Armut in Deutschland: Taschenspieler auf allen Seiten

Drüben im Bildblog will Stefan Niggemeier demonstrieren, dass die Kritik von Nikolaus Blome, dem Leiter des Hauptstadt-Korrespondentenbüros der Bild-Zeitung, an der Armutsdefinition des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ungerecht ist. Blome kritisiert, dass die Armutsdefinition der EU und des Verbandes relativ ist: Als arm gilt, wer in einem Land weniger als 60% des dortigen mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Blome führt an, dass der Zuzug von Reichen in ein Land so die Armut steigern könne.

Niggemeier kontert, dass das mittlere Einkommen sich ja nicht als arithmetisches Mittel aller Einkommen berechne, sondern als Median all dieser Einkommen. Zur Demonstration konstruiert er im Bildblog ein Beispiel, bei dem sich der Median einer Einkommensverteilung überhaupt nicht ändert, obwohl zu elf Bürgern zwei Spitzenverdiener hinzukommen.

Nun ist es zwar richtig, dass der Median gegenüber Ausreißern in einer Verteilung deutlich unempfindlicher ist als der Mittelwert. Aber natürlich ist auch Niggemeiers Beispiel nur ein mathematischer Taschenspielertrick. Konstruiert man sein Beispiel nämlich nur leicht um, dann kann man auch das Gegenteil der von ihm gewünschten Aussage demonstrieren.

Denken wir uns mal, im Gegensatz zu Niggemeier, ein Land, in dem zwar auch elf Menschen leben, aber mit leicht anderer Einkommensverteilung: Zwei verdienen 1.000 €, vier 2.000 €, vier 3.000 € und einer 10.000 €. Dann hat die Einkommensverteilung dieses Landes ein arithmetisch mittleres Einkommen von 2.909 € und einen Median von 2.000 €.

Lassen wir in dieses Land nun zwei weitere Bürger ziehen. Anders als Stefan Niggemeier lassen wir aber keine Spitzenverdiener zuziehen, sondern Normalverdiener: Zwei neue Bürger mit 3.000 € Einkommen. Dann steigt das mittlere Einkommen gerade mal auf 2.923 €, also um läppsche 14 €. Der Median aber steigt von 2.000 € auf 3.000 €, und die Armutsgrenze steigt von 1.200€ auf 1.800 €.

Glaube eben keinem Beispiel , das du nicht selbst konstruiert hast. Letztlich arbeitet sich Stefan Niggemeier nämlich am falschen Thema ab. Es geht nicht darum, zu demonstrieren, dass die Armutsdefinition der EU deswegen doch tragfähig ist, weil sie den Median statt des Mittelwerts verwendet.

Die Armutsdefinition ist tatsächlich eine relative Größe, und sie nimmt sehenden Auges in Kauf, dass Menschen, die einem reichen Land als „arm“ gelten, in einem weniger wohlhabenden Land vielleicht Normalverdiener wären. Und jetzt kommt’s: Genau so ist das auch sinnvoll!

Man kann sich zwar darüber streiten, ob der Begriff „arm“ glücklich oder populistisch gewählt ist. Tatsächlich macht die EU-Armutsdefinition keine direkte Aussage darüber, ob ein „Armer“ zum Beispiel Hunger leiden muss oder nicht. Stattdessen macht sie eine Aussage darüber, wie viele Menschen in einem Land „keine angemessene Teilhabe an der Gesellschaft“ haben.

So ist die Armutsdefinition der EU also mehr eine soziale Größe. Sie sagt etwas aus über die Unterschiede in einer Gesellschaft – und diese Aussage ist extrem relevant. Zum Beispiel lässt sich die Gewalt in einer Gesellschaft mit den sozialen Unterschieden korrelieren, die sie zulässt: Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden leiden mehr unter Gewaltdelikten als vergleichsweise homogene Gesellschaften. (Hier mal ein Link zu einer entsprechenden Studie, die ich früher schon einmal zitiert habe: „Die Entwicklung der Gewaltkriminalität in der Bundesrepublik Deutschland, England/Wales und Schweden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, PDF).

Ich denke nicht, dass es der Sache hilft, wenn man politische Gegner, die qualitativ richtige Aussagen machen, mit offensichtlich konstruierten Beispielen auskontern will. Das ist zu leicht angreifbar und lenkt vom Kern der Sache ab.

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Ein Gedanke zu “Armut in Deutschland: Taschenspieler auf allen Seiten

  1. vincent schreibt:

    mit der definition der armut ist das so eine sache: die verbreiteten nachschlagewerke kapitulieren davor, denn „für armut gibt es keine allgemein gültige definition, da letztlich jeder ansatz mit politischnormativen werturteilen verbunden ist“. ich behaupte aber, dass es (vorwiegend unter leuten, die sich noch nie an einer definition von „armut“ versucht haben) so etwas wie einen emotionalen konsens gibt, wer als arm zu gelten hat. als arm würde man diesem konsens zufolge gelten, wenn die armut gleichsam optisch offensichtlich ist: abgerissene alte kleidung, schlechte zähne, spuren, die das leben auf der straße hinterlässt, etc.. meine eigene — naive, unreflektierte, emotionale — vorstellung von armut rührt wohl zu einem großen teil vom kindheitlichen konsum der grimms-, bechstein- und andersen-märchen her.

    ich habe den verdacht, dass die diskrepanz dieser kollektiven(?) vorstellung von armut und dem/den in wissenschaft und medien verwendeten armutsbegriff(en) eine menge semantischer diskussionen auslöst; wenn die begriffe erst einmal geklärt sind, sind meiner erfahrung nach alle schnell auf der gleichen seite. vielleicht ist also der begriff „armut“ sogar schlecht, weil kontraintuitiv, gewählt? vielleicht sind einkommensindikatoren auch gleich ganz ungeeignet, armut (oberhalb des existenzminimums) abzugrenzen? ich habe selber als student eine zeit lang ein ganzes stück unterhalb der armutsgrenze, immer so am existenzminimum (ca. 600,- monatlich, im ruhrgebiet geht das) gelebt und mich dabei nie im geringsten arm gefühlt; es sind eben — oberhalb von maslow stufe 1 und 2 — faktoren wie zugang zu kultur, die perspektive oder möglichkeit, den sozialen status demnächst zu verbessern und nicht zuletzt bildung und herkunft bzw. deren fehlen, diejenigen, die armut definieren. die hier bei niggemeyer und blome vorgestellten, im volkswirtschaftlichen kontext üblichen armutsgrenzen sind also nicht nur im hinblick auf den genauen grenzverlauf ziemlich willkürlich, da empirisch schlecht belegt ist, dass sich jemand, der weniger als 60 Prozent (oder 40, 50, 75 Prozent) des medianeinkommens verdient, auch tatsächlich arm fühlt, sondern auch im hinblick auf den herangezogenen (einzigen!!) indikator: das einkommen.

    dieses ganze armuts-definitionsproblem ist überhaupt keine kleinigkeit, wenn man sich mal vor augen führt, wie eine unbrauchbare defintion der lösung eines ganzen haufens gesellschaftlicher probleme im wege steht, einfach indem sie suggeriert, dass mit höheren gehältern, mehr sozialhilfe, kurz: mehr geld, abhilfe geschaffen werden könnte. puh, da verblasst der milde ennui über die alten statistik-grundkurs-tricks und die danebene defintion im schatten echter magengeschwüre, wenn man daran denkt, wie dem „kleinen mann“ der schneid von allen mitspielern buchstäblich abgekauft wird…

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