Was die hessische SPD aus dem Projektmanagement lernen kann

Natürlich ist jetzt das Geheule groß in der SPD: Vier „Abweichler“ haben den Pakt mit der Linkspartei boykottiert Am heftigsten wird aber nicht darüber gestritten, ob man denn Menschen „Abweichler“ nennen darf, die nach der Wahl nicht das tun wollen, was vor der Wahl ausgeschlossen worden war. Nein, der wütendste Vorwurf gegenüber den vieren ist, dass sie sich erst einen Tag vor der Abstimmung offenbart haben.

Keinen (guten) Projektmanager wird dieses Verhalten wundern.

Was macht denn eigentlich ein Projektmanager? Entgegen landläufigen Vorstellungen (und auch manch schlimmer Praxis) ist der Projektmanager kein Listenschreiber (wenigstens nicht im Hauptberuf), keine Anschreier (wenigstens nicht gegenüber seinem Team), kein Motivator (wenigstens nicht im klassischen Sinne, höchstens im Herzbergschen) und auch kein MS-Project-Hexer (wenigstens nicht notwendigerweise).

Nein, das wichtigste, was ein Projektmanager tun muss, ist Rahmenbedingungen so herzustellen, dass ein Vorhaben für die Teammitglieder planbar wird. Eine der wesentlichsten dieser Rahmenbedingungen ist die Freiheit, Fehler machen zu können. Und Umgebungen, in denen Fehler gemacht werden können, das sind Umgebungen, die frei von zu großem äußerem Druck sind (aber nicht von innerer Spannung).

Projektmanager schirmen also das Team gegenüber Druck von außen ab (und versuchen gleichzeitig, seine Spannung hoch zu halten). Manchmal klappt das besser, manchmal schlechter.

Was passiert, wenn es schlechter klappt? Ganz einfach: Man erfährt nicht mehr die Wahrheit. Teams, denen ein unrealistisches Ziel mit hohem Druck reingeprügelt wird, werden den Kopf runter nehmen, wie wahnsinnig vor sich hin arbeiten und dann kurz vor knapp zerknirscht sagen, dass sie doch nicht fertig werden. Natürlich wussten alle schon lange, dass das nichts geben würde – aber keiner sagte etwas, weil der Druck es nicht zuließ.

Genau das ist jetzt in der hessischen SPD passiert. Die Süddeutsche beschrieb gestern das typische Verhalten eines Menschen, der sich unter großem Druck nicht traut, die Wahrheit zu sagen:

In der einen Theorie geht es, wie immer, wenn derart Dramatisches geschieht, um eine große Verschwörung, von langer Hand geplant. Dagegen aber spricht das Verhalten Walters in den vergangenen Wochen. Immer wieder hatte er Hintertüren aufgebaut, durch die er doch noch hätte aussteigen können, Sprengsätze gelegt, mit denen er das Projekt hätte zum Platzen bringen können.

Das Problem der Politik ist, dass hier Vertrieb und Produktion von den gleichen Personen gemacht werden. Oder wenigstens die Produktion (also die Abstimmung im Parlament) als reine Pflichterfüllung gesehen wird. Meinungsbildung, Gewissen gar: das ist nicht vorgesehen.

Und es ist keine Rolle vorgesehen, deren Inhaber etwa Abgeordnete so gegen Druck von außen abschirmen würde, dass die sich frei entscheiden könnten. Dass sie ihre Meinung bilden und äußern könnten. Wenn diese Rolle irgendjemanden natürlich zufallen müsste, dann wohl den Fraktionsvorsitzenden – und gerade die sind die schlimmsten Einpeitscher.

Also: Niemand darf sich wundern, wenn Menschen, die unter großen Druck gesetzt werden, das Unausweichliche erst dann sagen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Was in Hessen passiert ist, ist ein klassisches Verhaltensmuster. Es ist nicht weniger als menschlich.

Und wie ich neulich anderswo sinngemäß las: Gerade diejenigen, die den Abweichlern vorwerfen, ihre Meinung zu spät geäußert zu haben, haben oft selbst gar keine.

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3 Gedanken zu “Was die hessische SPD aus dem Projektmanagement lernen kann

  1. Sam schreibt:

    Meinungsbildung hin, Gewissen her. Auch die vier haben ein fundamentales Versprechen bei der Wahl gegeben, so wie alle anderen egal welcher Couleur bei jeder Wahl: Sie wählen im Landtag die Spitzenkandidatin ihrer Liste! Ohne diese fundamentale Annahme würden die Kandidaten wahrscheinlich von ihrer Partei nicht aufgestellt, egal ob Wahlkreis oder Landesliste. Und dieses Wahversprechen, welches nicht nur mündlich gegeben wurde, sondern schwarz auf weiss auf einem Stimmzettel stand, haben sie gebrochen – sie sind die wahren Wahlversprechenbrecher.

    Es mag gute Gründe geben, gegen die ein oder andere Sachentscheidung zu sein. Aber ich fürchte, ohne Klarheit von Listenzugehörigkeit und Kandidatenaussage würde das mit der Wahl komplizierter werden. Irgendwann kommen wir bei der Diskussion an eine Zielhierachie-Frage. Ich denke, in dem jetzigen System ist die Listenzugehörigkeit verbunden mit der Wahlaussage das höchste, sonst gibt es Chaos.

    Und weil hier sonst so viel Fussball zu sehen ist, mal ein kleiner Vergleich. Was machen wir denn, wenn der Torwart von Fortuna einfach mal den Ball vom Gegner durchlässt, weil der Bruder bei Gegner ist und den geschossen hat? Familie ist ja wohl bindender, als irgendeine (bezahlte) Mannschaftsmitgliedschaft. Ausserdem würde das Ärger von Mama beim nächsten Besuch geben.

    Deiner Meinung nach, muss der Trainer das einsehen, oder?

    Und noch was: Bei Schlchterfüllung einer Leistung gibt es natürlich für Projektmanager Sanktionsmöglichkeiten, am ehesten: Kein Geld für den Mitarbeiter. Dieses abgehobene Ideal vom soften, smarten Projektmanager ist doch Augenwischerei. Und ab da hinkt der simpel-schematisierende Vergleich: Eine Fraktion ist eben keine bezahlte Beschäftigung. Alles weitere, insbesondere die Sanktionsmöglichkeiten, ist dann nicht vergleichbar.

  2. Hallo Sam,

    danke für den ausführlichen Kommentar, dem ich aber noch mal genauso ausführlich widersprechen muss.

    Du schreibst:

    Meinungsbildung hin, Gewissen her. Auch die vier haben ein fundamentales Versprechen bei der Wahl gegeben, so wie alle anderen egal welcher Couleur bei jeder Wahl: Sie wählen im Landtag die Spitzenkandidatin ihrer Liste!

    Naja, aber nicht unter allen Bedingungen. Auch für die SPD-Abgeordneten galt das Versprechen, das von ihrer Partei vor der Hessen-Wahl gegeben wurde: Die SPD werde nicht mit der Linkspartei zusammen gehen. Und bevor du jetzt Spitzfindigkeiten diskutieren willst, wie sich eine Duldung von einer Koalition unterscheide: Wenn man vor der Wahl gesagt hätte, man werde nicht mit der Linkspartei koalieren, sich aber ggf. von ihr dulden lassen, dann könnten die vier „Abweichler“ jetzt nicht auf meine Sympathie zählen.

    Es bleibt: Die Abweichler halten das Versprechen, das ihre eigene Partei vor der Wahl gegeben hat. Das jetzt als Bruch eines Versprechens zu brandmarken, pervertiert die historische Wahrheit.

    Es mag gute Gründe geben, gegen die ein oder andere Sachentscheidung zu sein. Aber ich fürchte, ohne Klarheit von Listenzugehörigkeit und Kandidatenaussage würde das mit der Wahl komplizierter werden. Irgendwann kommen wir bei der Diskussion an eine Zielhierachie-Frage. Ich denke, in dem jetzigen System ist die Listenzugehörigkeit verbunden mit der Wahlaussage das höchste, sonst gibt es Chaos.

    Das magst du dir so wünschen. Dummerweise macht aber unser Grundgesetz (für die Bundestagsabgeordneten) in seinem Artikel 38 bislang einen anderen Vorschlag: „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages … sind … an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“

    Da magst du mir verzeihen, dass ich Abgeordneten empfehle, sich lieber ans Grundgesetz zu halten als an die Disziplin einer wortbrüchigen Partei. (Im übrigen gälte die Gewissensfreiheit auch für Abgeordnete einer Partei, die ihre Versprechen hält.)

    Und weil hier sonst so viel Fussball zu sehen ist, mal ein kleiner Vergleich. Was machen wir denn, wenn der Torwart von Fortuna einfach mal den Ball vom Gegner durchlässt, weil der Bruder bei Gegner ist und den geschossen hat?

    Das dieses Beispiel albern nicht zutreffend ist, häte dir auch auffallen können. Beim Fußball sind keine Gewissensentscheidungen vorgesehen – weil es keine gibt. Und die von dir beschrieben Entscheidung würde man wohl auch mit vielen Verrenkungen nicht als Gewissenentscheidung durchgehen lassen können.

    Anders formuliert: Durch die Verniedlichung der Entscheidung in deinem Beispiel nimmst du ihr nicht nur graduell Gültigkeit, sondern prinzipiell.

    Und noch was: Bei Schlechterfüllung einer Leistung gibt es natürlich für Projektmanager Sanktionsmöglichkeiten, am ehesten: Kein Geld für den Mitarbeiter.

    Nein, die gibt es nicht. Ich arbeite als Projektmanager fast ausschließlich mit Kollegen, die alle im selben Unternehmen angestellt sind, wie ich. Denen kann ich schon arbeitsrechtlich kein Gehalt streichen.

    Dieses abgehobene Ideal vom soften, smarten Projektmanager ist doch Augenwischerei.

    Ich darf mal vermuten, dass du kein Projektmanager bist? Dass ich also aus eigener Erfahrung weiß, wovon ich rede, du aber nicht?

    Was mich an deiner Aussage ehrlich erschreckt, das ist aber weniger ihre Ahnungslosigkeit – sondern das Menschenbild, das sie offenbart.

    Erst mal zur Ahnungslosigkeit: Geld ist ein Hygienefaktor. Sprich: Wenn dein Gehalt stimmt, dann demotiviert es dich nicht, es motiviert dich langfristig aber keineswegs. (Übrigens: Das ist keine Theorie, sondern eine immer wieder empirisch bewiesene Annahme. Und bevor du sie bestreitest, bitte ich dich, mir eine empirische (!) Untersuchung zu zeigen, die das Gegenteil belegt.)

    Jetzt zum Menschenbild:
    Ich arbeite mit Menschen an kreativen Projekten. Wir braten keine Burger oder schrauben Rücklichter an Autos. Sondern wir sind kreativ tätig und entwickeln Produkte, die es wenigstens in Teilen vorher so nicht gab. Wir lösen Probleme, die sich in der konkreten Form zum ersten Mal stellen oder die aus anderen Gründen eine neuartige Lösung fordern. Kreative Produkte werden nicht gut, weil, wie von dir vorgeschlagen, die Mitarbeiter Angst vor einer Strafe haben. Solche Produkte werden nur gut, wenn die Menschen, die sie entwickeln, Spaß an ihrer Arbeit haben. Es gibt ein Credo, nachdem Manager Mitarbeiter nicht motivieren können – außer indem sie alle Barrieren entfernen, die den Mitarbeitern den Stolz auf ihre Arbeit nehmen. (Und das ist nur eine andere Formulierung für Herzbergs unwiderlegte Untersuchungsergebnisse.)

    Wie erzieht man Kinder? Indem man ihnen Schläge androht? Nein: Indem man sie lobt, wenn sie etwas richtig machen. Und indem man ihnen ein Vorbild ist, dem sie ganz natürlich nacheifern.

    Im übrigen manage ich seit über zehn Jahren Projekte ohne die Drohung, Gehälter zu streichen. Und ich maße mir die Selbsteinschätzung an: Ich tue das erfolgreich. Was ist deine Erfahrung?

  3. P.S.: Im übrigen scheint es nicht so, als würden sich die „Abweichler“ dem geballten Volkszorn gegenüber sehen:

    51 Prozent aller Befragten finden es gut, dass Andrea Ypsilantis Vorhaben, Ministerpräsidentin von Hessen zu werden, gescheitert ist. 26 Prozent ist es egal und lediglich 19 Prozent bedauern das. Selbst bei den SPD-Anhängern finden 40 Prozent ihr Scheitern gut, 25 Prozent ist es egal, und nur 26 Prozent hätten sie lieber als Ministerpräsidentin gesehen.

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