Angst vor den Agglos

Am Wochenende war ich in Zürich, Freunde besuchen, die dort vor kurzem hingezogen sind. Willkommener Anlass war das letzte EM-Spiel der Schweizer „Nati“ am vergangenen Sonntag: die Möglichkeit, im EM-Gastgeberland Schweiz mal Fanluft zu schnuppern.

Tatsächlich waren wir am Sonntag in einem sehr schönen Laden, El Lokal, wo echte Fußballstimmung aufkam: Der Schweizer freute sich aufrichtig, sein erstes EM-Spiel gewonnen und Köbi Kuhn einen schönen Abschied bereitet zu haben.

Ansonsten schien es aber aus Erleben und Pressestudium, dass der Schweizer ein Problem mit seinen Fanzonen hat: die sind ihm nämlich wohl etwas zu groß geraten, sagen wir mal um etwa Faktor 2…

Bereits auf dem Hinflug konnte ich in der NZZ lesen, dass Zürcher Geschäftsleute mobil machten gegen die Sperrung einer Brücke über die Limmat. Obwohl die durch diese Sperrung begünstigte Fanzone in der Innenstadt sehr schlecht besucht ist, wird die Sperrung aufrecht erhalten, was wohl zahlreiche Geschäfte von ihrer Kundschaft abschnürt, aber auch nicht mit neuer Laufkundschaft versorgt.

Bei einem Bummel am Sonntag Nachmittag über die malerisch gelegene Fanzone und reichhaltig mit Fressbuden bestückte Fanzone entlang des Ufers des Zürichsees waren ebenfalls nicht übermäßig viele Besucher auszumachen. Gut: es war früher Nachmittag, das Spiel der Nati war erst für 20:45 angesetzt, und es tröpfelte leicht. Am nächsten Morgen konnte ich in der „20 Minuten“ dann aber nachlesen, dass das Problem wohl organisatorischer und auch soziologischer Natur ist.

Auch wenn man davon ausgehen darf, dass die „20 Minuten“ als Kostenloszeitung auf Populismus gebürstet ist und somit wahrscheinlich gerne die latente Fremdenfeindlichkeit der Schweizer bedient, ist eine Überschrift wie „Bloß nicht auf Agglos treffen“ schon bemerkenswert. „Agglos“ sind nämlich die Bewohner der Agglomerationen, also vor allem Arbeiter und Ausländer.

Eine Freundin, die 45 Autominuten von Zürich entfernt wohnt, sagte mir ein Treffen mit der Begründung ab, dass sie nicht auf betrunkene Fußballfans treffen wolle. Und dabei meinte sie nicht einmal mich.

In Basel beschweren sich Bands, die auf den Fanfesten spielen, etwas handfester über die schlechte Organisation und nicht gehaltene Versprechen: „Basler Bands konsterniert“.

Es scheint, als fühle sich der Schweizer nicht animiert, weder durch Veranstaltung noch durch das Wetter, seine Freizeit in Fanzonen zu verbringen. Ein Sommermärchen wird, scheint’s, nicht alle zwei Jahre erzählt.

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