Es ging eine Welle der Empörung durch’s Web, als Twitter erklärte, dass es sich vorbehält, die Nutzung seiner API einzuschränken, wenn und für wen es ihm gefällt. Für eine unterstützenswerte Alternative zu Twitter wird nun verschiedentlich app.net gehalten, weil sich der Betreiber als Plattformanbieter versteht und nicht als Dienstanbieter.
Doch letztlich greift auch das zu kurz. Denn es ist meiner Ansicht nach klar: Die Infrastruktur zur Vermittlung von Diensten gehört, pathetisch gesprochen, in die Hände des Volkes.
Eine Analogie: Twitter verhält sich wie ein privater Anbieter von kostenlosen Straßen, der selbst auch ein Auto herstellt. Irgendwann hat er keinen Bock mehr auf die ganzen Volkswagen und Opel auf seinen Straßen, also schränkt er die Nutzung auf 100 VW und 50 Opel pro Stunde ein, damit mehr Menschen seine eigenen Autos kaufen. Außerdem verlangt er, dass die Radios aller Autos auf seinen Straßen die von ihm ausgestrahlten Werbesendungen wiedergeben.
App.net ist im Gegensatz dazu ein privater Straßenanbieter, der verspricht, niemals selbst ein Auto herzustellen. Das freut die Autohersteller, die sich auf diese Zusage aber nicht verlassen können. App.net verlangt im Gegensatz zu Twitter eine Gebühr für die Nutzung seiner Straßen. Diese Gebühr kann sich in Zukunft erhöhen, das Modell kann sich ändern, oder App.net schließt die Straße komplett, spätestens wenn das Unternehmen pleite geht.
In der echten Welt machen wir es anders: Unsere Straßen gehören allen, sie können von allen genutzt werden und sind aus Steuermitteln bezahlt. (Im Ausland werden Straßen teilweise für bestimmte Zeiträume an private Anbieter vermietet, die dann Nutzungsgebühren erheben dürfen. Sie müssen aber dafür sorgen, dass die Straße erhalten bleibt und können sie nicht einfach schließen. Und ginge so ein Maut-Unternehmen pleite, bliebe die Straße dennoch erhalten und fiele dann eben zurück an den Staat, also an die Gesellschaft.)
Ich plädiere dafür, dass wir mit der Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten genauso umgehen wie mit Straßen und wie mit der Vermittlung von Informationen im Internet generell: Die Infrastruktur sollte allen gehören. Und alles, was es dazu meiner Ansicht nach braucht, ist ein Konsens der Nutzer zur Einführung einer Social Markup Language (SML). Die Infrastruktur gibt es nämlich schon: Sie heißt Internet, und sie gehört uns allen.
Wie ist die Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten im Moment organisiert? Verschiedene Anbieter bauen zentrale Server auf. Die Nutzer bauen zu jedem dieser zentralen Server Verbindungen auf, um Nachrichten zu senden oder zu empfangen.
Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, wenn die Nutzer sozialer Netzwerke nicht mehr auf zentrale Server angewiesen wären, sondern wenn sie selbst Server aufbauen könnten, mit denen sie beispielsweise Twitter-, Facebook- oder G+-Nachrichten vermitteln.
Aber natürlich wäre das nur der halbe Weg (und würde von Twitter und Co vermutlich nicht unterstützt werden). Gäbe es nämlich eine Social Markup Language, mit der Social-Media-Aktivitäten einheitlich beschrieben werden könnten, dann könnte jeder Nutzer prinzipiell einen eigenen Social-Media-Server betreiben, der diese Sprache spricht und auf dem beliebige Dienste laufen könnten, möglicherweise auch selbstgeschriebene. Und alle diese Dienste könnten die Aktivitäten des Nutzers aggregiert und in einer einheitlichen Sprache formuliert an den Server jedes anderen Nutzers vermitteln, der darauf zugreifen möchte und ggf. zugelassen wird.
Natürlich muss der SM-Server jedes Nutzers nicht ein eigenes Blech sein, sondern jeder Webprovider könnte Endnutzern diesen Service anbieten, wie es heute mit HTTP- oder Mailservern geschieht.
Zusätzlich benötigt es dann nur noch eine einheitliche Art und Weise, diese Social-Media-Server und die möglicherweise verschiedenen Nutzer darauf zu adressieren. Mein Wissen über Protokolle reicht nicht aus, um zu beurteilen, ob dazu bestehende Email-Adressen verwendet werden könnten. Extrem praktisch wäre das jedenfalls.
Insgesamt würden Social-Media-Aktivitäten so dem Betrieb privater Anbieter entzogen, vielmehr würde der Austausch von Social-Media-Nachrichten den gleichen Status erhalten wie der Austausch von Emails, der auch nicht an einzelne Anbieter gebunden ist, sondern dezentral auf Servern läuft, die jeder Webmaster leicht aufsetzen kann.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei diesem Vorschlag entscheidende Aspekte übersehen habe. Beispielsweise weiß ich nicht, ob eine dezentrale Struktur nicht deutlich mehr Traffic verursachen würde als eine zentrale Struktur, und ob so nicht die Last auf dem SM-Server oder auf den Leitungen ungebührlich hoch werden könnte. Ich bitte herzlich um Kommentare!












