Eurovision-Gastbeitrag: O tempora, o mores!

Wahnsinn, mein zweiter Gastbeitrag! axel von Lost in Nippes hatte dereinst gegen mich um die Platzierung der No Angels gewettet. Wetteinsatz: Ein Gastbeitrag für das Blog des anderen.

Das besonders erwähnenswerte ist, dass ich seinerzeit die No Angels in Unkenntnis der Konkurrenz noch auf den 19. Platz tippte, axel hielt mit Position 22 dagegen – lag also damals deutlich näher am wirklich Ergebnis als ich. Erst mein letzter Final-Tipp vom Freitag, nach Wettabschluss abgegeben, nannte korrekt den 23. Platz. Mit unvergleichlich sportlichem Geist hat axel die Wette für sich trotzdem als verloren gewertet und mir darum den folgenden Gastbeitrag geschickt, den ich voller Dankbarkeit hiermit wiedergebe!

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Achja, der GrandPrix.

Was waren das damals noch fest gebuchte Feiertage. Als Kind saß man mit den Eltern vor dem Fernseher, hoffte inständig nicht vor der Punktevergabe ins Bett geschickt zu werden (was immer gelang, weil es ja Samstag war und der Tag -von der Wichtigkeit her- nur mit einem WM-Finale zu vergleichen war) fieberte bei jeder Punktevergabe mit, egal ob eine sowjetische (o.ä.) Betonfrisur im Bild war und grade der erstaunten Welt mitteilte daß der rote Knopf bereits gedrückt wurde oder aber eine aparte Schönheit aus Frankreich nonchalant erklärte daß die Deutschen durch die unendliche Gnade der Grand Nation zwei Punkte ergattert hatten. Hach.

Damals gab es kein „Televoting“, der Pöbel hatte keine Chance sich durchzusetzten, denn die Punkte wurden von einer Fachjury vergeben die in erster Linie die „songwriting-skills“ (hihi) bewerteten. Ergo hatte auch Deutschland jedes Jahr die Chance zu gewinnen. Das taten dann zwar immer die Iren (Johnny Logan!) aber trotzdem war es aufregend vor allem wegen der „Gruppe Wind“ und derem unerhörtem Schicksal.

Irgendwann wurden die Regeln geändert und man selbst wurde genauso flügge wie Osteuropa. Während Kasachstan und Lettland Mütterchen Rußland den Rücken kehrten machten wir es genauso und veranstalteten pubertäre Partys zum GrandPrix die meistens schon vor 23 Uhr zu deutlichen Wahrnehmungsschwierigkeiten führten. Trotzdem war die Abstimmung immer noch ein Höhepunkt und es wurde aufrichtig mitgefiebert. Und was mußten wir alles schlucken:„Wind“, „Müchener Freiheit“, „Stone & Stone“…es wurde immer schlimmer. Dann kam 1996: Deutschlands Titel („Leon“ mit „Blauer Planet“) wurde ausgeladen! Wegen zuvielen Teilnehmern! Halloooo? Damals hatte man die historische Chancen dem GrandPrix den Rücken zu kehren und zu sagen: „Dann macht euren Driss doch selber. Von uns gibts keinen Pfennig(!) mehr“. Da fehltem dem NDR aber die Cochones für und man ergab sich still in sein Schicksal.

Mit diesem ganzen neuen Firlefanz, der Telefonabstimmung und dem Wust an Ländern wurde die Veranstaltung für mich immer mehr zur „kann-man-machen-wenn-grad nix-anderes-anliegt“-Veranstaltung.Das ist es eigentlich bis heute geblieben nur kurz unterbrochen von Guildo Horn, Stefan Raab und Roger Cicero, dessen Lied ich wirklich stark und für siegeswürdig hielt. Die Geschichte mußte mich eines besseren belehren.Die restlichen Jahre sind spurlos an mir vorbei gegangen.

Ich hatte mir ja eigentlich geschworen der Belgrader Ausgabe gestern fernzubleiben und zur Not das TV kaputt zu hauen, aber da der Freitag hochexplosiv war und ich anscheinend zuviele masochistische Tendenzen habe, hab ich dann doch mal reingeschaut. O tempora, o mores! Wär ich doch ausgegangen! Hätt ich doch meinen faulen Hintern von der Couch bewegt! Zwischen den Innings (Baseball auf NASN war dann doch mein „Hauptprogramm“) hab ich immer mal wieder umgeschaltet und konnte nur staunen. Ich weiß jetzt nicht ob ich ein völliger Ignorant bin aber ich fand orginal jeden einzelnen Song unfassbar schlecht. Da hat mir nix gefallen. Nada.

Gesehen hab ich die Türken, die Russen, die Engländer, die Deutschen, die Spanier, die Ukraine und die Franzosen. Ähm. Da fällt mir nix zu ein. Daß die Russen das Ding gewinnen kann nur heißen daß alle außer mir keinen Geschmack haben. Da gibt es auch keine zwei Meinungen drüber. Obwohl…wenn ich so drüber nachdenke…einen besseren Sieger kann ich auch nicht nennen…vielleicht die Isländer allein weil das ein kuscheliges und schrulliges Volk ist aber das kann ich nicht beurteilen, denn das Lied hab ich nicht gehört und ich werd einen Teufel tun und youtube befragen. Soweit geht es dann doch nicht.

Was mir aber wirklich komplett die (eh schon miese) Stimmung versaut hat war dann die Punktevergabe. Also der offene Kanal Bielefeld hätte das wohl stimmungsvoller inszeniert.
Jeder, absolut J-E-D-E-R der 43 Köpfe lobte die „großartige Show“ und stammelte dann die Punkte von drei Ländern in die Kamera nachdem er erstmal zehn Sekunden ins Leere lächelte weil man ihm anscheinend keinen Monitor zur Verfügung gestellt hatte und er nur raten konnte wann die Einblendung der niedrigeren Wertungen aus dem Bild war. Da kann man es auch ganz sein lassen und einfach das Ergebnis aller Länder einbenden, dann wär die Veranstaltung wenigstens schneller vorbei. Da ist aber auch wirklich gar nichts mehr übrig geblieben von dem Flair was den GrandPrix (jedenfalls für mich) mal ausgemacht hat. Unsäglich.

Zu dem deutschen Beitrag wiederhole ich gerne, was ich in in meinem Blog bei der Vorausscheidung geschrieben habe: Unwürdig. Keine Klasse. Anbiederei. Zum Glück mit völliger Ignoranz abgestraft worden.

Normalerweise könnte man ja hoffen daß dieses Ergebnis ein Art „Hallo-wach!“ sein könnte, aber ich glaube, der NDR und vor allen Dingen die „TeleVoter“ sind da beratungsresistent.

Und während ich mich noch ärgere, daß die Engländer und die Polen nicht ein Pünktchen mehr haben holen können und auf Spiel 1 des StanleyCups aus HockeyTown warte, grinst mich Thomas Her(r?)mann in bester „Galopper des Jahres“-Manier von der „großen GrandPrix Party auf der Reeperbahn“ an macht das, was Thomas Her(r?)mann halt macht, nämlich unlustige zotige Belanglosigkeiten in ein entmündigtes Publikum zu schreien und das war dann doch eine Spur zu viel für mich auch wenn ich als Katastrophengaffer schon gern ein Statement der „No Angles“ gehört hätte aber ich mußte kapitulieren und hab die nächsten 20 Minuten mit der neuen „11 Freunde“ und den „Cocteau Twins“ verbracht nur um mir dann anzusehen wie Sidney Crosby mit den Pens schön von den Red Wings auf die Mütze bekommt.

Hätte ich doch die blaue Pille geschluckt!

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