Kurz reingeschaut: "Peer Gynt" im Schauspielhaus Köln

Ach, was wäre diese Aufführung unter der Intendanz des von mir schon oft verteidigten Marc Günther verrissen worden. Auch jetzt sind die Kritiken zurückhaltend, aber aus irgendeinem Grund kann Karin Beier von einem großen Vorschuß zehren – so unzusammenhängend und teilweise langweilig ihre Inszenierung von Peer Gynt auch sein mag.

Erst mal das Lob vorneweg: Das Bühnenbild ist toll gelungen, die Schaupieler sind wie immer überzeugend, und auch die Grundidee der Inszenierung ist schön. Peer Gynt ist ein Greis, lebt mit allen anderen Charakteren im Altersheim, wo lustig und teilweise bedrückend vor sich hingetattert, gesabbert und debilisiert wird. Alle Episoden des eigentlichen Stücks werden als Rückblenden erzählt, als Erinnerungen, für die die Charaktere gewissermaßen zum Leben erwachen.

Leider bleibt es aber beim Episodenhaften. Kennt man das Stück (wie ich) nicht wirklich gut, dann baut sich keine Spannung auf, weil sich die Figuren kaum vorstellen und die Rahmenhandlung völlig wegfällt. Muss man halt kennen… Logischerweise fällt es beim Erzählen von Episoden schwerer, wirkliche Bedeutung zu erzeugen, die Zuschauer emotional zu ergreifen. Dabei helfen auch nicht die zahlreichen Text-Passagen, die für diese Inszenierung dazugedichtet wurden.

Endgültig zur Nummernrevue wird die Aufführung unmittelbar nach der Pause, wenn Peer, inzwischen zum skrupellosen Waffenhändler (im Original: Sklavenhändler) geworden, das Hohe Lied des Kapitals und der Immoral singt – und zwar buchstäblich.

Zum Glück hat es nach dieser Szene aber auch ein Ende mit den Albereien, und die Aufführung strebt einem ergreifenden und toll choreografierten und gespielten Finale zu. Zunächst öffnet sich der Bühnenhintergrund für einige Szenen auf einem Schiff, und das authentische Gefühl von Weite, das entsteht, ist frappierend.

Besonders aber, wenn am Ende der Tod kommt, um sich Peer zu holen, und der verzweifelt versucht sein Selbst vor dem Aufgehen im Nichts zu retten, dann wird ein langer und oft langatmiger Abend doch noch ergreifend. Dann machen die beiden besten Darsteller des Abends, Michael Wittenborn als Peer Gynt und Tilo Nest als Tod (sonst als dessen Mutter Aase), die ganze Verzweiflung Peers fassbar, dessen Lebensphilosophie sich auf einmal als Irrweg erweist.

So nimmt man von diesem Abend einige starke Bilder mit, am Ende auch eine eindringliche Lehre, aber das wäre auch in kürzerer Zeit als drei Stunden zu erreichen gewesen. Und mit weniger Klimbim.

Aber immerhin lernt man, dass Kris Kristofferson gute Songs geschrieben hat.

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2 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: "Peer Gynt" im Schauspielhaus Köln

  1. Karin Beier hat bis jetzt fast alles richtig gemacht, da kann man ihr ein paar Längen in der Inszenierung von Peer Gynt ruhig nachsehen. Das Kölner Theater wiederbelebt zu haben, kann sie sich auf die Fahnen schreiben. Es wird wieder überregional wahrgenommen.
    Und um der Kritik zu gefallen, muß man eben ein bißchen verkopfter daherkommen. Als Theaterliebhaber habe zumindest ich damit kein Problem. Es geht ja auch kurzweilig, wie der dritte Teil der Prater Saga am letzten Wochenende gezeit hat.

  2. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Ich habe gar nichts gegen Karin Beier. Ich fand die letzte Spielzeit interessant, mit einigen guten Inszenierungen, und auch diese ist recht vielversprechend. Ich fand nur Beiers Vorgänger Marc Günther unterbewertet.

    Und wenn du meinst, Perr Gynt sei verkopft, um der Kritik zu gefallen: Gerade diese, etwas verkopfte Aufführung bekommt nicht so gute Kritiken (außer in der SZ). Und auch sonst habe ich nicht den Eindruck, dass Kritiker nur verkopftes Zeug mögen – sondern eher anspruchsvolle, die am besten auch noch unterhaltsam sind.

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