Die Polemisierung der Bildungsdebatte

Am Sonntag bei Anne Will diskutierten sie mal wieder über unsere Bildung, konkret über die Frage, welches System weiterführender Schulen das beste für Deutschland sei.

Man kann ja sein, welcher Meinung auch immer man will. Ziemlich auf den Keks ging mir allerdings Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der die notwendige Diskussion einem unredlichen Argument nach dem anderen zu ersticken versuchte – kalt lächelnd und offensichtlich ungerührt von der Misere, die nicht nur bei PISA deutlich wird, sondern die ich im privaten Umfeld von Lehrern in den letzten Jahren massiv beklagt höre.

Es begann damit, dass Röttgen dem Berliner Bildungssenator Zöllner, der eine Vereinigung von Haupt- und Realschule forderte, penetrant eine „Ideologisierung“ der Diskussion vorwarf. Warum? Weil Zöllner allen die Einheitsschule vorschreiben wollen, das sei ideologisch, während die Beibehaltung des dreigleisigen Systems den Menschen die Wahl lasse.

Seit wann haben Eltern die Wahl, auf welche Schule sie ihr Kind schicken? Formal ist es zwar so, dass die Empfehlung der Grundschule nicht bindend für die Anmeldung eines Kindes auf einer weiterführenden Schule ist. Aber zum einen müssen diese Schulen keine Schüler annehmen, sondern können sich auf Schüler mit der passenden Empfehlung beschränken. Das ist in Zeiten des Schülermangels zwar kein besonders relevantes Szenario mehr, aber wenn das Kind erst mal auf der Schule ist, wird ja so lange mit Noten gesiebt, bis nur noch Schüler übrig bleiben, die das Leistungsniveau der Schule haben. (Was daran zweifelhaft ist: siehe unten).

Was Röttgen aber wirklich damit meint, wenn er Menschen „die Wahl lassen“ möchte, wurde klar, als in der Diskussion erwähnt wurde, dass Röttgen selbst seinen Sohn auf eine Privatschule schickt. Geld macht eben wirklich frei, dreigleisige Schulsysteme dagegen nur, wenn man sich ihnen entziehen kann.

Im weiteren fragte Röttgen, wieso das Thema Schulpolitik ganz allgemein nicht den Menschen überlassen bleibe, warum sich also die Politiker darüber die Köpfe zerbrechen müssten? Für mich klang das wie ein Rücktrittsgesuch: Wenn der parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nicht mehr will, dass Politiker sich um die Rahmenbedingungen für die Entstehung wichtigste Ressource dieses Landes kümmern, dann brauchen wir ihn nicht. Thema verfehlt, setzen, sechs.

Es folgte eine anhaltende Suada gegen die „Gleichmacherei“, die mit der Einführung von Gesamtschulen betrieben werde. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auf Albrecht Müllers NachDenkSeiten (oft strittig, manchmal verbohrt, immer anlesenswert) just gestern ein Artikel darüber erschien, wie die öffentliche Debattenkultur Deutschlands zunehmend mit Etiketten und Phrasen erstickt wird. „Gleichmacherei“ ist in der Schuldebatte fast so ein Totschlagargument wie „liberal“ im US-Wahlkampf. Und dabei ist es so grob falsch.

Tatsache ist doch, dass gerade das dreigleisige Schulsystem eine dreifache Gleichmacherei betreibt: Alle Kinder, die auf eine der drei Schulformen geschickt werden, müssen über alle Fächer hinweg ein bestimmtes Leistungsniveau erreichen. Das gelingt erfahrungsgemäß auch vielen. Aber gerade Kinder, die beispielsweise mit sprachlichen Fächern Probleme haben, in naturwissenschaftlichen dagegen gut sind, fallen einfach durch’s Raster. Zwei Fünfen auf dem Zeugnis? Tschüss Gymnasium! Ist uns doch egal, wie gut du in Physik und Mathe bist, du gehörst nicht mehr zur Elite, wenn du Deutsch und Erdkunde verhaust.

Nur eine Gesamtschule bietet überhaupt die Möglichkeit, Kinder ihren Begabungen entsprechend zu fördern und Schwächen auf eine Art auszugleichen, die nicht existenzbedrohend und erniedrigend ist.

Und aus eigener Erfahrung, ich war (bis auf eine Pubertätsdelle in der Mittelstufe) immer ein guter Schüler, kann ich sagen: Den Schwächeren zu helfen, hilft den guten. Ich habe für meine Mathe- und Physik-Klausuren immer mit schwächeren Schülern gelernt, mit denen ich ohnehin befreundet war. Von denen konnte man wenigstens noch was lernen: denn nur, wenn ich denen WIRKLICH erklären konnte, wie eine Kurvendiskussion funktioniert, hatte ich sie auch selbst durch und durch verstanden. Warum soll ein differenzierter, aber gemeinsamer Unterricht auf Gesamtschulen nicht genau diese Qualität gezielt fördern?

Unterm Strich bleibt mir unverständlich, wie man sich mit so offensichtlich grob absurden Etiketten (Ideologie, Gleichmacherei) durch eine Diskussion hangelt, in der nicht einmal mehr zur Debatte steht, dass unser Schulsystem nachweislich schlecht ist. Welche politische Absicht steht hinter einem solchen Verhalten? Kann man so eine Bundestagswahl gewinnen? Wäre sogar denkbar, wenn den Deutschen die Aussicht lieber ist, ihr Kind auf’s Gymnasium schicken zu können, also zur längst verwässerten „Elite“ zu gehören, wenigstens potenziell, als dass sie sich um’s große Ganze kümmern und den „Gleichmachern“ das Feld überlassen. Dann gute Nacht, dann hätten die Etikettenkleber gewonnen.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s