Kurz reingeschaut: „Troilus und Cressida“ im Schauspielhaus Köln (2007)

Achtung: Dies ist eine Rezension der Aufführung von 2007, nicht derjenigen von 2016.

Ein seltsamer, gespaltener Theaterabend. Vor der Pause wird Shakespeares Drama im Kölner Schauspielhaus belanglos und unverständlich auf die Bühne gebracht. Die Schauspieler nuscheln und leiern den Text vor sich, die sich zwischen Troja und Griechenland entwickelnde Kriegsgeschichte bleibt unklar. Auch die Leistungen der Darsteller sind extrem mittelmäßig, zumal hier noch nicht die durchaus gut besetzten Hauptfiguren das Wort führen. In einem Wort: Langeweile.

Die ohnehin, wahrscheinlich angesichts der mäßigen Kritiken und des strahlend schönen Wetters sehr lichten Reihen des Zuschauerraums leeren sich in der Pause noch einmal deutlich, so dass es nach der Pause vor einem bestenfalls zu einem Fünftel besetzten Haus weitergeht.

Schade, denn so verpassen die Abwesenden den wenigstens spektakulären, sehenswerten Teil des Abends. Denn plötzlich bekommt die Aufführung Schwung, teilweise echte Tiefe und inszenatorische Komik. Das Genuschele hat ein Ende, was besonders deutlich wird, als die fast textlose Anja Herden, deren Kassandra als Performance-Künstlerin interpretiert wird, einmal ein paar wenige Sätze spricht: Die stehen auf einmal verständlich und bedeutungsvoll im Raum, ganz im Gegensatz zu dem monoten Textgerassel des ersten Akts. Aber auch andere, besser besetzte Figuren bekommen mehr Gewicht: Christian Beermann als Diomedes, natürlich der wie immer makellose Dirk Lange als Achilles, aber auch Jochen Langners Ajax gewinnt auf einmal Profil.

Zum Schreien komisch und damit einer der ersehnten Höhepunkte ist die als Spaghettiwerferei inszenierte Schlacht zwischen Griechen und Trojern: Wenn zu „Helter Skelter“ in voller Lautstärke halbnackte Männer, geschickt und witzig choreographiert nudelschwingend über die Bühne jagen und ein fröhlich-tödliches Nachlaufen spielen, dann ist das schon ein echter Schenkelklopfer. Ob es Shakespeares Stück Genüge tut, sei mal dahin gestellt, aber um Unterhaltung darf es im Theater auch gehen.

Auch das Trauern und die anschließende Ermordung Hektors (er wird, man beachte die lokalpolitische Anspielung, mit Blutwurst erstickt) ist ein dramatisch wirkungsvoller Höhepunkt, zu dem im Hintergrund der Bühne ein Radio leise Morrisseys dudelt:
Hector was the first of the gang
with a gun in his hand
and the first to do time
the first of the gang to die.

Insgesamt dennoch ein sehr mittelmäßiger Theaterabend, der sein Publikum vor der Pause vergrault, um danach noch einmal so richtig Gas zu geben, ohne größtenteils allerdings über Effekte hinaus zu kommen. Schwacher Applaus.

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