Kurz reingeschaut: "Radio Ro" in der Schlosserei

(Achtung: Ich gebe hiermit offiziellen Arroganzalarm für den folgenden Text.)

Eine zentrale Frage stellte sich mir im Nachhinein: Nett, aber muss sowas von Steuergeldern finanziert werden?

„Radio Ro“ ist ein komödiantischer Liederabend, der in der Schlosserei, dem kleinen Haus des Kölner Schauspielhauses aufgeführt wird – und zwar mit großem Erfolg: Schon in der zweiten Saison läuft die Aufführung, und immer noch sind die Plätze auch bei einer Aufführung am Montag fast ausverkauft.

Eine Handlung hat Radio Ro nicht, nur einen Rahmen: Der kleine Sender „Radio Ro“ ist aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, sein komplettes Programm live zu gestalten. Es gibt nichts Vorproduziertes, nicht einmal die Jingles zur Ankündigung der Nachrichten oder des Wetters kommen vom Band, sondern werden live gesungen. Um also eine Sendung produzieren, kommen fünf Personen zusammen: Der selbst auch mitsingende Moderator, ein singender Pianist (Clemens Sienknecht, der auch Autor und Regisseur des Stücks ist) und die „Dorfschwalben“: drei Sängerinnen, von jung bis alt.

Der Rest ist schnell erzählt: Die fünf Protagonisten produzieren eine 90-minütige Radiosendung, was sich für den Zuschauer als ebensolange Nummernrevue von bekannten und weniger bekannten Songs darstellt, alle live auf der Bühne gesungen, gerne mit irgendeinem „Twist“. Da wird „I Get A Kick Out Of You“ solo intoniert, und die Begleitung vom Band wird nur punktuell und effektvoll eingesetzt: Hier mal eine Fanfare, da mal ein Zwischenspiel. Dann wird „Son of a Preacher Man“ auf Schwyzerdütsch übersetzt: „Dr einzig der mi hat kchünne berühre, isch der Sohn von mi Pfarrer gsi.“ Dann gibt es als Kontrast aber auch wieder ein einfaches, schweizerisches, volkstümliches Lied, geradeaus gesungen.

All das ist sehr schön inszeniert, mit einem tollen Gefühl für Choreografie, vor allem aber mit großem Witz und hervorragenden Sängern und Sängerinnen. Mehrstimmiger, im übrigen auch nicht elektrisch verstärkter Livegesang ist einfach toll.

Wo ist jetzt das Problem? Es gibt keins, wenn man das Stück für sich betrachtet und die Personen, die es auf die Bühne gebracht haben. Denen ist nichts vorzuwerfen.

Das Problem ist, dass Köln sich für ein so gefälliges, unbestritten hoch unterhaltsames Stück kein aus Steuergeldern finanziertes Schauspielhaus leisten muss. Nicht, dass ein öffentliches Schauspielhaus nicht auch Stücke aufführen dürfte, die beim Publikum ankommen. Aber zum einen nimmt man mit so einer Inszenierung privaten Kölner Theatern ein Stück weg, das die genauso gut und mit sicherlich ebensolchem Erfolg aufführen könnten. Und geben wir unsere Steuergelder nicht zuletzt deshalb für ein Schauspielhaus hin, weil es Inszenierungen zeigen soll, die private Theater aus welchen Gründen auch immer eben nicht zeigen können?

Damit will ich keineswegs sagen, dass private Theater nur anspruchslosen Klamauk zeigten oder das Schauspielhaus seien Zuschauer verschrecken soll. Aber zwischen „seine Zuschauer nicht verschrecken“ und „sich an seine Zuschauer anbiedern“ liegt eben noch ein feiner Unterschied.

Exemplarisch und erst so richtig auffällig wurde mir das Problem anhand der neben mir sitzenden Dame: Mitte 40, Bubikopf mit blonden Strähnchen, Intellektuellenbrille, Fliespullover, Jeans, mokassinartige Lederschuhe: der klassische Pädagoginnentyp. (Ich kenne die Sorte, meine Mutter war Grundschullehrerin, sieht selbst zwar anders aus, brachte aber die beschriebenen Kolleginnen oft mit nach Hause)

Es ist genau diese Sorte Mensch, für die so ein Stück gemacht wird – und denen ich es gerade vorenthalten würde. Es ist die Sorte Mensch, denen ein Fußballspiel zu wenig fein ist, bei dem man seine Emotionen mal so richtig auf den Platz (oder gegen die Glotze) schreien könnte. Die Sorte Mensch, die ihre Agressionen niemals mit einem Ballerspiel oder bei einer Runde Mountainbiking ausleben würden.

Und es ist genau die Sorte Mensch, die sich dann ein Stück wie „Radio Ro“ in der Schlosserei ansehen… …und von der ersten Minute an, als der Witz auf der Bühne noch fein und zurückhaltend ist, laut schreiend lachen, dabei kurz nach rechts und links blickend, um nicht nur dem Umsitzenden zu versichern, wie ach so toll sie sich doch unterhalten – sondern vor allem auch sich selbst, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, mal ein bisschen aus sich raus zu gehen.

Kurz: Bildungsbürger.

Ich kenn die Sorte, ich habe sie auch in der weiteren Familie. Die erzählen dir allen Ernstes, dass man „Sieben Tage, sieben Köpfe“ gesehen haben MÜSSE, bessere Unterhaltung finde man nicht im Fernsehen. (Übrigens ein Pädagogen-Ehepaar.)

Und jetzt die Masterfrage: Ist ein öffentliches Schauspielhaus dazu da, Bildungsbürger zu bedienen? Also Leute, die ins Theater vor allem gehen, um sich ihrer gesellschaftlichen Stellung zu versichern?

All das kann man „Radio Ro“ nicht vorwerfen: Ein tolles, unterhaltsames Stück, bei dem man fein lächeln und laut rausprusten kann. Aber wenn es helfen würde, die Bildungsbürger aus dem Theater zu vertreiben, dann würde ich gerne darauf verzichten. Vielleicht würden sich dann auch endlich die Leute dauerhaft verpissen, die Chétouane-Aufführungen türeschlagend verlassen, weil sie sich nicht unterhalten fühlen.

Immerhin hat die neue Intendantin Karin Beier ja versprochen, keine Liederabende mehr im Großen Haus zu inszenieren. Es gibt also Hoffnung.

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2 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: "Radio Ro" in der Schlosserei

  1. Naja, das ist halt das Gleiche als wenn sich die ÖR die Sportschau (oder Carmen Nebel oder Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt…) halten.

    Ich kann Deinen Einwand verstehen, frage mich aber auch ob nicht Frau Beier unter dem gleichen kommerziellen Druck steht wie ein Intendant an einem privaten Theater. Wenn es zur „Anfütterung“ dienen soll und damit eventuell sogar Abos verkauft werden können, dann kann ich sie aber auch verstehen und würde als Verantwortlicher wohl nicht anders handeln.

    Außerdem: Das Publikum muß wieder jünger werden! Denn nur wenn man die twenty-somethings erstmal ins Theater gebracht hat (wie auch immer), kann man über den Anspruch nachdenken. Das ist ähnlich wie in Bayreuth, finde ich.

  2. Karin Beier steht ganz bestimmt nicht unter dem gleichen kommerziellen Druck wie ein privates Theater. Es ist zwar auch nicht so, dass sie gar keinen Druck hat, aber sie bekommt das Geld für ein paar Spielzeiten von der Stadt garantiert und riskiert höchstens, am Ende ihrer Intendanz keine Verlängerung zu bekommen, wie der unglückliche Marc Günther vor ihr.

    Im übrigen hat sie ja gerade gesagt, dass sie eben KEINE Liederabende mehr machen, sondern die Zuschauer mit gutem Theater überzeugen will. Das scheint ihr auch zu gelingen: Die Presse ist voll des Lobes, und in einer stolz im Programmheft präsentierten Wahl ist Köln nach dem Deutschen Theater in Berlin und den Münchner Kammerspielen zum drittbesten Theater gewählt worden.

    Und was die jungen Leute betrifft: Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Menschen mit Barbara Salesch zum Fernsehen bringst, um ihnen dann einen Faust-Abend unterzujubeln zu können. Das sind genau die Leute, die dann mittendrin rausgehen. Den Leuten, die ins Theater gehen, muss klar sein, dass es möglicherweise (aber beileibe nicht immer) anstrengend wird, dass sie aber immer was erleben und lernen können.

    Ich habe den Eindruck, Karin Beier ist da auf einem ganz guten Weg.

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