Kurz reingeschaut: "RADIKAL" mit Roger Willemsen, Charlotte Roche und Claus Peymann

Eigentlich hätte ich ja nach einer Minute wieder gehen können. Da erklärte Roger Willemsen nämlich, dass das Wort radikal vom lateinischen radix stammt, was Wurzel bedeutet. Endlich ist mir klar, warum mir immer wieder Radikalismus vorgeworfen wird: Wenn man mal bis zur Wurzel der Dinge dringt, worum ich mich zumindestens immer bemühe, dann bleibt tatsächlich wenig Raum für Kompromisse.

Aber zurück ins Schauspielhaus, wo gestern Abend im Rahmen der lit.COLOGNE Roger Willemsen, Charlotte Roche und Claus Peymann über Radikalität plauderten. Jeder der drei hatte ein paar Texte mitgebracht, die in einem vorab geplanten Handlungsbogen gelesen wurden, dazwischen unterhielt man sich betont feuilletonistisch über die Radikalität anunfürsisch und ihr angebliches Verschwinden in der heutigen Zeit.

Und so schön Roger Willemsen reden kann: Es bleibt doch nichts hängen. Im Ton viel zu verbindlich, in der Formulierung viel zu schön, aber kompliziert, produziert Willemsen selten mehr als eine angenehme Geräuschkulisse für Gesinnungszuschauer. Auch die ersten Texte, die Roche und Willemsen lasen (aus „Utopia“ und dem Godesberger Programm), bekamen eben durch den Akt der Lesung eine Distanz, die ihnen nicht gut tat.

Komisch, denn an einem Abend, der der Radikalität gewidmet ist, hätte man sich mehr Momente wie die wenigen gewünscht, die Claus Peymann produzierte. Er, der Regisseur und Intendant, dramatisierte seine Texte, füllte sie schon durch seine Intonation mit Leben, sogar Furor und jedenfalls Bedeutung. Als einziger hatte er verstanden, dass man revolutionäre Texte nicht im Sitzen lesen kann, sondern dass man sie wenigstens an einem Pult stehend hinausrufen muss. Da gewinnt die französische Revolution auf einmal wieder Kraft, die Pfunde von Schulbüchern zu erdrücken schafften.

Und es ist auch Peymann zu verdanken, dass er das Grundproblem des Abends offen thematisiert: das Salonrevolutionärstum, dessen gerade die drei auf der Bühne schuldig waren, obwohl sie ja gerade die Kraft des Radikalen beschwören wollten. Peymann illustrierte das Problem der Distanz, die dem Publikum eine kuschelig-distanzierte Betrachtung ermöglicht, mit einem Erlebnis aus seiner Zeit als Regisseur in Stutgart während der Stammheim-Prozesse: Er hatte ein Stück inszeniert, in dem in der allerletzten Szene die Protagonistin ankündigt, eine Bombe auf den verhassten Großherzog zu werfen. Das Publikum jubelte. Endlich bekommt der widerliche Herrscher seine gerechte Strafe in einer gelungenen Inszenierung! Dann ging das Licht aus, unter Musik wieder an, und es erschien ein Bild der Straßenbahnlinie, die vom Theater nach Stammheim führte. Von einer Sekunde zur anderen, so Peymann, schlug die Stimmung um, und seine Inszenierung wurde niedergebrüllt.

Radikalismus ist halt nur dann schick, wenn er einen nicht betrifft. Was im übrigen auch in anderer Hinsicht für Roche, Willemsen und Peymann gilt: Alle hatten sich ausschließlich linksradikale Texte ausgesucht. Wie wäre es denn gewesen, mal eine gelungene Göbbelsrede zu verlesen, oder einen Ausschnitt aus dem Buch von Benedikt XVI.? Das hätte wehgetan! Und nicht nur dem Publikum, sondern auch mal den Vortragenden!

Nein, über Radikalität sollte man nicht leichthin plauschen. Radikalität erlebe ich weiterhin lieber im Theater. Oder im Alltag. Aber nicht in einer Feuilletonveranstaltung für einen netten Sonntagsausklang.

[UPDATE] Der Stadtanzeiger ist natürlich mal wieder meiner Meinung:

Charlotte Roche findet es „total radikal“ von sich selbst, mit diesen beiden schlauen Männern aufzutreten. Gemeint sind Roger Willemsen und Claus Peymann, mit denen die schlagfertige Moderatorin und Junior-Autorin die Bühne des Kölner Schauspielhauses teilt. Doch ihre Ehrfurcht ist unbegründet – Diskurse, die ihre intellektuellen Kapazitäten überfordern könnten, bleiben an diesem Abend weitgehend aus.

So wähnen sich die Zuschauer im ausverkauften Schauspielhaus eher bei der Aufnahme eines Hörbuches für die Edition Suhrkamp – inhaltlich wertvoll, aber nicht unbedingt der Stoff für eine spannende Lesung.

[UPDATE 2] Und die „Welt“ auch:

Die Präsentation im ausverkauften Schauspielhaus überraschte dabei weniger mit Provokationen als vielmehr mit auffallend einseitiger Linksradikalität.

[UPDATE 3] Die FAZ meint:

Das Unbehagen aber blieb. Überwiegt in Deutschland nicht eine ganz andere, nationalistische und nicht utopische Tradition des schwärmerisch Radikalen, die sich an Kotzebues Mörder Carl Ludwig Sand, einem wenig intelligenten, zur Tat drängenden Burschenschafter, ebenso festmachen lässt wie an zahllosen Hetzschriften und Bluttaten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts? „Die radikale Rotte“, schreibt schon Heine, „weiß nichts von einem Gotte.“ Darf man sich so naiv zu ihrem Anwalt machen?

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