätzlich dürfen, man sollte aber auch sagen, dass und von wem man abgeschrieben hat.

Helene Hegemann, der schwer geyhpten Autorin von “Axolotl Roadkill”, wird jetzt vorgeworfen, ganze Textpassagen ihres Buchs fast wortwörtlich kopiert zu haben. Sehr interessiert lese ich nun , dass die FAZ meint, das sei ja jetzt nicht soooo schlimm, jedenfalls solle man das Thema “auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents” diskutieren. (Gregor fragt auf “Begleitschreiben” zu Recht, ob der Vorgang nicht gerade die Bezeichnung als “Talent” in Frage stellt?)

Ich bin mir sicher, diese Worte wird man beim Perlentaucher mit großem Interesse vernehmen. Hätte man damals einfach nur mehr Teenager in der Redaktion beschäftigen müssen, um der Unterlassungsklage der FAZ zu entgehen?

(alles via umblaetterer)

Kurz reingeschaut: "A Serious Man"

Ich würd mal sagen: Bogen überspannt, liebe Coens. Einfach nur skurill und unwahrscheinlich reicht eben auch nicht, etwas Story darf schon sein. “A Serious Man” beginnt, nach einem etwas unzusammenhängenden Vorspann, indem Larry Gopnik in gefühlter Zeitlupe irgendeine große Scheiße passiert, so geht es dann in einer Tour weiter, und am Ende ist es immer noch so, nach einem minimalen Zwischenhoch. Währenddessen lassen die Coens skurrille Rabbis auftreten, skurrille Nachbarn und -innen, skurille Dentalpatienten, und der Sohn von Gopnik darf wegen der Fehljustierung der häuslichen TV-Antenne nerven.

Wirklich bewegen aber tut sich in “A Serious Man” nichts. Fragen werden nicht gestellt, Antworten nicht gegeben. Das scheint Absicht zu sein, wie die unterhaltsamste, weil zur Abwechslung immerhin mal schnell erzählte Geschichte in der Mitte des Films illustriert, in der es um geheime Botschaften auf der Innenseite eines Gebisses geht und die ebenso pointenlos endet wie der ganze Film. Und nicht mal die Qualität eines Roadmovies hat A Serious Man, aus dem Held und Zuschauer durch zahlreiche Erlebnisse gestärkt irgendwie als bessere oder wenigstens klügere Menschen hervorgehen würden. Nichts davon.

Dass die Coens ihr Handwerk wie immer meisterlich beherrschen, hebt diesen Film aus dem Mittelmaß natürlich doch noch heraus. Die Skurrillität und die rein filmische Brillanz ringen einem immer wieder mal ein Schmunzeln ab. Aber am Ende wartet man doch darauf, dass die ganze Sache ans Fliegen käme.

Mehr als eine stilistische Fingerübung, offenbar verbunden mit der Verarbeitung von Jugendeindrücken, ist A Serious Man leider nicht geworden. Doch zum Glück sind die Brüder produktiv genug, so dass man wahrscheinlich nicht lange auf ein neues Meisterwerk warten muss.