Wider das Vergessen: "Connecting People" in Bochum

Regisseur Frank Abt inszeniert am Bochumer Schauspielhaus erlebtes Markendesaster – mit O-Tönen von Tätern und Opfern der Schließung des hoch subventionierten Nokia-Werks.

So tun als ob nichts wär: Ist das typisch deutsch? Der Spezialist für Dokumentartheater Frank Abt ist dieser Frage in zahlreichen Interviews nachgegangen und hat die Antworten zu einem Stück montiert: „Connecting People“. So lautet der Titel, gleich dem bekannten Werbeslogan des finnischen Handybauers, der mehr aus Glück als aus Verstand vom Gummistiefel zur Telekommunikation kam, wie die Jungfrau zum Kinde gewissermaßen. In den 90ern stand das Unternehmen kurz vor dem Bankrott, wäre das Werk Bochum nicht gewesen … Jetzt ist es nicht mehr. Und über 2.000 Ehemalige, die bis zum bitteren Ende glaubten, statt mit Streik, mit größerem Einsatz und noch mehr Kompromissen ihren Arbeitsplatz zu retten, fühlen sich verraten und verkauft.

Das Beispiel Nokia, eines unter vielen, zeigt wieder einmal, wie demütigend es ist, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren. Von „suizidalen Symptomen“ spricht Schauspielerin Karin Moog in der Rolle der Arbeitspsychologin, von „Alkohol, Depression und vor allem Schlafstörungen“. Der Mensch Karin Moog wünscht sich, dass Arbeit nicht mehr so einen Stellenwert hat, dass es reicht, Mensch zu sein und dass man diesen Gedanken in die Gesellschaft bringt.

„Was mich fassungslos macht, ist, dass jeder sagt: ‚Ein Nokia-Handy kaufe ich mir nicht mehr.’ Das ist alles, was den Leuten einfällt.“ Am Ende der Aufführung im Bochumer Theater unter Tage sitzt Karin Moog mit ihren Kollegen Leopold Hornung und Marco Massafra im Zuschauerraum. Besucher und Darsteller reden miteinander. Ein Zuschauer weiß, dass die Bahnstation aus bürokratischen Gründen noch immer „Nokia“ heißt, auch wenn die Bahn selber in „Glückauf“ unbenannt wurde. Ein anderer ist Anlagenmechaniker und lobt seine guten Arbeitsbedingungen.

Das Publikum hat mitgeholfen, Bierbänke und Tische aufzustellen. Jetzt darf es sich an den Getränken gütlich tun, die im Kühlschrank der Bühnenküche bereitstehen. Auch die Brezeln, vorhin noch als Workflow-Symbol der Fabrik im Einsatz, sind fertig gebacken und zum Verzehr. Subtile und extra abgeschmackte Symbolik, Metaphern, Kitsch und Posen. Davon gab es eine Menge, vom Glamourgirl bis zum „Singing in the Rain“, nicht nur auf der Bühne, auch im realen, nachgestellten Leben.

Eben noch haben drei Schauspieler in einem fort die Rollen gewechselt. Frappierend echt zitierten sie den Gewerkschaftschef, den Leiharbeiter, Bauunternehmer, Konzernvorstand: Gegner und Befürworter der Werksschließung Nokia, die zum 30. Juni Schluss machte mit Bochum. Die Kulisse des Reenactments: eine ganz einfache Küche, deren schnöde Möbel und Geräte Werksmaschinen darstellen sollten, denn das alles, worum es ging, gibt es ja nicht mehr.

Nichts ist mehr da, nur noch die eigenen vier Wände, in denen manch Entlassener nun pro Woche mehr Zeit verbringt als vorher in zwei Monaten. Eine Stimme aus dem Off beschreibt Einzelschicksale. Moog lässt ihre Kamera über das Publikum schwenken, das sich dadurch selbst auf der Bühne im Fernsehen sieht. Als ob es auch um uns geht. In den ersten zwei Reihen sitzen Oberstufenschüler auf Kissen. Sie kichern.

Dies ist ein freundlicher Gastbeitrag von Isabelle Reiff. Der Artikel steht ausdrücklich nicht unter einer CC-Lizenz, alle Rechte liegen bei der Autorin.

Fotos: Birgit Hupfeld

Advertisements

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s