Im Trommelfeuer der Symptomdoktoren

Man könnte ja einfach müde werden, wenn immer wieder derselbe Unsinn behauptet wird. Aber natürlich darf man in diesem Abnutzungskampf nicht einfach aufgeben. Also muss man auch der soundsovielten Falschbehauptung über Egoshooter entgegentreten.

Eins hat sich immerhin schon mal geändert: Es heißt jetzt nicht mehr „Killerspiel“ sondern „Tötungstrainingssoftware“. Das ist zwar bösartiger gemeint als „Killerspiel“, hat aber natürlich lange nicht den Schmiss und zeigt jedenfalls, dass der Versuch, mit „Killerspiel“ ein vorveruteilendes Wort zu schaffen, gescheitert ist: „Innenminister Joachim Herrmann: Keine Geschäfte mit Tötungstrainingssoftware“.

Für Herrmann ist es wissenschaftlich klar erwiesen, dass der andauernde Konsum derartiger Spiele, in denen Gewalt und Brutalität anders als bei Filmen aktiv ausgeübt und gesteuert wird, die Gewaltbereitschaft fördert und die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, verkümmern lässt.

Nein, diese Behauptung ist NICHT wissenschaftlich erwiesen. Jedenfalls keineswegs unumstritten.

Mit großer Sorge sieht Innenminister Herrmann auch die Suchtgefahr, die von derartigen Spielen ausgeht. „Immer mehr Kinder und Jugendliche versinken täglich stundenlang in dieser virtuellen Gewaltwelt.“

Wenn man mal außen vor lässt, dass Kinder oft in virtuellen Welten versinken, zum Beispiel solchen aus Druckerschwärze, dann sind es im Fall von elektronischen Welten ja gerade nicht die angeprangerten Egoshooter, die zum Versinken geradezu aufordern. Vielmehr sind es Rollen- und Strategiespiele wie WoW oder Eve online oder auch Poker-Website, also offene Welten, Spiele die kein Ende haben. Mit etwas gutem Willen kann man vielleicht gerade noch Grand Theft Auto hierzu rechnen, und vielleicht die im E-Sport organisierte Counterstrike-Szene. Dann hört’s aber auch schon auf.

Passenderweise erscheint just heute bei Spiegel Online das lange erwartete Streitgespräch zwischen den Kinderpsychologen Winterhoff und Bergmann. Die beiden sind sich ziemlich feind, schaffen es aber im Gespräch zu einem überraschend einstimmigen Fazit:

Bergmann: Ein Ausweg ist sicher, dass wir mit den Kindern raus müssen aus der erzwungenen Rivalität, die schon in den Schulen alles beherrscht. Ich habe Fälle in der Praxis, da fragen sich Zehnjährige: „Meine beste Freundin bekommt nur die Hauptschul-Empfehlung. Darf ich mit der denn noch spielen?“ Kinder lernen Leistungsangst kennen, bevor sie mit sich selbst vertraut sind. Kindergartenkinder müssen auch kein Chinesisch lernen, leider sind Elitekindergärten erfolgreich. Diese fatale Entwicklung muss man stoppen.

Winterhoff: Das System wird zusammenbrechen, wenn man jetzt nichts macht. Die Entscheidungsträger im politischen Bereich müssen sich mit dem dringlicher werdenden Entwicklungsnotstand unserer Kinder von der Ursache her auseinandersetzen, anstatt immer neue Behandlungsmethoden für Symptome zu erfinden.

Und da sind wir mal wieder beim selben Thema, auf das sehr viele ernsthafte Psychologen kommen, wenn sie sich mit den Problemen auseinandersetzen, unter denen Kinder heute wohl unstrittig leiden: Ein immer größer werdender Leistungsdruck, ein immer stärkeres Auseinanderklaffen von Arm und Reich zerstört unsere Gesellschaft. Und in einer Gesellschaft mit großen Gegensätzen steigt die Gewalt.

Ich wäre andererseits auch mal gespannt: Wenn Egoshooter verboten werden, und dann der nächste Amoklauf kommt: Was ist dann dran? Horrorvideos? Comics? Weil ja das Mittelalter, als die Menschen noch unverdorben von Gewaltmedien waren, eine so friedvolle Zeit war.

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