Kurz reingeschaut: "Kölner Affäre" in der Halle Kalk

Einen größeren und erfreulicheren Kontrast hätte es in meiner kleinen Theaterwoche (mit sagenhaften zwei Stücken in drei Tagen) wohl kaum geben können. Denn die „Kölner Affäre“ hatte all das, was „Leonce und Lena“ am Dienstag fehlte: Tiefe, wahre Menschlichkeit, anrührende Darsteller und einfach eine gute Geschichte, nein: sogar vier davon.

Für die „Kölner Affäre“ hat Regisseur Alvis Hermanis drei Schauspieler auf die Straßen von Köln geschickt. Sie sollten Menschen finden, deren wahre Geschichten sie in der Inszenierung erzählen, darstellen würden. So stehen, nach dann, jeweils einer kurzen Einleitung durch den/die Darsteller/in, nebeneinander auf jeweils ihrem eigenen, offenen Abschnitt der Bühne:

  • Hannah (Julia Wieninger), eine etwa 50-jährige Frau, vom Leben und einer langen Beziehung enttäuscht, die sich mit der Organisation von Fremdenführungen durchschlägt, einen leicht esoterischen Touch hat und die gerne Klavier lernen möchte, sich aber nicht traut, beim Klavierlehrer in die Tasten zu hauen, weil sie die Nachbarn nicht stören möchte.
  • Nastassja (Ilknur Bahadir), eine geborene Ukrainerin, mit 19 nach Deutschland gekommen und sofort schwanger geworden, die sich als Köchin und Bäckerin in einem Cafe durchschlägt, auf der Suche nach dem perfekten Mohnkuchen und dem perfekten Mann.
  • Foxi (Markus John), ein früherer Lebemann und Zuhälter, der nach einem zweijährigen „Kuraufenthalt“ im Ossendorfer Klingelpütz geläuert ist, zum Lebensunterhalt ein Mietwagen-Taxi fährt und sich nichts mehr wünscht, als seinen unehelichen, in Belgien lebenden Sohn kennenzulernen.
  • Und schließlich Juri, der sich selbst spielt: einen nur mit zwei Koffern voll Zigarren und Kaviar aus Moskau nach Deutschland emigrierten Letten, einen Künstler, der in zwei Amours Fous aufging, bevor er schließlich sich selbst im Buddhismus fand.

Die vier Figuren stehen und sitzen einfach nur auf der Bühne, jeweils in ihrer typischen Umgebung, und erzählen ihre wahren Geschichten. Das war’s. Und es zeigt sich wieder, was die Menschen seit Jahrhunderten wissen: Nichts ist spannender als eine gut erzählte Geschichte. Da braucht es keine Dramatisierung, keinen Bühnenzauber, nicht mal ein Lagerfeuer, sondern einfach nur einen guten Erzähler, der die Geschichte glaubwürdig macht.

Die drei Darsteller und Juri Baratinskis verwandeln sich dazu auf offener Bühne in ihre Figuren, was besonders bei Julia Wieningers Hannah eine beeindruckende, vollständige Verwandlung ist.

Der Star des Abends ist aber der wie immer perfekte Markus John. Wenn ich in früheren Stücken manchmal gar nicht genau wusste, ob John spielt oder einfach nur er selbst ist, zumal er immer für ähnliche Typen besetzt wird, dann zeigt sich in der „Kölner Affäre“ zweifelsfrei, ein wie guter Darsteller John wirklich ist. Der von ihm dargestellte Foxi ist ein Kölner Original, natürlich Fortuna-Fan, den John einfach saukomisch zeigt, insbesondere mit allen sprachlichen Manierismen, die so ein ehemaliger Angeber mit wilder Zuhältergeschichte und Lebensschläue eben hat. Und doch verrät John seine Figur in keinem Moment, karikiert sie nie. Zu jedem Zeitpunkt, auch wenn das Publikum auf dem Boden liegt vor Lachen, behält Foxi seine Würde. (Sogar in dem Moment, als Foxi seine allerabstruseste Geschichte erzählt, wie er nämlich letztlich davor zurückscheute, mit einer 80-jährigen Altersheimbewohnerin zu schlafen, um eines ihrer Häuser zu erben – und John kurz aus der Rolle fällt und selbst vor Lachen bebt.)

So bleibt Markus John vorbehalten, was noch keinem gelang: Mich im Theater zum Weinen zu bringen. Wenn Foxi nach der Pause über seinen verlorenen Sohn spricht, den er noch nie gesehen hat außer auf Fotos, und wenn er sich vorstellt, wie er sein Kind umarmen würde, dann ist es gerade wegen der Unbeholfenheit, mit der Foxi noch im innigsten Moment überlegt, in welcher Höhe er die Arme schließen müsste, einer der schönsten Momente, die ich je im Theater erlebt habe.

Und wenn es also nur für Markus John wäre, kann ich nur jedem empfehlen, den Weg nach Kalk zu machen, und eines der besten Stücke dieser Theater-Saison zu sehen. (Einzige angekündigte weitere Vorstellung am Samstag, 30.05. und nächsten Dienstag, 02.06.!)

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