Downloads mit freiwilliger Bezahlung sind kommerziell vergleichbar erfolgreich wie klassischer CD-Vertrieb

Der Kollege capk macht mich dankenswerterweise auf einen interessanten Artikel aufmerksam: NIN/Saul Williams: Reznor verrät Download-Zahlen.

In dem Artikel wird der Erfolg (oder nicht) einer Downloadaktion resümiert:

Am 1. November 2007 stellte Trent Reznor das neue Saul Williams-Album als Download bereit. Für das exklusive Online-Album musste man entweder fünf US-Dollar oder gar nichts bezahlen. Nun nennt Reznor Zahlen.

Und diese Zahlen sind wie folgt: 28.322 Menschen luden sich das neue Saul-Williams-Album zu einem Preis von $5,00 herunter. Das sind zwar nur 18,3% aller 154.449 Downloader: es gab nämlich auch die Möglichkeit des kostenlosen Downloads, bei der die Qualität auf 192kBps „begrenzt“ war (was ja auch schon nicht wirklich schlecht ist). Aber die 28.322 Verkäufe müssen auch verglichen werden mit den 33.897 Einheiten, die Williams letzte reguläre CD absetzen konnte.

Wir wollen also zunächst einmal festhalten: Williams hat mit einer freigestellten Bezahlung ungefähr genauso viele Einheiten (84% des letzten Albums) abgesetzt wie mit regulärem Vertrieb mit Zwangsbezahlung. Das ist schon mal nicht schlecht. Das Gejammere des Laut-Artikels, dass ja nur so wenige Kunden bezahlen wollten, ist mir unverständlich: Dass man zusätzliche Kunden findet, wenn man sein Produkt verschenkt, ist für mich keine Überraschung. Dass die Zahl der bezahlenden Kunden gleich bleibt, dagegen durchaus eine positive Erkenntnis.

Wie viel haben Williams und Reznor im Vergleich denn nun eingenommen?

Der Anteil von Künstler und Label an einer normalen 15-€-CD beträgt etwa 5 €. Der Rest geht für Vertrieb, Handel, Herstellung, MWSt etc. drauf.

Mehrwertsteuer muss hier natürlich auch gezahlt werden, also rechnen wir inkludierte 19% ab, bleiben $4,20. Die Abrechnung der Einnahmen liegt ebenfalls laut heise vernachlässigbar im Cent-Bereich. Die Auslieferung setzt heise mit rund 0,01€/MB an, also 10 €/GB: Das war zum Erscheinungsdatum des Artikels 2004 vielleicht ok, heute liegt man eher bei 1€/GB, also auch eher vernachlässigbar.

Sagen wir mal, Williams und Reznor haben nach Abzug aller Vertriebskosten, je nach dem wie viel Amortisierung der schon bestehenden Download-Plattform eingerechnet wird oder nicht, rund $4,00 pro Album eingenommen.

Davon müssen nun genauso noch die Studio-und Personalkosten bezahlt werden, wie im klassischen Fall auch – nur dass das dort vom Label übernommen wird. Hier beklagt sich Reznor über sich selbst:

Wir haben – nein: ich habe zu viel in ein erstklassiges Team samt Studio, in die Musiker, einen alten Verlagsvertrag, Sample-Freigaben und die Übertragungskosten investiert, als dass irgend jemand an diesem Projekt reich würde.

Wir resümieren:

  1. Die Gesamteinnahmen von Künstler und Label sind im Fall des CD-Vertriebs ungefähr genauso hoch wie im Fall des Direktvertriebs mit freigestellter Bezahlung, in dem der Künstler die Rolle des Labels mit übernimmt.
  2. Zusätzlich hat Williams die vierfache Zahl von legalen Kostenlosdownloadern mit seiner Musik angefixt und kann zukünftig auf höhere Absatzraten und Einnahmen hoffen. (Was zu beweisen wäre)
  3. Die Kosten für eine Plattenproduktion sind hoch und können von Umsätzen, die im Bereich weniger Zehntausend verkaufter Einheiten liegen, so gerade mal gedeckt werden. Kurz und gut: Als mittelmäßig erfolgreicher Künstler (für Goldstatus muss man alleine in Deutschland 100.000 Album-Einheiten absetzen) kann man von seiner Kunst die Produktionsausgaben finanzieren, wird aber nicht reich. Das ist einfach eine Tatsache des Lebens.

Kurz und gut: Direktvertrieb kann genauso erfolgreich sein wie die Zusammenarbeit mit einem Label, erweitert potenziell die Fanbasis, macht aber auch nicht reich.

Ich würde die Aktion als Erfolg werten – vielleicht auch nur als Lernerfolg für Künstler, dass die Plattenindustrie ihnen keineswegs die Reichtümer vorenthält, die sie verdienen könnten, wenn sie den Mittelsmann herausschneiden.

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