Vertrauen ist der Anfang von allem

Ich mag Vertrauen. Ich denke, Vertrauen ist ein grundsympathischer Wert, der, wenn ihn alle in sich trügen, die Welt lebenswerter machen würde.

Erinnert sich jemand an „Bowling for Columbine“? An die Szene, in der Michael Moore nach Kanada fährt und feststellt, dass dort, nur kurz hinter der amerikanisch-kanadischen Grenze, alle Bewohner ihre Türen unverschlossen lassen? Und wie er dieses Vertrauen, das die Bewohner offensichtlich zueinander haben, als Indiz dafür nimmt, warum sich in Kanada weniger Menschen erschießen als in den USA?

Und wie ist das denn hierzulande auf dem Dorf? Ich bin zwar ein überzeugter Stadtbewohner, aber ich habe nennenswerte Teile meiner Kindheit in einem kleinen Dorf auf dem Land im Westerwald verbracht. Selbstverständlich stehen dort die Türen der Häuser offen (und sie haben, um mal vorne anzufangen, überhaupt auch auf der Außenseite Klinken). Schließlich kennt man einander. Irgendwie sympathisch und lebenswerter, als wenn ich bei mir zuhause die Tür immer zuziehe, auch wenn ich nur eine Etage zum Briefkasten gehe. Oder?

Was aber würde nun ein RTL-Explosiv-Redakteur mit so einer Vertrauens-Situation anfangen? Er würde in ein offen stehendes Haus gehen, in dem die Bewohner gerade ihren Mittagsschlaf halten, würde sich den Laptop unter den Arm klemmen, ihn draußen stolz präsentieren und darüber berichten, wie leichtsinnig doch diese Menschen sind. Nichts anderes passiert in den ständig wiederkehrenden Berichten, in denen RTL-Reporter an Hotelrezeptionen den Schlüssel von Zimmer 237 verlangen, obwohl sie dort nicht wohnen, und dann triumphierend im Zimmer eines anderen Gastes stehen.

Mir kommt dieses Verhalten vor wie Kain, der seinen Bruder erschlägt und sich noch über dessen Vertrauensseligkeit lustig macht – als wenn das Paradies nicht der schönere Ort gewesen wäre.

Es sind all diese Gründe, die es mir zutiefst unsympathisch machen, wenn ein Anonymous die Wikipedia mutwillig beschädigt, nur um zu demonstrieren, dass „professionelle“ Medien nicht immer sauber recherchieren.

Wäre es nicht schöner, wenn man sich eher mehr als weniger darauf verlassen kann, dass die Informationen in der Wikipedia stimmen? Sollte man nicht viel lieber daran arbeiten, dass die Wikipedia noch vertrauenswürdiger wird, als diese Vertrauenswürdigkeit zu beschädigen, nur um einen billigen Punktsieg gegen die unbestrittene Hybris der Online-Ableger von Zeitungen zu machen?

Aber ich kann mir natürlich auch (pardon my french) in die eigene Wohnung kacken, nur um zu testen, wie gut meine Putzfrau ist.

[EDIT] Ich hatte fälschlicherweise geschrieben, die Änderung der Wikipedia sei von Stefan Niggemeier vorgenommen worden. Das war falsch und ist oben im Text jetzt korrigiert. Es tut mir leid, dass ich diesen Eindruck erweckt habe.

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8 Gedanken zu “Vertrauen ist der Anfang von allem

  1. Weder ich noch ein anderer BILDblog-Mitarbeiter hat den Wikipedia-Eintrag verändert. Die Veränderungen sind nicht in unserem Auftrag geschehen, und wir haben nicht von ihnen gewusst.

    Ich glaube aber andererseits auch nicht daran, dass man Vertrauen dadurch herstellt, dass man Dinge verschweigt. Menschen verfälschen Wikipedia-Einträge – aus Spaß oder gefährlicheren Motiven. Das ist so, und man muss darüber berichten, damit die Menschen das wissen und entsprechend damit umgehen können.

    In der Wikipedia hat die Geschichte wieder einmal die (vermutlich alte) Diskussion ausgelöst, wie man Zirkelschlüsse verhindert, dass man Medienberichte, die auf Wikipedia-Fehlern beruhen, als Scheinbelege für die Richtigkeit von Wikipedia-Einträgen nutzt.

    Ja, es wäre schön, wenn man sich eher mehr als weniger auf die Wikipedia verlassen könnte. Das werden wir aber nicht dadurch erreichen, dass wir alle noch vorhandenen Gründe, sich eher weniger auf die Wikipedia zu verlassen, totschweigen.

    Wir haben die Wikipedia nicht beschädigt. Im konkreten Sinne nicht, und nach meiner Überzeugung auch im übertragenen nicht.

  2. Tut mir leid, es stimmt offensichtlich nicht, dass du oder ein Bildblog-Mitarbeiter die Falschinformation in die Wikipedia gepflegt haben. Das war mein Fehler; er ist im Text jetzt korrigiert.

    Zum Thema Verschweigen: Ich habe nicht gefordert, Fehler zu verschweigen, die irgendwer macht oder die in der Wikipedia existieren. Das liegt mir fern. Was ich kritisiert habe, das war das wissentliche Einpflegen eines Fehlers in die Wikipedia, um dann darüber zu hämen, wenn andere ihn abschreiben.

    Wenn professionelle Medien ihren, wie ich auch geschrieben habe, angeberischen und durch wenig gedeckten Anspruch selbst entlarven, besser recherchierte Artikel zu schreiben als „die Blogger“, dann darf man auch darüber schreiben.

    Aber wenn vorher jemand den Agent Provocateur gegeben hat, dann entwertet das erst mal die Schlussfolgerung.

    Ein bisschen was von dieser Reflektion habe ich auch in deiner Berichterstattung vermisst. Kann aber sein, dass das eben nur ich bin.

  3. vincent schreibt:

    es ist eine binsenweisheit, dass wikipedia nur so gut ist, wie seine autoren (und wikipedia zeichnet sich ja eben nicht dadurch aus, dass dort nur eine handverlesene elite beiträge schreibt); dabei ist es für den nutzer zunächst ja völlig unerheblich, ob der autor mutwillig stuss verzapft oder einfach schlecht informiert ist. soviel zu den presseheinis, die dort falsches abschreiben und anschließend die chuzpe besitzen, „hoppla, da kann man sich nicht drauf verlassen?“ zu sagen.

    andererseits spielt die motivation des „fälschers“ insofern eine rolle, als dass sie ein schlaglicht auf ein zentrales problem von wikipedia und unverschlossenen haustüren wirft: „aufm dorf im westerwald“ gibt es soziale kontrolle. jeder dort weiß, dass man nicht uneingeladen in häuser anderer leute hineinspaziert und dass es sich nicht gehört, dem nachbarn den laptop zu klauen. sich nicht an die spielregeln zu halten, zieht sanktionen nach sich. im dorf ist die höchststrafe der schlechte ruf; jeder, der in einem ort unterhalb einer kritischen einwohnerzahl groß geworden ist, weiß, was ich meine. wenn so lange niemand gegen den kodex verstoßen hat, dass die verhaltensregel „nicht ungefragt fremde häuser betreten“ zur selbstverständlichkeit nicht nur des zusammenlebens, sondern auch des für-sich-seins geworden ist, ist gegenseitiges vertrauen fast zwangsläufig die folge. zumindest bei wikipedia (und vielleicht auch in metropolen?) gibt es schon mal kein solches a priori mutua fide, da der kreis der beteiligten so groß ist, dass es unerheblich ist, wenn man von einem teil der gemeinschaft geächtet wird. bei wikipedia kommt erschwerend für das gute benehmen noch hinzu, dass es dem autor/hausfriedensbrecher vollkommen selbst überlassen bleibt, verantwortung für sein handeln zu übernehmen, da sanktionen überhaupt nicht vorgesehen sind.

    was wollte ich jetzt eigentlich nochmal sagen? ach ja: ich fürchte, dass ein wikipedia ohne demagogie, nonsense und schlichte unwahrheiten genauso unmöglich ist, wie die millionenstadt mit den offenen haustüren. immerhin ist das alles noch lange kein grund, nicht in paris oder st. petersburg zu wohnen und jeden tag etwa 3 stunden hiermit http://xkcd.com/214/ zu verbringen.

  4. @vincent
    Da kann ich vielem zustimmen. Eines geht aber an meinem Punkt vorbei: Ich will nicht das Verhalten von „professionellen“ Medien rechtfertigen. Die haben ihre Messlatte selbst gelegt und reißen sie ständig. Meine Frage ist: Muss ich jetzt noch mutwillig digital randalieren, um diesen Punkt zum drölfzigsten Mal zu machen?

    Und was die Unmöglichkeit einer Millionenstadt mit offenen Haustüren angeht: In Toronto, wo Michael Moore sein kleines (nicht repräsentatives) Experiment durchführte, wohnen 2,5 Mio Menschen, in der Greater Tornto Area über 6. Das gilt als Millionenstadt, oder?

  5. Thor schreibt:

    Volle Zustimmung zu Deinem Eintrag! Man stelle sich doch nur mal folgendes vor:
    Ein Anwohner eines Spielplatzes (o.ä.) ist genervt, weil ab 22.00 Uhr da lauter Junkis rumhängen. Die rauchen, trinken, kiffen etc. Immer wieder protestiert er dass die dort nichts zu suchen hätten, bei der Polizei, bei der Stadt etc. Aber keiner ändert was an der Situation.
    Also bricht der Anwohner einfach mal in eine Apotheke ein, klaut Codein-Hustensaft, stellt den um 21.55 auf den Spielplatz, betrachtet um 22.00 Uhr die Junkies, fotografiert sie beim „Rauschgift-Konsum“, schreibt darüber einen Artikel wie empörend das Verhalten der Junkies sei und schickt den an bild.de, die veröffentliche es dann. Und dann? Riesenbohei bei bildblog und niggemeier.de, unfassbar, wie kann man so einem Typen unkritisch ein Forum bieten, überhaupt, der hat doch eingebrochen.
    Tja:
    Genervt von der Unzuverlässigkeit der Medien klaut ein Depp Hustensaft (bzw. bricht in Wikipedia ein), stellt ihn auf den Spielplatz (bzw. ändert den Artikel zum genau richtigen Zeitpunkt), fotografiert die Junkies (bzw. dokumentiert die falschen Veröffentlichungen), schickt das ganze an bild.de (bzw. bildblog.de). Und dann? Riesenbohei bei bildblog und niggemeier.de, unfassbar, wie kann man so unkritisch berichten kann, diese scheiß-Junkies (bzw. Journalisten).

    Die Methode ist gleich, die Attitüde unerträglich.

  6. vincent schreibt:

    äh, stimmt, toronto ist ein 1a-beispiel für eine millionenstadt. also nur noch kanadier als wikipedia-autoren zulassen.

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