Von dicken, dummen und traurigen Schweinen: Die SZ berichtet vom "Killerspiel"-Kongress in München

Die Süddeutsche startet offensichtlich eine kleine Anti-Egoshooter-Offensive. Nun muss man dem Blatt lassen, dass es nicht grundsätzlich einseitig berichtet. Vielleicht hätten die Redakteure aber mal besser in das von ihnen selbst schon zitierte Buch „Grand Theft Childhood“ geschaut, um mit einigen der gestern (immerhin auf der Wissen-Seite) berichteten Thesen kritischer umgehen zu können, die Autor Helmut Martin-Jung, ohnehin kein großer Freund des Virtuellen, auf dem Münchner Kongress „Computerspiele und Gewalt“ aufgeschnappt hat („Gewalt in Computerspielen – Nach dem Spiel ist vor dem Kampf“).

Dann wollnwer mal.

Ist es nicht vielmehr so, dass junge Menschen, die ohnehin eine Veranlagung zur Aggressivität haben, eben auch eher gewaltverherrlichende Medien nutzen? In der Wissenschaft wird diese Hypothese unter dem Stichwort Medienselektion diskutiert. Die Forscher auf dem Münchner Kongress allerdings zählen sich explizit zur anderen Richtung, die von einer Medienwirkung ausgeht

Klingt jetzt schon mal nicht nach einer ergebnisoffenen Veranstaltung neugieriger und unvoreingenommener Forscher. Na gut, sind ja auch nur Menschen – die sich schon mal im Ton vergreifen und Spielehersteller als „Schweinefirmen“ bezeichnen.

Wie wollen die Forscher die Kausalität zeigen, dass Computerspiele also Gewalttäter machen?

Vor allem zwei Arten der Datenerhebung liefern Lukesch zufolge besonders wertvolle Ergebnisse. Zum einen die sogenannten Längsschnittanalysen, bei denen die untersuchten Personen zwei- oder mehrmals befragt werden. Zum anderen werden bereits ausgeführte Studien noch einmal ausgewertet und mit anderen verglichen – die Forscher sprechen dann von Meta-Analysen.

Mir ist nicht klar, warum Längsschnittstudien die Frage aufklären können sollen, was Ursache und was Wirkung ist? Die Wikipedia erklärt, eine Längsschnittstudie sei „ein Forschungsdesign […] zur Untersuchung von sozialen und individuellen Wandlungsprozessen“. Das verstehe ich. Aber wenn man an Computerspiele und Gewalttäigkeit denkt, dann kann man mit einer Längsschnittstudie eventuell erkennen, dass junge Spieler gewalttätiger Games auf Dauer auch in der echten Welt zu Gewalttätern werden. Aber ob das eine die Ursache des anderen ist, oder ob nicht eine vorhandene Prädisposition oder andere Einflussfaktoren (Erziehung!) beide beobachteten Effekte verursachen, wird man so wohl kaum herausfinden können.

Und eine Meta-Analyse kann zwar Beobachtungen verlässlicher aufzeigen. Aber sie kann nicht Effekte zeigen, die schon in den Einzelstudien gar nicht valide beobachtet werden konnten.

Jetzt könnte man eigentlich schon aufhören. Aber egal, weiter, die wollen’s ja nicht anders.

Ingrid Möller, Psychologin an der Universität Potsdam, zeigte mit drei Studien, wie durch Konsum von Mediengewalt das Aggressionspotential steigt, gleichzeitig aber die Fähigkeit zum Mitleiden sinkt. Zu ähnlichen Ergebnissen kam Thomas Mößle vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen [KFN], der Grundschüler untersucht hat.

In der SZ wird vorsichtshalber mal nicht erwähnt, was das denn eigentlich für Untersuchungen sind, die die behaupteten Ergebnisse zeigen – hinterher könnte man sich noch eine Meinung bilden. golem.de ist da nicht so schüchtern:

[In der KFN-Studie] sollten die Kinder unter anderem unter dem Kriterium „Verletzen/Drohen“ angeben, ob sie schon einmal einen anderen Menschen so lange psychisch oder auch physisch traktiert hätten, bis das Gegenüber geweint habe.

Die Methode der Studien der KFN ist in der Wissenschaft umstritten. So stellte die an der Kölner Universität tätige Psychologin Anette Rüth schon zur ersten Untersuchung der KFN aus dem Jahr 2006 fest: „Deskriptive Daten – wie sie bei einer Befragung erhoben werden – eignen sich nicht, um daraus Schlüsse auf Kausalbeziehungen zu ziehen.

Im weiteren wird der „Medienforscher Douglas Gentile von der Iowa State University“ zitiert, der auch von den Kritikern der Veranstaltung als gemäßigte und differenzierte Stimme wahrgenommen wurde.

Gentile berichtete von einem Versuch, bei dem Schüler, die zuvor ein Gewaltspiel gespielt hatten, aufgefordert wurden, angebliche Gegner mit einem lauten, per Kopfhörer eingespielten Tonsignal zu bestrafen, wenn diese bei einer Aufgabe einen Fehler gemacht hatten.

Die Validität von Noise-Blast-Tests wurde nie gezeigt (laut Kutner und Olson in „Grand Theft Childhood„). Es wurde also nie geklärt, ob die Tatsache, dass ein Kind einem anderen (das es nicht sieht und das in Wirklichkeit natürlich auch nicht existiert) ein sehr lautes Geräusch auf die Kopfhörer spielt, wirklich aussagekräftig dafür ist, dass dieses Kind gewalttätiger ist als ein anderes. Und wenn ja: Wie stark genau ist die Korrelation? Eine wie hohe Steigerung des Lautstärkepegels oder Abweichung vom Durchschnitt wäre also signifkant als Hinweis auf reale Gewalttätigkeit zu bewerten? (Ein weiteres Problem ist übrigens, dass Gewalttätigkeit oder Aggression in solchen Versuchen selten schlüssig definiert ist.)

Zwei Kritikpunkte fallen mir auf Anhieb zu Noise-Blast-Tests ein:

1. Seit dem berühmten Milgram-Experiment weiß man, dass Menschen anderen Menschen, die sie nicht sehen können, schon deswegen bereit sind große bis lebensgefährliche Schmerzen zuzufügen, weil der Experimentator bzw. das Experiment es von ihnen erwartet. Inwieweit wird dieser Effekt bei der Auswertung von Noise-Blast-Tests berücksichtigt?

2. Dass gewalthaltige Computerspiele kurzzeitige Auswirkungen auf die Aggressivität des Spielers haben können, würde ich nicht einmal bestreiten wollen. Man kann Games ja schließlich auch spielen, um sich abzureagieren. Aber verhält sich ein Spieler etwa am nächsten Tag oder ein paar Stunden später immer noch aggressiver? Übrigens hätte man aus vergleichbaren Gründen auch das letzte EM-Finale verbieten können…

Und dann mal wieder das alte Lied:

Bei seinen Untersuchungen hätten ihm [Gentile] Lehrer von Schülern berichtet, die sich zunehmend aggressiver verhalten hätten. Obwohl die Lehrer nicht wussten, wer von den Kindern in welchem Maß Gewaltspiele spielt, zeigte sich, dass ein starker Zusammenhang bestand.

Hallo? Korrelation ist nicht Kausalität. Immer noch nicht.

Und dann kommt der Rundumschlag, der ultimative Griff in die Mottenkiste, überraschenderweise aus Bayern:

Der bayerische Schulpsychologe Werner Hopf hat für seine Forschungen nicht bloß den Einfluss von Gewaltspielen untersucht, sondern auch den von Gewaltfilmen sowie von Horrorfilmen.

Klar: Hätten wir damals schon diesen VHS-Quatsch verboten, dann wäre die Gewaltkiriminalität jetzt nicht da, wo sie heute ist… Ach so, doof nur, dass die rückläufig ist und Ursachen für historisch beobachtete, starke Anstiege von Gewaltkriminalität statistisch signifikant in gesellschaftlichen Veränderungen zu finden sind, nicht aber im Konsum bestimmter Medien.

Was ist eigentlich mit Schundheften Comics? Sind die inzwischen nicht mehr gefählich?

Immerhin endet der SZ-Artikel mit einer echten Erkenntnis. Naja, es könnte eine Erkenntnis sein, wenn man sie… …eben… …naja: erkennen würde:

Kinder mit medialer Gewalt zu konfrontieren, hält Hopf für „psychischen Faschismus“. Um ihn zu bekämpfen, müssten Eltern ihren Kindern Grenzen setzen, dürften ihnen keine eigenen Fernseher oder Computer ins Zimmer stellen und sollten öfter etwas mit ihnen unternehmen.

Doch etwa die Hälfte aller Eltern in Deutschland nehme sich nicht einmal die Zeit, den Medienkonsum ihrer Kinder zu überwachen. Als er in der Münchner Trabantensiedlung Neuperlach das Projekt „medienfreie Woche“ startete, „haben am meisten die Eltern protestiert“, berichtet Hopf. „Schüler haben mir dann erzählt: am Wochenende war ich zum ersten Mal überhaupt im Wald.“

Hallo, da steht’s doch: Es gibt eine soziale und Erziehungskrise in Deutschland! Deren Auswirkungen sind alleingelassene Kinder, deren Eltern nicht kümmert, mit was ihre Kinder sich beschäftigen, sondern die sie mit Medien ruhig stellen. Übrigens ein Effekt, den ich bei meinen regelmäßigen Besuchen in Spanien bei den dorthin ausgewanderten englischen Working-Class-Mitgliedern immer wieder beobachten kann: Kinder werden vor die Glotze gesetzt, damit die Erwachsenen sich ungestört betrinken können. Übrigens gibt’s in England ein massives Gewaltproblem. Überraschung.

Wer jetzt aber gehofft hätte, mein Artikel sei schon vorbei, sieht sich getäuscht. Die Süddeutsche legt online nämlich nach und interviewt den „Gaming-Experten“ (aha?) Rainer Fromm, der auch auf dem Münchner Kongress auftrat. Der gibt sich zunächst gemäßigt: Computerspiele seien nicht Schuld an Amokläufen. Immerhin. Dann aber kommt der Oberkracher:

Fromm: Unsere Politiker sind nicht kompetent.

Klingt erst mal gut.

Wenn Filme auf ihre Altersfreigabe hin geprüft werden, werden sie selbstverständlich angeschaut, Computerspiele werden dagegen nicht gespielt, höchstens nur einzelne Szenen angeschaut. Das führt dann dazu, dass ein Gewaltspiel zum Beispiel wegen seiner comicartigen Aufmachung nicht als gefährlich erkannt wird.

Wie jetzt? Das einzig denkbare Ergebnis der tatsächlich inkompetenten Beurteilung von Computerspielen durch reine Beobachtung ist, dass „Ratchet & Clank“ nicht als Killerspiel eingestuft wird? Kann es sein, dass hier Fromms Arbeitshypothese seine Urteilsfähigkeit beeinträchtigt? Tatsache ist doch, dass gerade das Selbstspielen vordergründig gewalthaltiger Spiele offenbart, worum es in diesen Spielen, neben dem unbestritten vorhandenen Kick, wirklich geht: Spannung, Geschicklichkeit, innerhalb der Spielregeln strategisch und taktisch richtiges Verhalten – eben um alles, was ein Spiel zu einem Spiel macht.

Eine bewährte Taktik anwendend berichtet Fromm abschließend von Spielen, die als abschreckende Beispiele taugen sollen:

Dennoch bringt die Industrie jedes Jahre neue Gewaltspiele auf den Markt, oft werden diese Spiele dann unter dem Label „Strategiespiel“ verkauft. Neben dem Spaß am Krieg vermitteln sie manchmal sogar ein revisionistisches Geschichtsbild: Der Spieler kann als US-Amerikaner den Vietnamkrieg oder als Nazi den Zweiten Weltkrieg gewinnen.

Ich lese regelmäßig die Shooter-Rezensionen in den Xbox-Magazinen und spiele oft selbst Shooter. Mir ist kein revisionistisches Spiel bekannt. Übrigens gibt es angeblich auch Snuff-Movies: Werden DVDs jetzt verboten?

Ich möchte mit ein paar Fotos enden. Es sind erschreckende Bilder von einer verlorenen Generation, von verrohten Jugendlichen, die Killerspiele zu ihrem Lebensinhalt machen. Es sind Fotos aus der Counterstrike-Arena bei den World Cyber Games 2008. Niemand kann sich vorstellen, welche Angst ich in diesem Raum hatte, der voll von dicken, dummen, kranken und traurigen Menschen war, die nur darauf lauerten, mir in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit einen Noise Blast zu verpassen – bis die Ohren bluten. Gruselig. Doch ich kam durch.

Die Niederlage vor Augen

Counterstrike-Zuschauer

Verabschiedung nach dem Match

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3 Gedanken zu “Von dicken, dummen und traurigen Schweinen: Die SZ berichtet vom "Killerspiel"-Kongress in München

  1. elyz schreibt:

    Hallo,

    vielen Dank für diesen Eintrag. Ich war entsetzt als ich den Artikel am Samstag auf der Wissensseite der SZ, die ich bisher für eher seriös hielt, gelesen habe.
    Er ist im Niveau der Panikmache tatsächlich noch unter der Spiele-Berichterstattung von frontal21 und Konsorten angesiedelt, weil er vorgibt, seine Behauptungen seien wissenschaftlicher Konsens.
    Ich hoffe, dass nicht allzuviele Menschen, die sich nicht über andere Medien informieren können/wollen, den Artikel für bare Münze genommen haben.
    Ich bin aber auch zuversichtlich, dass solche medienpessimistischen Sichtweisen mit der Zeit von selbst erledigen werden. Ich kenne zum Beispiel in meinem Umfeld (das nicht besonders Gamer-geprägt ist) niemanden unter 35 der nicht schon einmal ein „Killerspiel“ gespielt hätte. Und ich vermute die erwähnten Spiele-Kritiker lassen sich auch eher der Generation 50plus zuordnen. Meine und die nächsten Generationen haben einfach einen selbstverständlichen Zugang zu Computern und -spielen.
    (Ich erinnere auch an das Geschrei über Gesundheitsgefahren als Handys populär wurden. Davon hört man heute auch nichts mehr – einfach weils alltäglcih wurde)

    Liebe Grüße,

    elyz

  2. elyz schreibt:

    P.S.: Ist dir bewusst dass dein Blog auch von Kindern besucht werden könnte? Wie kannst du es verantworten diese grausamen Bilder in aller Öffentlichkeit zu zeigen! So was sollte verboten werden! ;-)

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