Kurz reingeschaut: "Die Beteiligten" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Endlich mal aktuelles Theater: „Die Beteiligten„, ein Stück der österreichischen Autorin Kathrin Röggla, versucht sich an einer dramaturgischen Verarbeitung des Falls von Natascha Kampusch. Die Düsseldorfer Uraufführung spielt mit allen Ebenen, die das Theater zur Verfügung hat: natürlich mit Schauspielern, mit der Bühne, mit dem Text, aber auch mit Medien und vor allem mit den Zuschauern selbst.

Sechs Schauspieler stellen Personen dar, die in einer Beziehung zu der nie direkt genannten Natascha Kampusch stehen. Da sind die Psychologin, die Nachbarin, der väterliche Freund, der Journalist, der Manager und der professionelle Fan. Der normale Zuschauerraum des Kleinen Hauses ist abgesperrt, jeder Charakter sitzt in einer Art Minitheater, einem schwarz ummantelten kleinen Raum. Die Zuschauer verteilen sich auf diese sechs Räume, sitzen einem Schauspieler direkt gegenüber, die anderen werden als „talking heads“ über je einen TV-Monitor zu ihnen übertragen. Die fast klaustrophobische Enge und das direkte Ausgeliefertsein gegenüber einer Person übertragen sich sofort auf den Zuschauer. Fast schon zu offensichtlich wird hier die Kerkersituation dramaturgisch nachgestellt.

Sobal der erste Charakter den Mund öffnet, stellt sich dann erst einmal Verwirrung ein. Denn obwohl ich vorgewarnt war, brauchte ich rund eine Viertelstunde, um mich an die Sprache von Kathrin Röggla zu gewöhnen: Die Charaktere sprechen in indirekter Rede. Ihnen sind Texte in den Mund gelegt, in denen die nicht auftretende Entführte über sie spricht. So referiert also jeder Charakter über sich selbst in indirekter Rede, geschliffen und voller Konjunktive, aber mit aller Intonation und allem Nachdruck, als sage er das Gemeinte in diesem Moment selbst. Das schafft erst Irritation, dann aber eine wirklich wunderbare Brechung der dargestellten Wirklichkeit: Die Beobachtete, das Objekt der Aufmerksamkeit, beobachtet sozusagen indirekt zurück, ohne anwesend zu sein. Es ist, als sei eine von diesen Fensterscheiben über die Handlung gelegt, wie man sie in alten Toilettenfenstern findet, die aus lauter kleinen, halbkugeligen Glaselementen bestehen und durch die das dahinter stattfindenden zwar zu erahnen ist, aber so mehrfach gebrochen, das es verschwommen ist, auf eine Ahnung reduziert. Etwas verkünstelt, aber sehr wirkungsvoll.

<SPOILER voraus>

Gegen Ende der Aufführung werden dann die Wände um die Zuschauerboxen nach oben gezogen und geben den Blick in den ganzen Raum frei, auch auf die Zuschauer in anderen Boxen, die einem plötzlich gegenüber sitzen, manche werden sogar unscharf von den weiter laufenden Kameras eingefangen. Die Charaktere sind ebenfalls irritiert und beginnen, sich zunächst zögerlich, dann immer agiler in der neu gewonnenen Freiheit zu bewegen. Ein Moment von neuer Freiheit und gleichzeitiger Verwirrung über das Beobachtetsein, der ebenfalls wieder fast zu unmittelbar das Schicksal von Kampusch nach ihrer Befreiung nachempfinden will. Trotzdem ein toller Einfall, in dem das Theater Stärken ausspielt, die andere Medien gar nicht besitzen.

<SPOILER zu Ende>

Letztlich ist „Die Beteiligten“ eine sehenswerte Aufführung, auch wenn ihre Effekte manchmal zu gewollt erscheinen. Aber die Sprache und die durchweg guten Darsteller lohnen einen Besuch. Lediglich der für einen Theaterbesuch ungewöhnlich hohe Preis von 25 € plus VVK. lässt einen bei einer Aufführungsdauer von knapp 90 Minuten ohne Pause doch noch kurz zögern.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s