Kurz reingeschaut: "Empedokles // Fatzer" im Schauspielhaus Köln

Ein Stück als Zumutung, als Geduldsprobe, als Konzentrationsübung. Es scheint kein Zufall zu sein, dass Karin Beier neben die bisher eher gefälligen, jedenfalls aber auffälligen Inszenierungen ihrer Intendanz jetzt Empedokles // Fatzer stellt.

Laurent Chétouane verwurstet zwei Textfragmente, eines von Hölderlin, eines von Brecht, zu einem neuen Gesamtwerk. Brechts Fatzer behält dabei die Oberhand, Hölderlins Texte werden eher punktuell eingeschnitten. Chétouane ist ein Radikaler, wie Brechts Figur des Soldaten Fatzer. So wie Fatzer sich und seinen mit ihm von der Front flüchtenden Kameraden das Essen verweigert, weil er lieber zuerst über die Moral nachdenken möchte, so verweigert Chétouane dem Publikum alles Liebliche, alles Gefällige, alles Erzählende. Seine Inszenierung ist ganz Geist und Emotion, für den Bauch ist nichts dabei.

Chétouane lässt die drei Darsteller des Abends ihre Texte nicht einfach sprechen. Er lässt sie alles Deklamatorische. Zersägen. Mit willkürlichen. Kunstpausen im Text. Keine Intonation und nur sehr selten eine Geste sollen beim Verständnis des Textes helfen. Das Publikum ist ganz darauf angewiesen, sich auf die Worte einzulassen. Doch dabei ist „Empedokles // Fatzer“ keineswegs eine Lesung. Es passiert viel auf der Bühne: Ständig bewegen sich die Darsteller, fast immer zeigen sie irgendwelche Gesten – die aber nie etwas konkretes zu bedeuten scheinen. Mit Sigal Zouk hat Chétouane den beiden Schauspielern des Abends eine Tänzerin zur Seite gestellt, die wie zum Bühnenbild gehörend über das ganze zweieinhalbstündige Stück hinweg, mit nur kurzen Pausen, durch die Kulisse tanzt.

Zeit, über Bewegung zu reden. Während die Worte in dieser Inszenierung ihrer Bedeutung beraubt werden, was es natürlich auch schwer macht, der Erzählung zu folgen, sind die Bewegungen der Schauspieler und der Tänzerin völlig entkoppelt: von den Worten, von der Welt, ja meistens sogar von ihren eigenen Körpern. Wie fremdgesteuert bewegt sich besonders Sigal Zouk, als gehorchte ihr Körper ihr nicht, als müsste sie ihre Glieder einfangen und zu kontrollieren lernen. Das hat keine konkrete Bedeutung, aber es hat eine große Emotionalität und Ausdruckskraft. Auch die Gesten der Schauspieler gehen schwanger mit einer Menge von Gefühlen, die die Texte von Hölderlin und Brecht hergeben mussten – aber ohne dass die Bewegung die Wörter kommentiert. Sie begleitet sie nur und schafft eine völlig neue Ebene.

Fast gegen Ende des Stücks, wenn die Monotonie des Abends auch den gutwilligsten Besucher überwältigen will, geht ganz langsam das Licht aus: das auf der Bühne, und auch das dämmrige im Zuschauerraum, das die Regie während der Aufführung brennen ließ. Und in die wenige Minuten lange Dunkelheit hinein spricht der grandiose Fabian Hinrichs einen Text, der plötzlich gestochen scharf im Raum steht, ihn ganz erfüllt, und mit einem Schlag wird völlig offenbar, was der Regisseur erreichen will. Eine solche Klarheit und Reinheit ist im Theater selten, und fast rührt sie zu Tränen. Doch dann geht das Licht wieder an, und es folgt ein krachiges Finale, das die Geschichte von Fatzer zu einem erzählerischen Ende führt, inszenatorisch aber vieles relativiert.

Der Abend mit „Empedokles // Fatzer“ ist faszinierend – und sehr anstrengend. An einem Chétouane-Abend gibt es nicht Unterhaltsames. Nur Konzentration und eben eine Zumutung an die Zuschauer. Und die werden damit nicht fertig. Wenn ich bislang geglaubt hatte, dass nur das Kino der Hort der Schwätzer und Tütenknisterer ist, dann wurde ich am Dienstag eines Besseren belehrt. Der Kampf um die Aufmerksamkeit ist verloren. Sich gute zwei Stunden auf ein Stück einzulassen, wenn man schon mal im Theater sitzt, das anstrengend und monoton und ungewohnt ist, das kann anscheinend kaum noch jemand. Schon nach 20 Minuten verlassen die ersten Zuschauer den Saal, und es folgen ihnen den Rest des Abends über viele weitere. Ständig wird irgendwo getuschelt, und es werden scheinbar gezielt die leisesten Passagen abgewartet, um ein Bonbon auszupacken. Kann man nicht einfach mal zwei Stunden im Theater sitzen, ohne an Zucker zu lutschen? Doch als kurz vor Ende, während eines der musikalischen Intermezzi, die der Regisseur in den Abend streut, vorne im Parkett ein rund 50-jähriger Zuschauer beide Arme über den Kopf hob und sie zum Amüsement der Umsitzenden hin und her wiegte wie bei einer Rockballade – da wäre ich am liebsten aufgestanden, die 10 Reihen nach vorne gegangen und hätte ihn persönlich rausgeworfen.

Was glauben diese Leute eigentlich, wer sie sind? Warum hat niemand die Höflichkeit, einfach sitzenzubleiben und die Aufführung nicht zu mögen? Nein, stattdessen glauben alle, dass sie stören dürfen: Die anderen Zuschauer, die sich den Abend vielleicht anschauen wollen, aber vor allem auch die Schauspieler. Als wüssten sie nicht genau, wie sehr es stört, wenn im Theater, wo es leise ist und auch bei unterhaltsamen Stücken Konzentration benötigt wird, einer aufsteht und sich durch die engen Reihen zum Ausgang drängelt. Und alleine jedes Ins-Schloss-Fallen der Türen (nicht, dass auch nur einer sie mal festhielte und leise schlösse) schallt durch den Raum wie ein Pistolenknall. Was für eine Selbstvergessenheit. Was für eine Unverschämtheit.

„Empedokles // Fatzer“ ist kein leichtes Stück, es ist sogar ein extrem forderndes, und ich weiß nicht, ob ich es mir angesehen hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was auch mich zukommt. Aber es hat sehr berührende Momente, deren Effekt sich fast wie beim Techno aus der minimalen Variation speist, die nach langer Monotonie als Offenbarung erlebt wird. Und vor allem zeigt „Empedokles // Fatzer“, dass das Kölner Publikum sich zu Tode amüsieren will. Noch jedes Stück, das mit einer gewissen Strenge aufgeführt wird, bekam hier bestenfalls zurückhaltenden Applaus.

Leiht ihr euch doch alle die „Piraten der Karibik“ auf DVD aus, redet währenddessen mit euren Kumpels drüber und zerknistert dazu Unmengen von Bonbonpapierchen! Aber bleibt aus meinem Theater weg!

[UPDATE] Interview mit Regisseur Laurent Chétouane.

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