Archiv der Kategorie: Musik

Iron & Wine live im Gloria in Köln

Vor fast genau einem Jahr hatte ich DePedro live in Köln gesehen, gestern war ein anderer Künstler aus dem Umfeld von Calexico zu Gast: Sam Beam alias Iron & Wine. Während DePedro sich noch mit dem kleinen Yard Club, einem Nebenraum der “Kantine” am Rande der Stadt  begnügen musste, durfte Iron & Wine in den schönsten Saal, den Köln zu bieten hat: das ehemalige Kino Gloria, mitten in der Innenstadt gelegen. Der Raum war gut gefüllt, wenn nicht sogar ausverkauft. Man merkt eben doch, wenn einer mal zwei kleinere Hits hatte, weil seine Songs in Soundtracks aufgenommen wurden: “Such Great Heights”, eine Coverversion, in “Garden State”, und “Flightless Bird, American Mouth” in einem der berüchtigten Twilight-Filme.

Twilight-Fans waren gestern aber keine zu erkennen, stattdessen das übliche Indie-Publikum, vielleicht im Schnitt ein bisschen weiblicher als bei anderen Bands. Ist halt doch ein Kuschelmusiker, quasi der musikpolitisch korrekte Damian Rice.

Beam begann das Konzert in kleiner Besetzung: nur er mit Gitarre, ein Mandolinist, ein Keyboarder und eine Backgroundsängerin. Mit dieser Combo gab er gleich zum Auftakt eine zarte Version von “He Lays In The Reins”, des bekanntesten Stücks, mit Calxico aufgenommen und auf CD fast pathetisch.

Iron & Wine

Nach vier Stücken ergänzten dann vier weitere Musiker die Band und spazierten quer durch die alten und neuen Platten von Iron & Wine.

Iron & Wine

Die Interpretationen waren mal funkig, mal psychedelisch, mal traurig, aber immer präzise und vor allem zutiefst musikalisch und emotional. Sam Beam ist einfach ein toller Musiker, er hat eine gute Band um sich versammelt und er versteht es, einen Saal völlig ohne Worte für sich einzunehmen.

Ein einfach nur schönes Konzert, nicht weltverändernd, aber herzerwärmend. (Setlist)

Iron & Wine

Iron & Wine

[UPDATE am 14.02. mit weiteren Videos des Kölner Konzerts]

Kurz reingeschaut: Girls in der Werkstatt in Köln

Ein seltsamer Auftritt. Die Girls kommen aus San Franciso, und den kalifornischen Sound hört man aus jeder Note, aus jedem Song, den sie spielen; insbesondere die Beach-Boys-Anklänge sind unverkennbar. Der Sound ist poppig, immer leicht surfig verhallt, aber letztlich doch gefällig.

Umso überraschender ist es, wenn der Sänger die Bühne betritt, und seine Haare im wilden 80er-Soft-Metal-Stil trägt, lang, leicht zottelig, einen deutlichen Scheitel weit auf einer Kopfseite. Dazu dann dünne, tätowierte Arme. Sieht erst mal cool aus und weckt Erwartungen – die die Band leider zu keiner Sekunde erfüllt. Das ist alles viel zu brav, die Songs werden lieb runtergespielt, nicht mal besonders emotional, wenn auch technisch sauber und gut gesungen. Auch am Tempo ändert sich nix: Alles Midtempo-Geschrammel, keine Variation in Sicht über viele Strandmeilen. Nach jedem Song gibt es dann ein schüchternes und leises “Thank you”, nächster Titel.

Fast jeder Song der Girls hat das Potenzial zu einer ganz großen Hymne. Aber die Präsentation lässt sowas von zu wünschen übrig, dass es schon weh tut. Und dass ich das mal über ein Konzert sagen muss: Nicht mal die Lautstärke stimmte. Ich freue mich wirklich, wenn der Mischer dir nicht die Ohren bluten lässt. Aber dass man sich während eines Konzerts normaler Zimmerlautstärke unterhalten kann, das geht dann doch auch auf Kosten der Emphase.

Schade, liebe Girls, das hätte so viel sein können, aber das war am Ende leider fast nix außer nett. Bitte kommt wieder, wenn ihr ein bisschen mehr vor dem Spiegel geübt habt und wenn euer Mischer die 10 auf den Reglern nicht nur während eurer völlig unpassenden Feedbackorgie findet. Bis dahin höre ich lieber weiter eure wirklich schöne Platte und hoffe, dass die Apples in Stereo mal vorbei kommen.

Girls

Kurz reingeschaut: Hot Chip in der Live Music Hall in Köln

Es muss ein dumpfes, vermutliches zu leises Geräusch gegeben haben, als mein Kopf auf die Tischplatte aufschlug. Verdammt, dachte ich noch bei mir, als ich die Kneipenholzmaserung näher kommen und schließlich unscharf verschwimmen sah, verdammt SurfGuard, sie haben dich reingelegt. Spätestens hätte ich stutzig werden sollen, als meine Begleiterinnen sich noch einen Schnaps mit Tabasco die eine, und einen eigentlich zu starken Wodka-Cocktail die andere bestellten, während mein Raumquadrant schon lange begonnen hatte, mein Bewusstsein in einen Strudel aus Alkohol und Passivrauch zu quirlen.

Hatten, früher am Abend, die großen Kölsch etwa doch mehr Alkohol gehabt als die in Plastikbecher umgeschenkten Heinekenfläschen, an denen V.J. mit betont spitzem Mund genippt hatte? Doch wahrscheinlich hatte ihr signalroter Lippenstift bereits da die meisten rationalen Gedanken überstrahlt gehabt, die ich mir eigentlich hätte machen sollen.

Es war also meine einzige Hoffnung, dass jemand die kleinen Spuren zu einer Fährte würde kombinieren können, die ich während des Abends unauffällig hinter mich gestreut hatte: Ein kurzer Tweet hier, ein betont großes Trinkgeld für den LMH-Bartender da, und schließlich noch der Deckel, den ich mir in den Hängenden Gärten auf meinen bürgerlichen Vornamen hatte machen lassen, anstatt, wie zunächst gefordert, bar zu zahlen.

Doch das waren alles Gedanken, die in Ruhe zu erwägen ich noch alle Zeit der Welt haben würde, wenn ich mich am nächsten Morgen in einem verlassenen Neu-Ehrenfelder Hinterhof wiederfinden würde, hinter einer mit Graffiti besprühten Stahltür, bewacht von einem blonden Dackel.

Bloß nicht in der Öffentlichkeit schnarchen, schoss es mir noch durch den Kopf. Doch dann ließ ich einfach zu, dass die Nacht mich zum ersten Mal an diesem Abend mit ihrer Schwärze überspülte.

tbc…

Nun mag es also sein, liebe Gelegenheitsleser und Abonnenten, dass mein einseitig schmerzendes Hirn mir nicht mehr das neutralste Bild des gestrigen Abends mit Hot Chip in der Live Music Hall vorspielt. Aber ist elektronische Musik dafür gemacht, nüchtern gehört zu werden? Wohl nicht! Oder wird elektronische Musik dafür erdacht, von CDs gehört zu werden? Unsinn!

So kann ich euch also nur zurufen: Lasst euch nicht täuschen von den schnarchlangweiligen Platten von Hot Chip! Die Jungs können live so viel mehr, die können eigentlich alles: Die können grooven, die können rocken, die können einfach mitreißen!

Und wenn es mir ja, wie regelmäßige Konsumenten wissen, auf Konzerten darum geht, die Seele einer Band zu sehen, dann ist mir gestern sogar das gelungen. Dort, in der Mitte von Hot Chip, sitzen nämlich KISS und strecken dir ihre lange Zunge durch die 90er-Elektrobeats und die zahllosen Schichten aus 80er-Sounds entgegen. These Chips were made for loving you!

Was für ein lohnender Abend, was ein Rausch, was für eine tolle Live-Band! Und wer auf offener Bühne ein Wham!-T-Shirt-trägt, der kann sowieso kein schlechter Mensch sein. Du regelst, Alexis Taylor.

Hot Chip

Kurz reingeschaut: Tocotronic live im E-Werk in Köln

Nach all den Jahren endlich ein Tocotronic-Konzert. In den letzten 17 Jahren war ein Auf und Ab in der musikalischen Beziehung zwischen den Tocos und mir: Zu Beginn widersetzte ich mich dem von der Spex, wie ich fand, völlig hysterisch losgetretenen Hype um drei Hamburger, die ganz witzige Texte und nette Musik machten. Mit der “Wir kommen um uns zu beschweren” hatten sie dann aber auch mich komplett eingefangen, nur um just nach diesem Zeitpunkt ihren Weg in Richtung eines neuen Sounds einzuschlagen. Bei “K.O.O.K.” war ich wieder komplett raus aus der Nummer, aber mit “Kapitulation” und erst recht der letzten Platte saugten mich Tocotronic zurück in ihr Universum.

Wirkliche Erwartungen hatte ich also vor dem Konzert nicht, außer, dass die Jungs genug Übung haben sollten, um zu wissen, was live funktioniert. Diese Erwartungen wurden teilweise erfüllt, teilweise enttäuscht.

Etwas enttäuschend fand ich nämlich die Präsentation vieler Songs: Das waren 1:1-Kopien der Studioaufnahmen, natürlich etwas lauter, aber nicht unbedingt pointierter. Da hätte ich mir mehr versprochen. Ich wollte verstehen, was Tocotronic im Kern ausmacht, wie Tocotronic wirklich ticken. Ich wollte in die Seele von Tocotronic sehen, so wie mir das bei Jochen Distelmeyer gelungen war. (Genau genommen war es natürlich Jochen Distelmeyer gelungen, in meine Seele zu blicken – und mir zu spiegeln, was er dort gesehen hatte.) Dass vor der Show die Halle mit Bohren & Der Club Of Gore beschallt wurde, war zwar schon mal ein kleines Statement, aber das alleine genügt mir nicht.

In der Songauswahl beschränken sich Tocotronic auf die neueren und mittelalten Stücke, ihre Vergangenheit scheinen sie, bis auf ein, zwei Ausnahmen, abgelegt zu haben. Das ist respektabel, wenn auch schade.

Voll erfüllt wurden allerdings meine Erwartungen an die Show als Show. Der Aufbau der Bühne ist klassisch und reduziert: Die drei Gitarristen stehen angemessen breitbeinig an der Rampe, ruhig und doch in sich agil, einfach würdevoll. Dahinter thront leicht erhöht Arne Zank am Drumkit und dynamisiert das Bild mit seinem immer leicht animalesken Spiel.

Ganz, ganz, ganz toll, also wirklich sehr super ist aber das Licht gelungen. Die Bühne des E-Werks wird ständig von zwei rechts und links aufgestellten, nach oben gerichteten Rauchwerfern deutlich oberhalb Kopfhöhe unter Dampf gehalten, was alleine schon einen majestätischen Eindruck macht, wie der Rauch dort langsam wabert. Von oben leuchten simple, aber schön orchestrierte, farbige Spots die Musiker an. Und im Bühnenhintergrund sind über die komlette Breite auf Hüfthöhe gelblich-weiße Scheinwerfer angebracht, die direkt nach vorne ins Publikum leuchten. Dieses Setting passt perfekt zu den Songs, zu der Musik, zum Sound von Tocotronic. Ein schöner Anblick.

Am Ende war es ein okayer Konzert, jedenfalls über dem Durchschnitt, aber auch nicht in der Spitze des Möglichen. Dazu fehlte etwas Tiefe, vielleicht auch etwas Empathie. Aber man kann es auch so sehen: Diese Tocos haben noch Potenzial.

Tocotronic

Kurz reingeschaut: DePedro im Yard Club, Köln

DePedro ist die Band von Jairo Zavala, einem spanischen Sänger und Gitarristen, der auch mal zum Umkreis von Calexico gehört(e?). Über just diese Verbindung  war auch meine reizende Begleiterin aus der anderen Kurve auf DePedro gekommen, als die nämlich mal im Vorprogramm einer Calexico-Show aufgetreten waren. DePedro machen letztlich sehr gute, spanische Popmusik mit leichtem, quasi calexicalischem Wüsteneinschlag.

Gestern traten sie live im Yard Club auf, weder Band noch Club kannte ich vorher, aber beide begeisterten. Der Yard Club ist quasi ein Nebenraum der bekannten Kantine. Wenn der Laden nicht am Ende der Kölner Welt wäre, gefühlt schon fast in Leverkusen, dann könnte das mein neuer Lieblingsclub werden: Angenehme Größe, schätzungsweise 200 Zuschauer Fassungsvermögen, große Bar am Ende des Saals, ein paar Stehtische und Barhocker im Raum verteilt und längs einer Seite des Raums ein paar hohe, breite und feste Polsterbänke. Sehr sympathisches Setting!

DePedro spielten ein schönes Set mit wechselnden Stimmungen, an dem sie sichtlich Spaß hatten. Besonders beeindruckend ist die Musikalität, mit der die Band performt: Da swingt, was swingen soll, da ist echte Tiefe, da ist aber auch genug Emphase, wenn es mal auf die 12 geht. Der Drummer wechselt in jedem Song mindestens einmal die Sticks, gearbeitet die Trommeln mit Holzstöcken, Paukenklöppeln, Besen oder auch den bloßen den Händen. Und dann natürlich immer wieder die lang gezogenen Trompeten! Jairo Zavala gibt all dem einen souveränen Maestro, bestimmt den Lauf der Dinge und singt so makellos wie emotional.

Natürlich ist das am Ende schon klassischer Folklore-Pop, das aber von allerbester Qualität. Ich werde sehr gerne wieder kommen. (Coole T-Shirts übrigens auch!)

Depedro

Kurz reingeschaut: Tegan and Sara live im E-Werk in Köln

Es gab wohl noch wenige Konzerte, auf denen ich mich so fehlplatziert gefühlt habe und doch mit einem okayen Gefühl nach Hause ging. Es begann damit, dass ich mich dem E-Werk näherte und die ganze Zeit das Gefühl hatte, auf Stelzen zu laufen: Ich war schätzungsweise 30 cm größer als 50% des Publikums. Ich habe, während ich mich durch’s E-Werk bewegte, ungelogen immer wieder mal auf den Boden geschaut, ob kurz vor mir nicht eine Stufe nach unten kommt. Das lag zum einen daran, dass es zahllose Teenies zu Tegan and Sara gezogen hatte, 14- bis 16-Jährige Mädchen, aber auch die etwas Älteren waren nicht viel größer. Hat sich die deutsche Jugend vielleicht schon in die körperliche Regredienz komagesoffen? Oder gehen zu Rolemodels wie dem lesbischen Zwillingspaar Tegan Rain und Sara Kiersten Quin nur die kleinwüchsigen Mädchen, weil die eher jemanden suchen, zu dem sie (buchstäblich) aufsehen können? Ich will nicht zu viel küchenpsychologisieren, aber es war wirklich frappierend.

Das Konzert ist dagegen schnell erzählt. Zu Beginn lief die Show ziemlich an mir vorbei. Zu mainstreamig, einfach konventionell waren die Songs. Aber auch eine Ansage unmittelbar zu Beginn, als Tegan oder Sara dem Publikum auf die wirklich platteste Art und Weise schmeichelte, hatte mich kurz aus der Spur geschossen. Immerhin stand ich direkt an der Bar, so dass es auch der Alkohol gewesen seinkann, der mich gegen Ende der Show dann doch noch positiv für die Band einnahm. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass die Songs stimmungsvoller wurden, mit Sicherheit jedoch wurden die Ansagen besser. Die beiden erzählten Stories über ihren Dad, die, selbst wenn sie es waren, nicht komplett auswendig gelernt und routiniert wirkten. Sehr sympathisch dann auch die Vorstellungsrunde für die Band, als jeder ein kleines Solo spielen durfte, allerdings nicht irgendeins, sondern ein cheekig-posendes: So musste sich der Drummer am Intro von “In the air tonight” versuchen, das er übrigens nur dem Stil nach, aber nicht Schlag für Schlag hinbekam. Ob das jetzt für ihn sprach?

Jedenfalls verließ ich das E-Werk versöhnt mit der Band, die ich nach 15 Minuten schon in die Kategorie “komplett überhypt” einordnen wollte. Ordentliche Mainstream-Emo-Indie-Mucke. Muss man jetzt aber auch nicht gesehen haben.

Tegan and Sara

Kurz reingeschaut: Juliette Lewis im Gloria in Köln

Seit fünf Jahren ist Juliette Lewis jedes Jahr mindestens einmal in der Stadt, und noch nie hatte ich es geschafft, mir sie anzusehen, immer kam etwas dazwischen. Wahrscheinlich hatte ein gnädiges Schicksal darauf gewartet, dass sie endlich im schönsten Konzertsaal Kölns auftritt, im Gloria, wohin das Konzert aus der schlimmen Live Music Hall verlegt worden war. (Danke! Danke! Danke!) Der Grund dafür war wohl der nicht so brillant laufende Vorverkauf, tatsächlich war die Veranstaltung nicht komplett ausverkauft, größere Lücken im Publikum gab es allerdings auch nicht. Ob es an der Konkurrenz durch die Editors lag, die am selben Abend im Palladium auftraten? Oder hat Juliette Lewis durch ihre neue Platte doch ein paar Fans verschreckt, wie sie selbst etwas kokett vermutete? Ganz so straight wie die ersten Veröffentlichungen ist “Terra Incognita” nämlich nicht, ein paar mehr gebrochene Akkorde haben sich eingeschlichen.

Juliette Lewis

Sieben Songs der neuen Platte spielte Ms. Lewis an diesem Abend, und leider keinen der ganz großen Kracher ihrer früheren Platten außer “You’re Speaking My Language”. Aber kein “20 Year Old Lover”, kein “American Boy” oder “Seventh Sign”, kein “This I Know”.

Doch bei aller leichten Enttäuschung über die Setlist, lehrte doch gerade das: Bei Juliette Lewis geht’s nicht nur um die Musik, sondern um das Erlebnis. Dass die 36-Jährige über die Bühne wirbeln kann, weiß man, dass sie nicht still halten könnte, wenn sie’s wirklich wollte, ebenso. Aber dass das ganze keine Gymnastik ist, sondern echte Wirkung rüberbringt, das merkt man erst, wenn man im selben Saal steht wie sie. Und die kleine Stagediving-Einlage war da noch der kalkulierteste Höhepunkt (ab ca. 4:30).

Und dass das Kölner Publikum geiler sein soll als das in München und Wiesbaden? Naja, Überraschung… (Und Hamburg haben wir am Ende auch noch gekriegt.)

Letztlich lernt man bei einem Juliette-Lewis-Konzert aber vor allem eins: Dass man geboren ist, um am Leben zu sein, wie sie vor ihrem Auftritt bei schon abgedunkeltem Saallicht laut über die Boxen mitteilen lässt. (Übrigens ein Song, der ohne Video doch irgendwie cooler wirkt.)

Am Ende war’s eine lohnende Investition. Gut gerockt wankt man nach Hause und freut sich schon auf’s nächste Mal.

Juliette Lewis

Juliette Lewis

Kurz reingeschaut: Jochen Distelmeyer im Gloria in Köln

Dieser Mann schlägt eine Saite in mir an. Natürlich bin ich nicht der einzige, dem das so geht, und ich kann auch nicht genau den Finger drauf legen. Aber Tatsache ist, dass ich gestern, so irgendwann bei der zweiten Zugabe wahrscheinlich, da stand, und mal wieder das Wasser bis zur Pupille stehen hatte. Es war kein spezielles Lied, insbesondere nicht etwa ein besonders romantisches, das die Band gerade spielte. Aber es war ein Moment, in dem ich mich einfach zutiefst verstanden fühlte von Jochen Distelmeyers Texten und von seiner Musik.

Jochen Distelmeyer

Das Gloria ist natürlich einer der schönsten Kölner Orte, die man sich für ein Distelmeyer-Konzert wünschen kann: Ein altes Kino, rot-plüschig verkleidet, nicht zu groß, nicht zu klein, mit perfektem Blick auf die Bühne, wenn man wie ich hinten vor der Bar steht.

Das Konzert begann, indem die Band die Bühne betrat, einen sehr langsam anschwellenden Feedbacksturm entfachte, der dann überging in “Wohin mit dem Hass?” Ein würdiger Auftakt, gefolgt von zwei weiteren schnellen Stücken und dann einem Set, bunt gemischt aus Distelmeyer- und jüngeren wie älteren Blumfeld-Songs.

Besonders auffällig war, wie viel musikalischer als gewohnt Distelmeyer besonders die Blumfeldstücke interpretierte. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob dieses Erlebnis nicht vielleicht dem Mischer zu verdanken war, der mal den Bass oder mal die Schnörkel spielende zweite Gitarre etwas mehr hervorhob als gewohnt und so dem Stück eine neue Kopfnote gab. Aber spätestens bei den älteren Stücken (“2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß”, “Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder”) wurde offensichtlich, dass Distelmeyer auch die Gesangsmelodie variiert hatte, ihr einfach etwas mehr Melodie verpasst hatte.

Und so stand da nach dem wütenden Beginn ein Distelmeyer auf der Bühne, der zu seinen alten Stücken aufrecht und ungebrochen steht, der sie heute aber doch mit etwas mehr Milde sieht.

Jochen Distelmeyer

Ob die drei Zugaben nach dem regulären, etwa einstündigen Set, auch der Tatsache zu verdanken waren, dass das Konzert aufgezeichnet wurde? Jedenfalls kam Distelmeyer für insgesamt eine weitere Stunde zu drei Zugaben zurück auf die Bühne, herzlich gefeiert vom dankbaren Publikum. Kleine Höhepunkte der Zugaben waren eine nicht mehr a capella gegebene, sondern sehr sparsam, mit akustischer Gitarre und ein paar Keyboard-Phrasen instrumentierte Version von “Regen”, außerdem eine Coverversion von Patti Smiths eigentlich schon totgenudeltem Hit “Dancing Barefoot”, die überraschend hell und frisch strahlte.

Es endete mit einer ziemlich plattengetreuen Version von “Old Nobody”. Doch das Gefühl des Abends hatte Distelmeyer bereits ganz zu Beginn vorgegeben, als er nach dem ersten oder zweiten Song die Band und sich mit den Worten vorstelle: “Wir sind Jochen Distelmeyer.” Nein, Jochen, das ist natürlich Quatsch. WIR sind Jochen Distelmeyer, und du bist wir, wenn du das willst. Es gibt einfach keinen anderen Musiker, der ein vage deutsches Lebensgefühl mit solcher künstlerischen Tiefe, solcher ehrlichen Emotionalität und gleichzeitigen Unaffektierheit fasst wie Jochen Distelmeyer.

Das werden lange Jahre bis zum nächsten Konzert.

Jochen Distelmeyer

Kurz reingeschaut: Ja, Panik im Gebäude 9 in Köln

Seltsam, mit wie wenig Haltung diese Band live daher kommt – auch wenn das wirklich nur für die Körperlichkeit zweier Bandmitglieder gilt. Es ist nämlich frappierend zu sehen, wie die Gitarristen dieser so kraftvollen und emotionalen Band wie gebeugte Abiturienten auf die Bühne schlurfen. Frontmann Andreas Spechtl hat sich das Mikrophon ungefähr in Brustbeinhöhe montiert und beugt sich zum Singen nachgerade geierhaft hinunter. Gitarrist Thomas Schleicher wirkt wie eine viel zu junge Mischung aus John Cleese und dem “Vollstrecker”, wer von euch den noch aus “Donnerlippchen” kennt. Beide aber spielen voller Energie, Präzision und wütender Emotion die Songs von Ja, Panik.

Seltsamerweise stört mich bei dieser Band mal nicht, dass die Live-Versionen fast identisch mit denen der Platten sind. Denn zum einen sind die so gut, dass man ihnen vielleicht gar nichts mehr hinzufügen kann. Und zum anderen lassen einen schon das Erscheinungsbild und auch die trockenen Ansagen von Andreas Spechtl viel über diese Band und ihre Songs lernen. Besonders sympathisch wird mir Spechtl, als er nach ein paar etwas ruhigeren Songs das Publikum ermuntert, ab nun würde es etwas flotter zur Sache gehen: Man merke immer, dass das nötig sei, wenn das Publikum zu quasseln beginne.

Danke, Andreas, auch mich nervt es schon seit Jahren, wenn ich auf ein Konzert gehe, und neben oder hinter mir Dauergespräche geführt werden. Wenn man die Leute darauf anspricht, reagieren sie immer sehr erstaunt, schließlich sei man ja nicht in der Philharmonie. Aber warum gehe ich denn auf ein Konzert, wenn ich gar nicht vorhabe, der Band meine Aufmerksamkeit zu schenken?

Bei der Zugabe kommt jedenfalls niemand auf die Idee, zu quatschen, denn Ja, Panik beschließen den Abend mit einer Orgie aus Schrei und Krach, bei der auch der zuvor präzise, aber sehr im Hintergrund bleibende Drummer Sebastian Janata aus sich herausgeht und im Feedbackregen demonstrativ sein Kit umwirft. Da nimmt man es Ja, Panik nicht einmal übel, wenn auch sie das zur Mode gewordene Spielchen geben, bei dem ein Publikum die erste Zugabe ungefragt bekommt, eine zweite aber garantiert nicht mehr, weil schnell Musik von Band eingespielt wird.

Unterm Strich also ein Besuch, der sich gelohnt hat, auch wenn die Band noch etwas mehr aus sich rausgehen und besonders musikalisch etwas freier werden könnte. Ich komme wieder – und mit mir dann hoffentlich noch ein paar mehr Besucher, denn Ja, Panik haben deutlich mehr verdient als ein zu gerade mal 1/4 gefülltes Gebäude 9.

P.S.: Sehr erwähnenswert übrigens auch die Vorband, Nil, deren auf Myspace verfügbare Aufnahmen nicht ansatzweise die Eindringlichkeit und Emotionalität widerspiegeln, die diese noch vertragslose Band auf die Bühne brachte. Am nächsten Donnerstag, 29.10., treten Nil im Stereo Wonderland auf. Ich empfehle einen Besuch!

Ja, Panik

Kurz reingeschaut: Tortoise in der Kulturkirche in Köln

Tortoise-Konzerte scheinen Soloveranstaltungen zu sein – wenigstens für mich. Bei meinem ersten Besuch, 1996 in der alten Kölner Kantine, nahm ich meine beste Freundin mit, die es (natürlich, ich Depp) hasste, so dass ich nach der Hälfte des Konzerts alleine dastand. Beim zweiten Mal, nur ein paar Monate später im Autonomen Zentrum in Aachen, ging ich dann gleich alleine hin. Und als ich jetzt, nach 13 Jahren, den Freunden mal wieder die Ehre geben wollte, da hing mein geplanter Mitgänger in seiner neuen Verantwortung für die Fortuna beim immerhin hoch erfolgreichen Auswärtsspiel in Hamm bzw. auf der A1 fest. Andere, in Nippes wohnende Kollegen, überschlugen sich zwar mit Sympathiebekundungen via Twitter, tauchten letztlich aber auch nicht vor Ort auf.

Egal, dann eben vor der Tür noch rasch die überschüssige Karte vertickt, und wieder mal alleine rein.

Tortoise

Es begann mit Hauschka. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Volker Bertelmann, der auf der Bühne diverse Gegenstände in sein Piano stopft und auf dem so verfremdeten Instrument Musik macht. Zwischen oder auf den Saiten finden sich da Keile aus verschiedenen Materialien, Streifen, Tapes, Bälle und auch elektrische Geräte, die die Saiten hektisch von alleine anschlagen. Darüber spielt Hauschka repetitive Themen, so dass sich hier mal die Verwandtschaft der Vorband zum Hauptact sofort erschließt. Entsprechend freundlichen und anhaltenden Applaus erhält er für seine fast einstündige Performance denn auch. Verdient!

Hauschka

Hauschka

Gegen viertel nach neun betreten dann Tortoise die Bühne – und machen in ihrem ersten Song sofort den ersten Fehler: Sie benutzen einen Bass. Das aber sollte man in der Kulturkirche lieber nicht tun. Wenigstens nicht dann, wenn man möchte, dass die Zuschauer außer einem dröhnenden Brummen noch etwas hören. Die Akustik einer Kirche ist definitiv nicht für zeitgenössische Elektrobässe ausgelegt. Da hallt einfach zu viel. Der arme Mixer bekam den Sound im zweiten, dritten Song immerhin einigermaßen in den Griff, so dass man nicht mehr nur krachiges Schlagzeug über Dröhnbass wahrnahm. Wirklich gut wurde der Klang aber nie, und da das schon letztes Mal so war, werde ich mir gut überlegen, ob ich noch mal ein Konzert in der Kulturkirche besuche.

Tortoise kann man man jedenfalls keinen Vorwurf machen. Die Band rackerte sich an ihrer Musik ab, in einer seltsamen, strengen, aber auch vereinnahmenden Mischung aus Spielfreude und Todesernst. Da schaut kaum mal jemand ins Publikum, für den Applaus gedankt wird sowieso nicht, stattdessen werden zwischen den Songs wortlos die Instrumente gewechselt, einer macht den Anfang für das nächste Stück, und die Band fällt ein. Das ist alles hochpräzise, sehr kraftvoll und einfach engagiert. Die wollen nicht nur spielen, die meinen es ernst mit ihrer Musik. Das grenzt zwar mit zunehmender Dauer auch ans Anstrengende, aber letztlich muss man doch froh sein, wie gut diese Musiker ihre Instrumente und ihre komplexen Arrangements beherrschen.

Denn nur so entsteht nach und nach dieser ganz spezielle Sog, der Tortoise-Konzerte auszeichnet. Wenn die meist zwei Drummer vorne am Bühnenrand die Rhythmen in die Felle dreschen, oder  wenn, wie bei meinem Lieblingsstück Ten-Day Interval, sechs Klöppel mit högschder Konzentration auf die Platten hämmern, dann ist wenig Raum für einen zweiten Gedanken. Die speziellen Tortoise-Harmonien tragen das ihre bei – und auch John McEntires entrückter Blick am Drumkit, immer schräg nach oben über das Publikum gerichtet.

Am Ende gibt es zwei Zugaben, so dass die Konzertdauer fast zwei Stunden beträgt. Ich gehe zufrieden nach Hause und weiß, dass es nicht wieder 13 Jahre dauern wird bis zu meinem nächsten Tortoise-Konzert. Aber auch nur, wenn ein besserer Sound garantiert ist.

Tortoise

Tortoise

Tortoise

Tortoise

Tortoise