Kurz reingeschaut: "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz im Schauspielhaus Köln

Selten ist es mir im Kölner Theater so schwer gefallen, Applaus zu spenden, wie gestern nach der Aufführung von Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“. Das spricht in diesem Fall aber keineswegs gegen die Inszenierung, sondern vielmehr für ihre Qualität: Nur Sekunden nach einem erschütternd dargestellten Selbstmord will man sich nicht so recht zu dem Jubel aufraffen, den Katie Mitchells Aufführung verdient hätte. Auf so vielen Ebenen trägt das Bühnengeschehen zum Verständnis und zur Wirkung des Stücks bei, dass man noch am Tag danach die Eindrücke sortiert. Und endlich einmal wird Multimedialität, sonst oft reines Gimmick, als sinnstiftendes Element eingesetzt

Aber der Reihe nach.

„Wunschkonzert“, von Kroetz 1973 veröffentlicht, ist ein Stück ohne Worte: Eine Frau beendet ihren Arbeitstag, kommt nach Hause, hängt ihren Mantel in den Schrank, macht sich Abendbrot, spült ab, schaut fern, schaltet das Radio mit dem Klassik-Wunschkonzert an, arbeitet an einer Stickerei, nimmt ein Bad, legt sich ins Bett, liest noch ein bisschen, steht mitten in der Nacht wieder auf und vergiftet sich mit Tabletten.

Die Kölner Inszenierung dieses Stücks zeigt das Geschehen als TV-Film, der vollständig live auf der Bühne entsteht: Kulissen, Kameraleute, Geräuschemacher, Beleuchter, ein Streichquartett (für das Radio-Wunschkonzert), Darsteller. Über der Bühne hängt eine große Leinwand, auf der man den erstaunlich perfekten und gut fotografierten Film betrachten kann. Auf der Bühne selbst kann man sehen, wie er entsteht.

Das alles ist aber kein pures Gimmick. Vielmehr trägt das wuselige, stumme Geschehen rund um die eigentliche Handlung sinnstiftend zum Gefühl erschütternder Entfremdung bei, das man mit Fräulein Rasch (Julia Wieninger), der Hauptfigur des Stücks, empfindet: Wenn sie ihre Wohnung betritt und ein schwarz gekleideter Kameramann mitten in der Küche steht, stumm ins Publikum schauend, nur um eine Sekunde später die Kamera zu schwenken… Wenn alle Großaufnahmen der Hände von Fräulein Rasch vor der Wohnungskulisse gefilmt werden, mit Händen einer anderen Schauspielerin, die nur Stulpen der Kleidung von Frl. Rasch trägt… Wenn die vor den Gardinen vorbeifahrenden Autos nur aus eingespieltem Geräusch und einer geschwenkten Lampe bestehen… Wenn die Darsteller in einer erinnernden Rückblende in dem Ausschnitt, der auf der Leinwand sichtbar ist, verliebt nacheinander greifende Hände darstellen, ihre Gesichter aber völlig unbeteiligt nicht einander zugewandt sind, sondern den Bildausschnitt auf der Leinwand kontrollieren…

…dann ergibt sich so das Bild einer Frau, die von ihrer Umwelt völlig isoliert ist, der alles unecht und von ihr entkoppelt erscheint. Sogar Teile ihrer selbst sind fremd, fremdgesteuert. Sie ist völlig auf sich selbst zurückgeworfen, um sie herum nur Kulisse, buchstäblich.

Wenn am Ende die Sonne erst wieder aufgeht, der Wecker ins Nichts klingelt, und dann das Licht auf der Bühne verlöscht, dann war der Selbstmord nicht mehr als die unausweichliche Konsequenz eines vereinsamten, sinnleeren und von aller Bedeutung losgelösten Lebens.

Herausragend.

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3 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz im Schauspielhaus Köln

  1. Anna Emulb schreibt:

    Hoffentlich hast Du recht ;-) Wir gehen gleich los. Der Kritik zu Peer Gynt schließen wir uns an… wir waren bis zur Pause mit den Kindern da… schien mir doch alles etwas zerfasert und mit Kinderaugen zu skuril. Vielleicht schaffen wir es im neuen Jahr mal gemeinsam ins Theater zu gehen. Schöne Feiertage und einen hervorragenden Rutsch ins neue Jahr.

    Liebe Grüße von Petra und Markus

  2. Hervorragagend intelligente Inszenierung, die Themen, wie Vereinsamung durch selbstempfundende Ausweglosigkeit und Gefangensein in Vergangenheit und Gegenwart trotz oder gerade wegen 70er Jahre Requisite ( Retrostil…) in erschütternder (und immergültiger) Aktualität erscheinen lässt. Kein Stück für depressive Gemüter.
    Dank an alle Mitwirkenden!

    Anna aus Bonn

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