Kurz reingeschaut: Ein Volksfeind im Schauspielhaus Köln (2006)

(Dieser Beitrag bezieht sich auf die Inszenierung im Jahr 2006.)

Gestern im Schauspielhaus Köln von Henrik Ibsen „Ein Volksfeind“ gesehen. Der Stadtanzeiger fand’s offensichtlich doof:

Im Kölner Schauspielhaus beginnt das mit: Volksmusikgedudel. Und der Stammtisch-Karikatur eines Lokaljournalisten. […] Was womöglich als Groteske gemeint ist, erscheint als Klamotte. Vordergründig statt abgründig.

Dem kann ich mich kein bisschen anschließen. Für mich war’s eine der besten Inszenierungen, die ich seit langem gesehen habe. Gute Schauspieler; eine wirkungsvolle, aber nicht platte Inszenierung; und was der Stadtanzeiger „vordergründig“ findet, das würde ich „dokumentarisch“ nennen. Auf etwas überspitzte, tatsächlich leicht groteske Art und Weise wird einfach gezeigt, was passiert, wenn ein gutmeinender, überengagierter, sogar elitär denkender Bürger sich im Unterholz des Kommunalgeklüngels verfängt. Gerade in Köln kein besonders abstrakter Stoff.

Die Inszenierung lässt die Hauptfigur Dr. Stockmann nach 90 Minuten des Stücks seine flammende Rede für die Elite und wider die Plebs in den hell erleuchteten Zuschauerraum halten. Im Publikum sitzen Schauspieler verteilt, die Publikum spielen und seine Rede abfällig kommentieren. Und so simpel diese Idee auch ist – sie wirkt, indem sie die Rede wirklich lebendig macht. Auf einmal ist das Stück nicht mehr gespielt, sondern echt, zumal die Publikumsdarsteller nicht gestelzt „Hört Hört“ rufen, sondern untereinander empört tuscheln und glaubhaft in zeitgemäßer Sprache dazwischenrufen, buhen, pfeifen.

Ich kann nur empfehlen, sich von der schlechten Kritik nicht abschrecken zu lassen. Und ein weiteres Highlight sei nicht verschwiegen: Es ist nicht zufällig, dass der Hauptdarsteller Markus Scheumann demnächst in Düsseldorf spielt: Seine überragende Leistung ist im dann doch deutlich überlegenen Schauspielhaus in Düsseldorf besser aufgehoben als im sehr qualitätsschwankenden Kölner.

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