Wir nennen es Marktwirtschaft

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es Absicht ist. Tatsache ist aber jedenfalls, dass Booz & Company der Musikindiustrie mit dieser Pressemeldung eine freundlich ummantelte Breitseite verpasst, gewissermaßen einen Schwinger mit Samthandschuhen: „Booz & Company-Analyse: Digitalisierung entwickelt sich vom Schreckgespenst zum Wachstumstreiber der Musikindustrie“

Es beginnt noch sympathisierend, wenn auch auf Kosten der historischen Wahrheit:

Die fortschreitende Digitalisierung und der rasante Erfolg des Internets haben in der Musikindustrie zu dramatischen Umsatzverlusten geführt.

Tatsächlich schreit der ganze folgende Artikel, warum dieser Satz falsch ist. Nicht die Digitalisierung oder das Internet haben zu Umsatzverlusten geführt, sondern natürlich hat das Missmanagement vieler Menschen dazu geführt, dass ihre ganze Branche zehn Jahre lang die Chancen verpasste, die sich in einem neuen Medium und Markt boten.

Um am Ende mit jedem Musikstück wieder einen angemessenen Umsatz zu generieren und der veränderten Mediennutzung durch die Konsumenten gerecht zu werden, ist die Erschließung weiterer Erlösquellen erfolgskritisch. So kann es sich heute kein Label mehr erlauben, auf Umsatzbeiträge wie iTunes von Apple, „Nokia Comes with Music“ oder den neuen MP3-Shop von Amazon zu verzichten.

Ist es nicht bekloppt? Da gibt es ein Medium, das von zwei Dritteln aller Menschen genutzt wird, das für digitale Medien buchstäblich wie gemacht ist und in dem rund 20 Millarden Euro Umsatz pro Jahr in Deutschland gemacht werden. Und man kann es nicht mal ignorieren? Es ist schon erstaunlich.

Die strukturellen Voraussetzungen für eine stärker fragmentierte Musik-Vermarktung in Form von Downloads, Livekonzert-Streamings, Klingeltönen, Musik in Video-Spielen oder Merchandising mussten allerdings erst in einer über ein Jahrzehnt währenden Periode geschaffen werden.

Gemein, wenn im Schneckenrennen auf einmal auch Tausendfüßler antreten.

Aktuell drängen neue Player mit Kampfpreisen in den Markt, um sich als Preisführer zu positionieren und so schnellstmöglich signifikante Marktanteile zu sichern. Setzt sich diese Strategie durch, lässt das für alle Marktteilnehmer die Margen abschmelzen.

Das, liebe Musikindustrie, ist es etwas, das ihr natürlich noch nicht kennt. Es heißt „Marktwirtschaft“. Bislang konntet ihr euch sicher sein, dass ein Kunde nicht zur neuen U2 greifen wird, bloß weil ihm die gewünschte CD von Madonna drei Euro zu teuer ist. Das ändert sich. Willkommen in der echten Welt – in der mit Konkurrenz!

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