Ein Fegefeuer von Kinobesuch

Über unsoziale Kinobesucher habe ich schon viel geschrieben. Gestern, in Benjamin Button, durfte ich aber mal wieder einen Höhepunkt des Alltagsterrorismus erleben.

Eine meiner Theorien besagt ja: Wer 20 Sekunden nach Filmbeginn nervt, wird nicht aufhören zu nerven. Meine andere Theorie ist: Die Leute wissen ganz genau, dass sie nerven, blenden es nur aus, bis sie darauf angesprochen werden. So auch gestern.

Der Film begann, und hinter uns wurde bei jeder Szene gelacht. Es war egal, ob die Szene lustig oder traurig war. Sobald eine Figur auf der Leinwand etwas sagte, irgendetwas tat, lachten zwei Männer hinter uns – und zwar auf eine dreckige, widerliche Art und Weise, die vermuten ließ, dass auch zwei gezielte Faustschläge keine größeren gesellschaftlichen Schaden angerichtet hätten.

Ich beschloss, meine Theorie zu testen, und ertrug den Terror. Eine Stunde lang. Als dann bei einer wirklich nicht witzigen Szene mal wieder gegeiert wurde, drehte ich mich um, machte eine fragende Geste mit den Handflächen nach oben und bat dann, wortlos mit der Hand dämpfend nach unten zeigend, um Mäßigung. Antwort: ein zwar genervtes, aber ganz offensichtlich ertapptes „Ist ja gut“. Ich, ehrlich bemüht freundlich: „Danke.“

Ab diesem Moment: Theorie bewiesen, weil Ruhe. Obwohl: nicht ganz.

Links von uns, rund acht Plätze weiter, wurde nämlich zu diesem Zeitpunkt noch geschnieft. Schon ganz zu Beginn des Films hatte ich das Geräusch gehört und gedacht, da sei jemand in Tränen ausgebrochen. So heftig war das Stakkato von kurzem und langen Nasehochziehen. Immer wieder, im Halbsekundentakt. Nach zehn Minuten hatte ich mich dann vorgebeugt und einen Blick die Reihe entlang gewagt. Da saß ein Mann, etwa 35, der ganz offensichtlich einen echten, krankhaften Tick hatte. Ob er Tourette hatte oder etwas Vergleichbares? Jedenfalls schniefte er, verbunden mit abruptem Kopfzucken, in einem durch und konnte sich offensichtlich nicht kontrollieren.

Der Mann tat und tut mir wirklich leid. Ich will seine Krankheit nicht haben. Doch wenn ich’s mal brutal formuliere: Wenn ich Durchfall habe, gehe ich auch nicht ins Schwimmbad.

Oder freundlicher: Der Mann kann offensichtlich nichts für seinen Tick. Ich aber auch nicht.

Über so viele Plätze hinweg traute ich mich dann jedoch nicht, das Wort zu ergreifen und um Abhilfe zu bitten. Nach einer guten Stunde, ich hatte es gar nicht mitbekommen, war er mit seiner Begleitung dann jedoch gegangen, offensichtlich einsichtig oder von Umsitzenden gebeten, deren Blicke ich auch vorher schon gesehen hatte.

Die grandiose Schlusspointe folgte dann aber noch, als ich mit meiner Begleiterin auf dem Heimweg gerade die oben geschilderten Szenen rekapitulierte – und sie deutlich hörbar (und sofort im Anschluss von der Scham gekrümmt) einen fahren ließ. Besser hätte sich dieser Abend nicht kommentieren lassen.

Vielleicht sollte ich mir doch mal einen Beamer und ein Blu-Ray-Laufwerk anschaffen.

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2 Gedanken zu “Ein Fegefeuer von Kinobesuch

  1. Da habe ich auch eine Story miterlebt:
    Vollbesetzter Vorlesungssaal, schon einige Jahre her. Ein paar Reihen weiter, von meinem Platz aus nicht genau verortbar, klappert ununterbrochen eine Tastatur.
    Ich bin genervt, und als ich mich umgucke, merke ich, daß ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin. Kollektives Kopfschütteln, um Erlösung bittende, Augenverdrehungen Richtung Saaldecke. So geht es fast eine Stunde, der ambitionierte Dozent droht samt seinem eigentlich interessanten Vorlesungsstoff unterzugehen.
    Da fasst sich einer meiner Banknachbarn, wie ich mich zu erinnern glaube auch, um den im Raum anwesenden Mädchen zu imponieren, ein Herz und ruft laut über die versammelte Studentenschaft hinweg:
    „Könnte der Herr Superwichtig mal das ewige Getippe auf seinem Laptop einstellen, das geht hier allen anderen auf den Zeiger. Danke!“
    Ein kurzes Aufatmen geht durch den Saal, aber noch bevor sich die Erleichterung weiter Luft verschaffen kann, kommt die sofortige Antwort:
    „Das ist kein Laptop, das ist eine Blindenschreibmaschine.“
    Wie gerne wären wir alle vor Scham im Boden versunken.

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