Krebs und Kernkraft: Option 3 verdichtet sich

Als Spiegel-Abonnent liest man das Blatt ja nicht immer komplett durch. Inbesondere, wenn das Miro-Klose-Interview auf Seite 138 steht, kommt man nicht immer bis 146 durch. Eben habe ich ds im Spiegel dieser Woche aber geschafft – und lese Frappierendes.

Der Spiegel hat sich nämlich auch mit der KIKK-Studie beschäftigt, die im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz kürzlich nachwies, dass es eine Korrelation zwischen der Nähe zu einem Kernkraftwerk und dem Auftreten von Leukämie bei Kleinkindern gibt.

Ich erlaubte mir auch in diesem Blog, darauf hinzuweisen, dass es für Korrelationen zwischen A und B immer drei prinzipiell mögliche Erklärungsoptionen gibt:

  1. A ist die Ursache für B.
  2. B ist die Ursache von A.
  3. C ist die Ursache von A und B.

Der Spiegel hat in seinem Artikel nun folgende Tatsachen zusammen gestellt:

  • Eine englische Studie, auf die ich auch schon hingewiesen hatte, wies nach, dass sich Leukämie nicht nur in der Nähe von Kernkraftwerken häuft, sonder auch anderswo.
  • Generell sei seit langem bekannt, dass Leukämie zu lokal gehäuftem Auftreten neige.
  • Leukämie tritt besonders oft in wohlhabenden Wohngegenden auf, wo Kinder eher gut behütet werden (also weniger abgehärtet werden und schwächer entwickelte Abwehrkräfte gegen Viren haben).
  • Krebs tritt laut verschiedenen Studien verstärkt auf, wenn es in vormals schwach besiedelten Gebieten plötzlich zu vermehrtem Zuzug kommt – wie unter anderem nach dem Bau von Kernkraftwerken.

Also quasi ein epidemologisch-soziologischer Erklärungsansatz – der seinerseits auch keineswegs bewiesen ist. Aber er erscheint nicht komplett abwegig, zumal die Ursachen von Leukämie unbekannt sind, das Entstehen anderer Krebsarten aber auch schon durch Viren erklärt wurde.

Außerdem passt diese Erklärung besser mit der Tatsache zusammen, dass Leukämie auch in großer Entfernung von Kernkraftwerken zu Häufungen neigt, was in der KIKK-Studie nicht untersucht wurde, da kernkraftwerksnah wohnende Kinder mit dem Mittel aller anderen verglichen wurden.

Man müsste also ebenso gewissenhaft und statistisch wasserdicht untersuchen, ob tatsächlich Leukämie überall dort gehäuft auftritt, wo sich vormals getrennte Populationen in bis dahin „neutraler“ Umgebung mischen. Wonach ohnehin geforscht wird, das ist die Ursache von Leukämie.

Es wäre der klassische Fall eines versteckten, nicht untersuchten dritten Faktors, der die Korrelation zwischen dem Wohnen nahe einem Kernkraftwerk und dem verstärkten Auftreten von Leukämie erklären könnte. Muss nicht sein, klingt aber erforschenswert.

Ceterum censeo: Atomkraft aus Kernspaltung ist keine langfristige Lösung unserer Energieprobleme und erzeugt Abfälle, deren Entsorgung schlimmerweise ungelöst ist.

P.S.: Eine Anmerkung nur zur Vervollständigung der Information über die KIKK-Studie: Die Studie sagt, dass das Ergebnis (Korrelation zwischen Leukämie und Wohnen in der Nähe von Kernkraftwerken) mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 5% zufällig zustande gekommen sein könnte. Das ist ungefähr die Wahrscheinlichkeit, mit zwei Würfeln in einem Wurf einen von zwei vorher angesagten Paschen zu würfeln.

[NACHTRAG] Die Leiterin der KIKK-Studie, Maria Blettner, im Interview mit dem Tagesspiegel am 11.12.:

Der andere Punkt: eine solche Häufung könnte es auch um andere Standorte geben, etwa rund um Kohlekraftwerke, um Brückenbauten, Kirchtürme, große Industrieanlagen. Also genau dort, wo es in bisher ländlichen Regionen plötzlich einen großen Zuzug gibt.

Tagesspiegel: Gibt es Studien, die das belegen?

Es wurde untersucht, ob an Standorten, an denen kerntechnische Anlagen geplant, aber nie gebaut wurden, ähnliche Effekte zu sehen sind. Das war so.

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