Die zweite Balkanisierung des Webs

Es ist schon faszinierend, wie sich Geschichte wiederholt. Die Mailboxzeiten hab ich persönlich ja auch nicht mehr mitgemacht. Als ich ins Internet einstieg, so rund um das Jahr des Herrn 1994, gab es schon Email. Aber es gab auch noch CompuServe und BTX und AOL. Jeder dieser Dienste hatte nicht nur seinen eigenen Client, sondern auch sein eigenes Adressierungssystem. BTX-plus-Dienste erreicht man über den proprietären Client der Telekom mit *dienstname#. CompuServe-Nutzer konnten sich untereinander Nachrichten schicken, indem sie ihre Nutzerkennungen, die übrigens nicht emailadressierungskonforme Kommata enthielten, wie Telefonnummern verwendeten.

All die digitale Kleinstaaterei wurde irgendwann hinweggefegt von Web und Email mitsamt ihren einheitlichen Adressierungen. Aber man muss sich mal klar machen, dass es keineswegs selbstverständlich war, eine elektronische Nachricht von CompuServe zu BTX plus zu schicken.

Umso erstaunlicher ist es, dass all das wiederkommt: Facebook, XING, Twitter und alle anderen sozialen Netzwerke haben ihre geschlossenen Benachrichtigungssysteme. Warum kann ich keinen Tweet an einen Facebooknutzer adressieren? Warum können Identica-Nutzer keine Kontakte mit XING-Nutzern knüpfen?

15 Jahre, nachdem sich Web und Email im großen Stil durchzusetzen begann, balkanisiert das Internet zum zweiten Mal. Das hat natürlich nicht nur mit der Selbstvergessenheit und mit kommerziellen Interessen der Dienst-Betreiber zu tun, sondern auch damit, dass eine zweite Welle von Nutzern ins Web strömt. Ich war zum Beispiel frappiert zu sehen, wie mein Kreis von Düsseldorfer Freunden und Bekannten sich (Achtung, Wortspiel folgt) geschlossen bei Facebook versammeln. Menschen, die ihre Email bestenfalls mal an Feiertagen lesen, beantworten binnen weniger Stunden Posts auf ihrer Facebook-Wall.

Es scheint, wenn man sich irgendwo nicht gut auskennt, dieses sehr starke Bedürfnis zu geben, zuhause zu sein. Wenn dieses Zuhause einen Namen hat: Umso besser. Es ist nur so fürchterlich anstrengend, dass wir all die Qualitäten, die das Web zu dem gemacht haben, was es ist, jetzt wieder neu erfinden, wenigstens aber neu werden durchsetzen müssen.

nicht via, aber inspiriert von Björn Grau und Lifehacker

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