Lizenz zum Töten

Zunächst war ich bei der Beurteilung dieser Geschichte ja noch hin und her gerissen: Ein „unerfahrener“ Arzt wird von der Polizei gerufen, um einem Drogenkurier Brechmittel zu verabreichen, damit der verschluckte Kokainkügelchen ausspuckt. Der Mann stirbt bei der Behandlung, während derer ihm Wasser in die Lnuge dringt, auch weil er einen unentdeckten Herzfehler hatte.

Ein „unerfahrener“ Arzt in seinem ersten derartigen Einsatz, einer erkennbar extremen Situation, die mit dem hippokratischen Verständnis des Arztberufs ohnehin nicht mehr viel gemein hat, zudem ein Herzfehler beim Delinquenten Patienten: Da tendierte ich zunächst dazu, dem armen Arzt einen tragischen Fehler zuzugestehen.

Dann aber erfahre ich, dass der „unerfahrene“ Arzt 44 Jahre alt ist. Und lese noch das hier:

Allerdings hätte ein erfahrener Arzt [den Einsatz] abgebrochen, nachdem das Opfer nicht mehr ansprechbar gewesen und aus Mund und Nase weißer Schaum gequollen sei.

Ja, vielleicht. Vielleicht hätte sogar jeder normale 44-jährige Mensch einem anderen kein Brechmittel mehr verabreicht, wenn der nicht mehr ansprechbar ist? Wie „unerfahren“ kann eigentlich ein Arzt sein, der 44 Jahre alt ist? So unerfahren, einem anderen weiter Brechmittel zu geben, wenn der schon bewusstlos ist? Wie „überfordert“ kann ein Mensch sein, der vermutlich von der Polizei unter Druck gesetzt wurde, die Beweismittel endlich zu Tage zu fördern, dass er einem Bewusstlosen weiter Brechmittel einflößt?

Jeder normale Mensch, jeder Nicht-Arzt wäre nach so einer Aktion zweifelsohne verurteilt worden, wenigstens wegen fahrlässiger Tötung. Der Arzt wurde freigesprochen, weil er zwar objektiv den Tod des Drogenkuriers verursachte, subjektiv aber keine Schuld trage.

Kann es sein, dass die Approbation hier als Lizenz zum Töten ausgelegt wurde? Wenn ein Arzt, der ein paar Dinge grundsätzlich darf, die andere Menschen nicht dürfen, etwa tut, für das jeder normale Mensch verurteilt würde, dann kommt er straffrei davon? Sind gesunder Menschenverstand und die Lebenserfahrung, die man von einem erfahrenen Arzt ganz allgemein verlangen kann, nicht mehr relevant, wenn der Angeklagte eine Approbation vorweisen kann?

Oder sind diese Aspekte etwa nur dann nicht mehr interessant, wenn im Auftrage des Staats (versehentlich) getötet wurde?

via lawblog

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