Kurz reingeschaut: Bob Mould und Clem Snide im Luxor in Köln

Manchmal läuft’s eben anders. Auf der Eintrittskarte stand zwar „Bob Mould & Clem Snide“. Aber da Bob Mould auf den Einspielungen seiner Soloplatten fast alle Instrumente selbst spielt, war ich davon ausgegangen, dass das mit vorher unbekannte, obwohl schon seit 10 Jahren existierende „alt-country indie rock project“ Clem Snide aus New York und Nashville als Supportband des großen Bob Mould auftreten würde.

Weit gefehlt. Nach einer dreiviertel Stunde Mouldschen Sologeschrammels und einer kurzen Nachfrage beim Lichtmixer war klar, dass ich die Machtverhältnisse an diesem Abend komplett falsch eingeschätzt hatte. Bob Mould war die Vorband von Clem Snide. Und wie ich im nachhinein konstatieren musste: mit Recht.

Denn was Bob Mould gestern Abend im Luxor ablieferte, das war nichts weniger als enttäuschend. Es gibt wohl nicht viele Musiker, die den Begriff „Powerrock“ in ihrer Kariere so positiv besetzen konnten wie Bob Mould, nicht viele Musiker, die als Vorreiter für Grunge und Emo gleichzeitig gelten dürfen, ohne die Mitsingbarkeit ihrer Songs kompromittiert zu haben. Umso enttäuschender war es, wie Mould seine tollen Songs gestern einen nach dem anderen wegschrammelte, fast hektisch, wenn nicht sogar lieblos. Es begann noch sehr stimmungsvoll, mit einer kraftvollen Version von Wishing Well, einem seiner ersten Solo-Songs.

„Hoover Dam“ war dann ganz okay, und „I’m sorry baby“ war der kleine Höhepunkt des Konzerts, leider viel zu früh.

Denn nun wurde es eintönig. Ich habe keine Ahnung, welche Songs Mould spielte, obwohl ich alle seine Platten besitze. Waren das alte Hüsker-Dü-Titel, in deren Oeuvre ich nicht so firm bin? Oder erkannte ich die Songs einfach nur nicht? Die Vermutung lag spätestens dann nahe, als Mould bei der Zugabe das im Original melancholisch-poppige, fast REM-artige „If I can’t change your mind“, eines meiner Lieblingslieder, so nachlässig rausrotzte, dass ich den Song erst gar nicht erkannte.

Und weder die Tatsache, dass Mould den kompletten Auftritt solo absolvierte, noch die viel zu niedrig abgemischte Lautstärke seines Auftritts trugen dazu bei, den tollen Liedern von Bob Mould Nachdruck zu verschaffen. Vielleicht hätte eine Begleitband doch geholfen.

Schon letztes Jahr, als ich Moulds Konzert in Köln verpasst hatte, schrieb die Intro: „Wie Florian Gelling, Graf-Zahl-Gänger, es im Vorbeigehen sinngemäß formulierte: ‚Ich mache jetzt eine Bob-Mould-Coverband auf. So fahrlässig, wie der mit seinen tollen Songs umgeht, hätte man da als Kopie leichtes Spiel.‚“

Wo kann ich unterschreiben?

Umso positiver wurde ich nach dieser enttäuschenden Stunde von Clem Snide überrascht. In der klassischen Rockbandbesetzung mit Sängergitarrist, Bassist und Drummer entern sie die Bühne und ziehen für die wenigen verbliebenen Besucher eine Show ab, die sich gewaschen hat: Exaltiert, überdreht, musikalisch, unverortbar! Was sich in diversen Pre-Listen-Schnipseln im Web noch hauptsächlich nach Alternative Country anhört, ist live eine Mischung aus Country, Soul, Indierock irgendwo zwischen Lambchop und Yo La Tengo und dann aber auch einer expliziten Prise Stones („You can’t always get what you want“ in die Zugabe gemogelt).

Nach der eintönigen Performance von Bob Mould erleichterte besonders der erkennbare Wille von Clem Snide, das Publikum zu unterhalten. Frontmann Eef Barzelay kommuniziert, kiekst und übertreibt, dass es nur so ein Juchzen ist. Und einer der ältesten Tricks der Live-Welt funktionierte auch für Clem Snide am gestrigen Abend: Dynamik! Die Abwechslung von hauchzarten Passagen mit krachend lauten innerhalb fast jedes ihrer komplexen Songs muss einfach mitreißen.

Eins ist jedenfalls sicher: Diese Band hat mindestens einen neuen Freund gewonnen. Alle bei Amazon auf Lager liegenden Clem-Snide-CDs sind bereits auf dem Weg zu mir.

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