Vorläufig reingeschaut: "Dollhouse" von Joss Whedon

Die 12 Folgen von „Dollhouse“ sind zwar noch nicht durch, der neuen Serie von Joss Whedon, dem Erfinder von Buffy und Firefly. Aber nachdem vorgestern immerhin schon Folge 9 versendet wurde und mir dieser nebelige Ostermontagsmorgen außer Bloggen, gleich der Zubereitung des perfekten Rühreis sowie der seelischen Vorbereitung auf Fortuna vs. Siegen nicht viele Optionen lässt, will ich meine Eindrücke doch schon einmal zusammenfassen.

Der Titel „Dollhouse“ spielt mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs: Er steht, wörtlich übersetzt, für Puppenstube, andererseits ist er ein Standardname für Stripclubs und Erotik-Etablissements aller Art. Und genau diese beiden Funktionen erfällt das Dollhouse, von dem Whedons Serie handelt.

Eine geheime Organisation, deren Staatsnähe/-ferne sowie genaue Mission und Hintergründe wesentlicher Gegenstand der episodenübergreifenden Handlung der Serie sind, betreibt das Dollhouse: eine unterirdische Wohnanlage, in der programmierbare Menschen leben. Diese Menschen haben sich der Organisation selbst für eine begrenzte Zeit vertraglich zur Verfügung gestellt, weil sie vor irgendwelchen Erlebnissen fliehen wollten. Ihre Persönlichkeit mit allen Erinnerungen wird gelöscht, vorher aber gelesen, auf Platte gespeichert und aufbewahrt. Anschließend können die so entstandenen „Dolls“, die Puppen, für ihre Einsätze mit beliebigen Fähigkeiten (Chinesisch, Kung-Fu, medizinisches Fachwissen…) und Persönlichkeiten programmiert werden. Der Clou: Die Dolls wissen selbst nicht, dass sie programmiert sind, sie sind also perfekte Werkzeuge.

Eine der Dolls und die Hauptfigur der Serie ist „Echo“, gespielt von Eliza Dushku. Ihre Einsätze reichen von Callgirl-Jobs, über die Verhandlungsführerin bei einer Kindsentführung bis hin zur Supereinbrecherin oder Personenschützerin. Über die Serie hinweg dämmert Echo sehr sacht, dass sie eine Doll ist. Immer wieder blitzen bei ihr Erinnerungen auf: aus ihrem alten, echten Leben als Caroline oder auch aus früheren Einsätzen. Wie viel sie genau weiß, wie selbst-bewusst sie ist, wird auch dem Zuschauer nicht ganz klar. Diese langfristige Storyline hält die Serie ebenso am Leben wie das allmähliche Entdecken der Brüche in der Dollhouse-Organisation, das Erahnen ihrer Hintergründe. Parallel arbeitet nämlich auch der FBI-Agent Paul Ballard privat und obsessiv an der Enttarnung des Dollhouse.

Ich bin in der Beurteilung von „Dollhouse“ hin und her gerissen. Einerseits sind Whedons Drehbücher brillant. Jede einzelne Folge ist extrem spannend, hat genügend Twists, die für sich alleine funktionieren, die zusätzlich aber immer auch ein bisschen zum episodenübgreifenden Erzählungsbogen beitragen. Der Cast ist sehr gut, wenn auch leider gerade bei Echo/Dushku mit leichten Abstrichen; Kamera, Schnitt und Regie sind, wie bei den meisten US-Serien, nahezu perfekt.

Andererseits habe ich aber regelmäßig das Gefühl, dass „Dollhouse“ oft doch nur mit dem billigen Chicks-with-guns-Topos spielt. Die weiblichen Dolls sind ausnahmslos sehr attraktiv, was natürlich auch logische Gründe in der Story hat, da sie immer wieder anschaffen geschickt werden. Sie treten in Verkleidungen auf, in denen sie sich entweder offen prostituieren müssen, oder in denen sie klassische Porno-Klischees als Frau Doktor oder Geheimagentin erfüllen. Und manchmal sind ihre Kostüme auch einfach nur ohne Anlass sexy.

Dollhouse spielt, natürlich bis zu einem gewissen Grad sehr bewusst, mit dem feuchten Macho-Traum der freien Verfügbarkeit schöner Frauen. Whedon versucht dieses Klischee damit zu konterkarieren, dass Echo auch die größte Gefahr für das Dollhouse ist und dass sie gegen den Willen ihrer Schöpfer ein Selbstbewusstsein entwickelt. Wie hier aber Emanzipation en miniature nachgestellt wird, das hat oft schon einen sehr männlichen, manchmal gönnerhaften, selten sogar schmierigen Altherren-Blick.

All das kommt in den ersten Folgen, in denen die Charaktere und Konstellationen erst einmal eingeführt werden müssen, häufiger vor als in den bislang letzten Episoden, wo die Story rund um die Absichten der Hintermänner des Dollhouse stärker in den Vordergrund tritt, und wo in Folge 9 ein wirklich brillanter Zirkelschluss in der Konstellation aus Doll-Machern, ihren Kunden und den Dolls selbst angedeutet wird. Aber auch in dieser Folge 9 lässt es sich die Regie nicht nehmen, Echo für ein paar Szenen im knappsten Dominatrix-Kostüm mit Peitsche zu zeigen, ein paar überflüssige Dialoge darüber einzuschieben, ob es bei SM nun mehr um Schmerz oder Vertrauen geht, und jedenfalls Echo noch mal gepflegt auf den Arsch zu filmen.

Dennoch: Eine gute Serie, die wirklich brillant erzählt ist und deren Story das Potenzial für noch viele Staffeln hat, in denen man Joss Whedon die latenten und offenen Sexismen hoffentlich noch austreibt.

Advertisements

2 Gedanken zu “Vorläufig reingeschaut: "Dollhouse" von Joss Whedon

  1. axel schreibt:

    Wie kommt es eigentlich daß z.Z. so ziemlich alle neunen Serien mit weiblichen Hauptrollen besetzt werden? Ist das ein Trend?

    Mir gefällt „Fringe“ übrigens deutlich besser als „Dollhouse“. Die ersten Folgen von Dollhouse fand ich doch sehr „klinisch“ und streckenweise unspannend.

    Unbedingt reingucken solltest Du in „The Unusuals“! Sehr starker Serienstart auf ABC(!) über ein Dezernat des NYPD. Lustig, spannend, foul language und mit durchgehender Geschichte. Hat mich sofort überzeugt!

    btw: Staffel vier von „Dexter“ soll nicht vor Oktober d.J. starten…

  2. Danke für den Tipp mit den Unusuals! Fringe hatte ich mir schon vor dem Deutschlandstart mal angesehen, hat mich aber irgendwie nicht gepackt. War mir alles ein bisschen zu übertrieben pseudowissenschaftlich.

    Und dass du die ersten Dollhouse-Folgen nicht so (Achtung, Wortwitz) doll fandest, kann ich verstehen. Die Serie zieht aber mit Folge 4 stark an, wo Echo in einem Einsatz versehentlich „deprogrammiert“ wird. Ab da beginnt das Spiel mit den verschiedenen Ebenen, beginnen die Brüche im perfekten Dollhouse-System sichtbar zu werden.

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s