Die angepflaumten Samariter

Ich weiß, dass die Polizei dazu gedacht ist, Freund und Helfer des Bürgers zu sein. Manchmal habe ich aber die total bekloppte Illusion, Polizisten könnten auch Vorbilder und Pädagogen sein, und bereits vor einiger Zeit ließ ich mich schon darüber aus, dass mir das zu selten zu erkennen ist. Am vergangenen Samstag allerdings eskalierte die Sache fast.

Ich hatte ab 19:30 Uhr ein Konzert besucht und war anschließend noch im Umbruch auf zwei, drei Gin Tonic versackt. So gegen 0:30 Uhr, als wir das Umbruch verließen, hatte ich eigentlich genug, ließ mich aber überreden, erst noch auf einen Burger zum McDonald’s am Barbarossaplatz zu gehen, um dann weiter zu schauen. Mein fester Vorsatz war, nach diesem Burger die Bahn nach Hause zu nehmen.

Doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass eine schon ziemlich mit Alkohol befüllte Bekannte ihre soziale Ader entdeckte. Als wir den McDonald’s verließen, wurden wir Zeuge, wie der Geschäftsführer der Filiale einen sturzbetrunkenen Obdachlosen auf die Straße komplimentierte, dessen Gesundheitszustand gerade zwei Sanitäter überprüft hatten, nachdem der Mann es sich quer auf einer McSitzbank bequem gemacht hatte.

Meine Bekannte meinte, den Mann in die nahe gelegene Niederlassung der Heilsarmee führen zu müssen. Dort sei er besser aufgehoben. Ich war eigentlich nur genervt, wollte die Bekannte aber nicht alleine gehen lassen, hakte den Mann unter, kniff die Nasenflügel zusammen und schleifte ihn ein paar hundert Meter den Ring runter, ständig von seinem Gebrabbel begleitet. Vor der Heilsarmee angekommen, mussten wir feststellen, dass dort keineswegs ein Nachtasyl war: Die Filiale war so dicht wie der Mann an meinem Arm.

Was macht man nun in so einer Situation, in der man sich, nolens volens, entschlossen hat, ein guter Mensch zu sein? Den Penner einfach im Hauseingang ablegen und der milden Nacht überlassen, in der er garantiert nicht erfrieren würde? Hätte ich zwar seltsam gefunden, aber mit ein paar freundlichen Worten und einem schlechten Gewissen doch über’s Herz gebracht.

Meine Bekannte war anderer Meinung. Sie griff zum Handy und ich hörte sie mit der Polizei telefonieren, der sie nach einigen Minuten das Versprechen abrang, irgendwann einen Wagen vorbeizuschicken. Also warteten wir. Und warteten. Ich wollte eigentlich schon lange zu Hause sein. Doch wir warteten auf die Polizei, von der mir inzwischen klar war, dass sie nie kommen würde, weil sie in einer Samstagnacht dringenderes zu tun hatte. Wir warteten.

Nach einer halben Stunde winkte ein ebenfalls mitgegangener Kollege einem auf dem Ring vorbeifahrenden Streifenwagen zu, der auch tatsächlich hielt. Die beiden Beamten ließen sich die Situation kurz schildern, und der eine sagte, mindestens zwei Spuren zu routiniert: „Alles klar, wir setzen den Mann hier hin. Dem passiert nichts.“ Unter den anderen Mitgliedern meines kleinen Rettungsteams regte sich leise empörte Verwunderung. Der Beamte, genervt streng: „Wir werden jetzt nicht über unsere Maßnahmen diskutieren.“

Mir den Mund zu verbieten war aber schon immer der einfachste Trick, mich zum Reden zu bringen. Also moserte ich zurück: „Ich finde schon, dass wir da kurz drüber diskutieren können. Der Mann kann doch keinen Meter mehr geradeaus gehen. Ich meine, da übernimmt mal jemand Verantwortung für einen anderen, und dann kriegt man dafür noch auf den Deckel.“

Und ich muss dem Polizisten zugestehen: Seine anfängliche, arrogant-professionelle Distanz schlug sofort in echtes Bedauern um, als er merkte, dass er da gerade Leute angepflaumt hatte, die eine Stunde ihrer Samstagnacht einem betrunkenen Penner opfern. Ich hätt’s nicht gedacht, aber er entschuldigte sich tatsächlich und erklärte anschließend nachvollziehbar, was ich schon wusste: Dass der Mann bei 12° Außentemperatur nicht erfrieren werde, dass er außer einer halben Flasche Wein nichts habe, was man ihm stehlen könne, und dass also kein Grund bestehe, ihn einzuliefern.

Ich wusste das schon seit 0 Uhr 30 bei McDonald’s. Aber es war erfreulich angenehm, sich von der Polizei nicht noch dafür anpampen lassen zu müssen, der eigenen Abgezocktheit mal widerstanden zu haben. Und es war schön, einem Polizisten zu begegnen, der einen nach kurzem Zögern als Mensch behandelt, und nicht nur als Objekt einer Amtshandlung.

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2 Gedanken zu “Die angepflaumten Samariter

  1. Chris schreibt:

    Die meisten Leute rufen übrigens die Feuerwehr (die ja in Köln, wie in der gesamten ehemaligen englischen Besatzungszone, für den Rettungsdienst verantwortlich ist).
    Dort werden dann unter dem Stichwort Hilo (Hilflose Person) zwei im besten Fall schlafende Personen rausgeschickt, die sacken den ein und fahren ihn
    in eine der Krankenhaus-Simulationen, das Marien“hospital“ oder ins Klösterchen (Augustinerinnen). Dort wird er in einem für solche Personen vorbereiteten Raum
    abgeladen, mit ein bisschen Glück schaffen es die Sanitäter in diesen Raum ohne sich wegen des unglaublichen Gestanks zu übergeben.

    Wenn ich die Wahl hätte, würde man mich auf der Straße liegen lassen.

  2. Damit, dass man eher die 112 rufen sollte, hast du natürlich völlig recht. War noch ein Randaspekt, den ich im Artikel nicht erwähnt habe, weil ich das in dem Moment auch gedacht hatte. Dennoch würde ich erwarten, dass die Polizei so einen Anruf dann evtl. weiterleitet oder darauf hinweist, dass man eher die 112 anrufen sollte.

    Und dass die Wahl zwischen Straße und Ausnüchterungsraum in einer milden Nacht zugunsten der Straße ausfällt, hab ich auch in der Nacht schon so gesehen. Ein bisschen ist das aber die Wahl zwischen Pest und Cholera.

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