Die Größe der Blase

Ich weiß ja, dass ich in einer Blase lebe, in der Dinge extrem wichtig sind, die außerhalb dieser Blase keiner Sau auch nur etwas sagen. Deshalb war ich am Abend der Europawahl und bei der Beobachtung der Nachberichterstattung am gestrigen Montag nicht sooo erstaunt, wie vermeintlich schlecht die Piratenpartei abgeschnitten hatte. Vielmehr ist das mal ein willkommener Anlass, die Größe der Blase zu vermessen.

Die „Piraten“ waren durch Twitter und die Blogs getrieben worden, dass es nur so eine Freude war. Bei einer selbstverständlich unrepräsentativen und stark gebiasten Twtpoll-Umfrage am Wahltag, an der aber doch immerhin 2.319 Twitterer teilnahmen, bekannten sagenhafte 56%, für die Piraten gestimmt zu haben. In den Tagen zuvor hatten sich A-Blogger wie Anke Groener, Felix Schwenzel, Don Dahlmann, Felix von Leitner (=fefe) oder René Walter öffentlich für die Piraten ausgesprochen. Auch ich sympathisiere mit dem Programm der Piraten, hatte ihnen sogar meine Unterschrift gegeben, damit sie überhaupt an der Europawahl teilnehmen konnten.

Und natürlich war da vor allem noch der SpOn-Artikel von Christian Stöcker über die „Generation C64“, wenige Tage vor der Wahl veröffentlicht, der uns Beherrschern der neuen Medien eine Macht andichtete, der sich das Establishment angeblich machtlos gegenüber sehe, quasi wie einer Nouvelle vague politique.

In der Blase entstand also der Eindruck, dass eine satte Überraschung bevorstehen könnte. dogfood mutmaßte am Wahltag, wenn auch zweifelnd, dass die Massenmedien den bevorstehenden Aufstieg der Piraten verpasst haben könnten. Auf dem ZDF verkündete Markus Kavka am Wahlabend, dass die Blogosphäre vermute, dass sich in der vermeintlich hohe Zahl von Stimmen für sonstige Parteien ein großer Teil Piraten verbergen könnte. Was sollte uns also noch aufhalten – außer der Wirklichkeit?

Tatsächlich landeten die Piraten mit 0,9% der Stimmen im deutschen Wahlergebnis noch hinter den Freien Wählern (1,7%), hinter den Republikanern (1,3%), hinter der Tierschutzpartei (1,1%), hinter der Familienpartei (1,0%) und sowieso weit hinter den 2,2% ungültig abgegebenen Stimmzetteln. Insgesamt sammelten die Piraten 229.117 Stimmen und verwiesen mit einem Abstand von 17.004 Stimmen die Rentnerpartei nur knapp auf den 11. Platz in der Wählergunst.

So lässt sich jetzt also die Größe unserer Blase mal ganz grob vermessen: 56% der Twitterer, die an der Twtpoll-Umfrage teilnahmen, stimmten für die Piraten. Die Piraten bekamen rund 230.000 Stimmen. Also leben wir wahrscheinlich mit gut 400.000 Menschen in unserer politisch aktiven Blase aus Bloggern und Twitterern, sagen wir mit einer halben Million. Das passt auch gut zu den erst 50.000, dann 100.000 Unterzeichnern der Anti-Netzsperren-Petition, die 10 bzw. 20% der Blasenbewohner entsprächen. Klingt plausibel.

Das ist nicht ganz wenig, aber eben auch nicht so viel, dass sich die großen Medien mit einer Partei wie den Piraten schon ausführlich auseinandergesetzt hätten. Insofern würde ich es zunächst als Symptom betrachten, dass die dpa Piratenpartei und Pirate Bay durcheinander warf, auch wenn es selbstverständlich peinlich ist, dass das Programm der Piraten in seriösen Medien auf den Einsatz für freie Internet-Downloads reduziert wird, eigentlich mehr karikiert. Man würde von einem Journalisten schon erwarten, den einen Klick auf der Homepage der Piraten zu machen, der zu ihrem Programm führt, und auf Anhieb zu erkennen, dass er es hier nicht mit einer Freibierpartei zu tun hat. Immerhin schaffte es die Süddeutsche am Tag nach der Wahl, die Piraten trefflich zu charakterisieren als Partei, in der „sich eine Ahnung von Zukunft niedergeschlagen“ hat. Allerdings platzierte die SZ ihren Artikel nicht im Bereich Politik, sondern im Feuilleton – also auch innerhalb der Blase.

Nur eine Tatsache wird zwei Tage nach der Wahl immer klarer: Der Name der Piraten ist so bescheuert wie gut und gefährlich. Er lässt Menschen schnell aufmerksam werden, und sorgt für den ein oder anderen blumig geschriebenen Artikel. Aber er könnte mittelfristig auch verhindern, dass die Piraten die Blase verlassen, selbst wenn sie politische Kraft gewinnen sollten. Denn um bei einer Bundestagswahl das 1%-Ghetto zu verlassen und nennenswerte Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man schon über 500.000 Stimmen sammeln – und das in einer Wahl, bei der der Hang zum Protest deutlich geringer ausgeprägt ist als bei der Europawahl (über 10% für Sonstige). Da ist ein Name, der fälschlich suggeriert, es mit einer Raubkopiererpartei zu tun zu haben, nicht hilfreich.

Aber jedenfalls wissen wir jetzt ziemlich genau, wie viele wir sind. Wir sind eine halbe Million Menschen. Und das sind noch zu wenige, um von der „großen“ Politik ernstgenommen zu werden. Aber ein bisschen was hat das Ganze von der Friedens- und Ökobewegung, die Ende der 70er zu wachsen begann, und über die BAP sungen: „Mir weede immer mieh, hoffentlich immer mieh, denn nur su hahle mer se op!“

[Update] Kleiner Nachdreher zum Thema: Wie viel ist viel?

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40 Gedanken zu “Die Größe der Blase

  1. Die Größe der Blase…

    Die Größe der Blase
    Ein sehr schöner, plausibler Artikel der beschreibt, wieviele Leute eigentlich hinter dem Hype über die Piratenpartei stehen könnten, und was die daraus folgenden Probleme sein könnten.
              ……

  2. 7,2% in Schweden. 2 Abgeordnete in Brüssel.
    Deutschland hinkt halt hinterher (ob es wohl was mit PISA und/oder der unglaublichen Verdummung der Jugend zu tun hat?). Wie beim bloggen, wie beim twittern, wie halt überall in der neuen Informationsgesellschaft.
    Hier ist das Netz noch Chat und eMail und downloads und Spiele.
    Das braucht halt. Dennoch bin ich optimistisch daß es zu Zuwächsen kommt.

    Womit ich Dir unumwunden Recht gebe ist die „gefährliche“ Namenswahl. Jedoch sehe ich im europäischen Kontext wenig Möglichkeiten diesen zu korrigieren.

  3. „Aber jedenfalls wissen wir jetzt ziemlich genau, wie viele wir sind. Wir sind…“…

    Aber jedenfalls wissen wir jetzt ziemlich genau, wie viele wir sind. Wir sind eine halbe Million Menschen. Und das sind noch zu wenige, um von der “großen” Politik ernstgenommen zu werden….

  4. 0,9% der WÄHLER haben die Piraten gewählt. Nicht 0,9% der Bundesbürger. Würde man annehmen das die Wahlbeteiligung innerhalb der Blase genauso niedrig war, dann befinden sich innerhalb der Blase rund 1 Millionen Menschen (je nachdem wie man die Wahlbeteiligung herauf oder herunter diskutiert).

    Man hätte also noch zusätzlich fragen müssen wie viele überhaupt an der Wahl teilgenommen haben. Wäre die Wahlbeteiligung bei dieser umfrage hoch, wären es eher 500.000 Blasenbewohner. Wäre sie niedriger, so um die 50%, so würde sich die Anzahl der Blasenbewohner schnell nach oben hin korrigieren.

    Oder habe ich jetzt den falschen Gedankengang?

  5. geheim schreibt:

    Naja, die Zahlenspielereien sind nett, aber wohl nicht so ganz zutreffend. Ausgehend von einer Twitterumfrage irgendwelche Hochrechnungen anstellen, ist einfach keine solide Datenbasis.
    Die Blase dürfte deutlich kleiner sein. Wenn wirklich 230000 Leute aus voller Überzeugung gewählt haben und nicht nur aus Jux den Namen in der Wahlkabine lustig fanden, dann stellt sich die Frage, wieso die Petition gegen Internetsperren, die ja eigentlich jeder aktive Wähler unterzeichnen müsste, momentan bei 114000 Unterstützern liegt. Die netzaffine Zielgruppe der Piratenpartei hat von ihr ja erfahren müssen. Und selbst die Unterzeichner dieser Petition dürften aufgrund der riesigen Medienberichterstattung die Hardcore-Netzpolitikszene übertreffen.

  6. @axel
    Ja, das mit Schweden ist ein Punkt. Aber es ist das einzige Land in Europa, in dem die Piraten nennenswert punkten konnten, und das hing in Schweden wohl tatsächlich mit dem Pirate-Bay-Prozess zusammen, der ja dort stattfand.

    @Ralf
    Das ganze ist ja nur eine klitzekleine Zahlenspielerei. Aber ich bin einfach mal davon ausgegangen, dass die Piratenpartei eine recht hohe Mobilisierung ihrer Wähler erreicht hat. Der Einfachheit halber habe ich die mit 100% angenommen und dann auf das so errechnete Ergebnis noch was drauf geschlagen, um auf eine Größenordnung zu kommen.

    @geheim
    „Ausgehend von einer Twitterumfrage irgendwelche Hochrechnungen anstellen, ist einfach keine solide Datenbasis.“
    Ach was? Mal ehrlich: Das war mir schon auch klar. Es ging ja auch nur, s.o., darum, eine Größenordnung errechnen zu können, wie viele politisch aktive Blogger/Twitterer/Netizens es denn in Deutschland gibt. Wenn jemand behauptet, es seien doppelt so viele, würde ich nicht widersprechen. Und wenn du sagt, es seien halb so viele, auch nicht. Aber eins vernachlässigst du schon: Die Internetsperren-Petition verlangt einen registrierungsprozess und die Angabe des eigenen Namens. Da ist so ein geheimes Kreuzchen am Wahltag doch deutlich schneller gemacht.

  7. Ehrlich gesagt, finde ich 500.000 nicht wenig. Anscheinend sind mindestens 100.000 sehr kommunikativ, und man findet fast alle wichtigen Multiplikatoren aus dem deutschsprachigen Netz darunter, deren Meinungshoheit teilweise bin die klassischen Medien reicht. Es geht nicht nur um die schiere Masse, sondern auch darum, in welche Richtung man kommuniziert. Die nächste Frage ist dann halt, wie man mehr Leute erreichen kann. Um die Piraten über die 5% zu hieven bräuchte es zum Beispiel rund 3 Millionen Wähler.

  8. Schöner Artikel! Und von der Twtpoll-Sache mal abgesehen: Die Größenordnung von 10^5 dürfte durchaus hinkommen – und das sind eben ganz und gar nicht wenige; die Blase ist also per Definition schon eine Großstadt. Voll von aktiven Bürgen, wohlgemerkt!
    Klar, Politik im Sinne von parlamentarisch durch eine eigene Partei vertreten sein ist da noch nicht möglich. Aber die politische Wirkung, die bereits vorhanden ist (durch die schon erwähnten Schnittstellen zu klassischen Medien und etablierten Parteien wie Grüne und vielleicht auch FDP), die würde ich mal nicht unterschätzen.

  9. Die Rechnungen finde ich gar nicht mal so schlecht. Ich denke die Entwicklung ist aber eher längerfristig zu sehen und hängt auch davon ab in wie weit sich da auch die verschiedensten Leute engagieren. Ich glaube kaum, dass die Piraten bei der kommenden Bundestagswahl eine Rolle spielen werden, aber wenn man versucht die „Public Awareness“ was das Thema Datenschutz, Netzneutralität etc angeht weiter hoch zu halten könnte die Partei schon eine alternative zu den „etablierten“ Parteien werden.

  10. Tim schreibt:

    500.000 als „harter Kern“ halte ich für realistisch. Dabei meine ich diejenigen, die das Internet als Teil ihres sozialen Lebens verstehen und es aktiv gestalten wollen. Nicht die, die den ganzen Tag in WoW rumhängen oder mit StudiVZ/Facebook/WkW nur ihre Kontakte pflegen. Wenn man in den verdächtigen Ecken und Szenen unterwegs ist, bekommt man den Eindruck. dass es mehr sein sollten – davon darf man sich nicht täuschen lassen. Ein Beispiel: T-Mobile hat „nur“ 200.000-300.000 iPhones unter die Leute gebracht.

  11. […] Die Größe der Blase the boy in the bubble (via Anke Gröner) “So lässt sich jetzt also die Größe unserer Blase mal ganz grob vermessen: 56% der Twitterer, die an der Twtpoll-Umfrage teilnahmen, stimmten für die Piraten. Die Piraten bekamen rund 230.000 Stimmen. Also leben wir wahrscheinlich mit gut 400.000 Menschen in unserer politisch aktiven Blase aus Bloggern und Twitterern, sagen wir mit einer halben Million. Das passt auch gut zu den erst 50.000, dann 100.000 Unterzeichnern der Anti-Netzsperren-Petition, die 10 bzw. 20% der Blasenbewohner entsprächen. Klingt plausibel.” aus Delicious/steinhobelgruen  Linkdump       […]

  12. Snorki schreibt:

    Ich bin nicht mit dem harten Urteil über den Namen der Partei einverstanden.

    Immer hört man das gleiche Lamento: „Das ist nicht ernstzunehmen. Das kann man doch nicht wählen.“ Womit impliziert wird, dass ein „seriöser“ Name eher ernstzunehmen wäre. Damit begibt man sich aber in das gleiche Gebiet, das man als Sympathisant eigentlich kritisiert: Die Verpackung ist alles, die Inhalte sind zweitrangig. Oder wahlweise: Für „die breite Masse“ sei das jedenfalls so, und auf die müssten wir uns einstellen.

    Mich würde es abschrecken, wenn sich die Partei demnächst mit einem sperrigen und wenig einprägsamen Namen präsentieren würde. Eine „Partei für Informationsfreiheit, Transparenz und Bürgerrechte“ ist eben nicht die Speerspitze einer neuen politischen Bewegung. Im Gegenteil, das wäre ein Tribut an eine unzeitgemäße Idee, was Politik hierzulande auszeichnet oder auszeichnen sollte. Es wäre ein Signal dafür, dass es auch bei dieser Partei nur darum geht, möglichst vielen Abgeordneten die Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es würde sagen: „Seht her. Wir halten uns an alle Regeln! Wir werden vielleicht das ein oder andere Mal das Zünglein an der Waage sein, aber mal ehrlich, verändern können wir nicht viel…“.

    Bei den PIRATEN geht es (noch zumindest) um die Inhalte. So lange die Parlamente für Bürgerrechte und gegen Überwachung stimmen, ist es ihnen egal, ob sie selbst Abgeordnete sind. Das ist doch die Stärke: es geht eben nicht darum, möglichst viele Posten zu besetzen. Es geht darum, bestimmte Themen in die Politik einzubringen, die von den etablierten Parteien gegenwärtig vernachlässigt werden. Es geht darum, dass ein frischer Wind weht und dass eine neue politische Kultur entsteht, in der der Bürger und ihre Freiheit an erster stelle Stehen. Ich persönlich würde mir wünschen, dass diese Partei eines Tages überflüssig wird. Die PIRATEN sollen meiner Meinung nach nicht mit dem Ziel antreten, eines Tages eine weitere „etablierte Partei“ zu werden.

    PIRATEN auf dem Wahlzettel sind übrigens eine Alternative für diejenigen Ungültigwähler, die der Ansicht sind, dass die „Etablierten“ nicht ihre Interessen vertreten. Nicht als Protest (wie bei den rechtsextremen Parteien), nein, als Fingerzeig in welche Richtung es gehen sollte. Als Zeichen dafür, was es eigentlich genau ist, das die Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik hervorruft.

    Wer sich größere Seriosität im Namen wünscht, sollte sich klarmachen, warum er das tut: Ist es der Wunsch, eine weitere etablierte Partei zu kreieren und die Vorstellung, dass dies mit einem unseriösen Namen nicht gelingen kann? Ist es die Furcht davor, dass sich hier eine Bewegung formiert, die sich eben nicht an die konservativen Regeln der Politik und des sie umgebenden Medienzirkus hält, sondern absichtlich mit diesen bricht? Ist es die Vorstellung, dass die eigenen Anliegen von der klassischen Medienöffentlichkeit nicht ernstgenommen und letztendlich belächelt werden könnten?

    Ich kann nur sagen: Macht euch bemerkbar! Treibt die klassischen Medien vor euch her, anstatt euch zu verbiegen, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Macht auch euren Freunden und Verwandten gegenüber deutlich, dass selbst die seriösesten Zeitungen nur selten gut recherchieren und viel häufiger nur fehlerhafte Agenturmeldungen und staatstragende Allerweltsmeinungen abdrucken. Seriosität ist im Wesentlichen nur eine Fassade. Eine Partei, die sich entschieden für Transparenz einsetzt, darf sich nicht an diesem „Maskenball“ beteiligen. Es sind die Inhalte, die Zählen, und die stimmen voll und ganz!

  13. So ein Blödsinn. Es wird immer nur so getan, als ob die Piraten die einzige Partei wäre die sinnvolle Netzpolitik betreibe. Schon mal in das Wahlprogramm der Grünen geguckt? Mich hat’s überzeugt.

  14. dogfood schreibt:

    @evil daystar: Sollten die Grünen wirklich ein überzeugendes Netzpolitik-Wahlprogramm haben, dann haben sie bei der Bundestagsdebatte die falschen zwei Leute hingeschickt. Das war eine peinliche Vorstellung, die dazu geführt hat, dass ich diesmal nicht Grün gewählt habe.

    @surfguard: ich war selber nicht von einem Wahlerfolg der PIRATEN überzeugt — auch wenn das in 140 Zeichen vielleicht nicht rüberkam. Ich hatte mich der Blase von einer anderen Seite genähert:

    Ich hatte mir die Werte der letzten Wochen auf Google Trend angesehen. Da lagen die PIRATEN bei roundabout einem Drittel der FDP (die wiederum etwas hinter den GRÜNEN) lag.

    Beachtenswert fand ich dann aber bei Google News Deutschland hinzugehen und nicht einen Artikel in den deutschen Massenmedien zu finden (abgesehen von Berichterstattung im Zusammenhang mit Pirate Bay).

    Auf der einen Seite also deutliches Interesse im „deutschen Internet“, auf der anderen Seite null Resonanz in deutschen Medien.

    Ich fand es daher spannend zu beobachten, was aus den PIRATEN am Wahltag werden würde und wieweit die Medien mit ihrem Desinteresse richtig lagen.

  15. Snorki schreibt:

    Es gibt einen Unterschied zwischen dem Einnehmen einer Position und dem Vertreten derselben. Die Grünen haben, genau wie die FDP übrigens, eine vergleichsweise vernünftige Position in Sachen Netzpolitik und Informationsfreiheit. Das Problem ist, dass beide Parteien nicht für diese Themen „stehen“. Obwohl sie die aus meiner Sicht richtige Position einnehmen und in der Opposition im Zweifel auch dafür eintreten, nehmen sie sie nicht ernst genug, um etwa eine Regierungsbeteiligung davon abhängig zu machen oder sie konsequent in die öffentliche Debatte zu tragen.

    Jede Partei hat Kernthemen, die sie immer wieder verbreitet und über die sie sich definiert: Die Grünen haben ihre Umweltpolitik und den Verbraucherschutz, die FDP ihre Selbständigen und die freie Marktwirtschaft, die Union die Innere Sicherheit und die hergebrachten Werte und Linke wie SPD haben die soziale Frage. Dass eine Partei ein Thema wirklich ernst nimmt, zeigt sich auch daran, dass sie viele Experten auf dem Gebiet in die Parlamente bringt. Die Piratenpartei hat eben die Netzpolitik, den freien Informationsaustausch und die Transparenz. Sie ist die einzige Partei, die dafür „steht“, die einzige Partei, die Experten aus der IT-Branche in nennenswerter Anzahl beherbergt.

    Ich wäre völlig zufrieden, wenn einige der anderen Parteien die Bedeutung dieser Themen erkennen und sie in ihre Kernthemen aufnehmen und dadurch eine Piratenpartei überflüssig machen würden. So lange dies aber nicht der Fall ist und Netzpolitik als Freakthema und damit Randerscheinung eher stiefmütterlich behandelt wird, ziehe ich es vor, die Piratenpartei zu wählen (an Stelle der Grünen, die ich sonst wähle und der FDP, die ich wählen würde, wenn sie nicht der Steigbügelhalter der Union wäre).

  16. Die Blase ließe sich leichter vermessen, wenn die A-Blogger ihre Zahlen auf den Tisch legen: 30.000 Follower bei Twitter, 75.000 tägliche Besucher des Weblogs… Warum hochrechnen, wenn die Fakten allesamt protokolliert sind?

  17. Die Wahlbeteiligung sollte man auf gar keinen Fall aus den Augen verlieren. DonDahlmann meint die Piraten bräuchten rund 3 Mio. Stimmen um die 5%-Hürde zu nehmen. Würde man das mal umrechnen, wären 100% rund 60 Mio. Das dürfte in etwa die Anzahl an Wahlberechtigten in Deutschland sein.

    3 Mio. Stimmen um die 5%-Hürde zu nehmen würde aber auch eine 100%ige Wahlbeteiligung bedeuten. Also selbst wenn man sehr (sehr, sehr) optimistisch ist, eine Wahlbeteiligung von 100% ist doch eher utopisch.
    2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7%. Um die 5%-Hürde zu nehmen hätten damals also rund 2,25 Mio Stimmen gereicht. Würde die Wahlbeteiligung bei der nächsten Bundestagswahl noch einmal drastisch fallen, würden auch dementsprechend weniger Stimmen benötigt werden um die 5% zu überschreiten.

    Die Wahlbeteiligung ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken, man kann deswegen annehmen das sie auch in Zukunft nicht signifikant ansteigt. Würde man von einem historischen Tief bei der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl ausgehen und die Wahlbeteiligung mal mit 60% ansetzen, würden schon 1,8 Mio. Stimmen ausreichen um in den Bundestag Einzug zu halten.

    Gut, 1,8 Mio. Stimmen werden wohl kaum bis zum September machbar sein. Aber das Beispiel zeigt das man auch kleine (Spaß) Parteien besser ernst nehmen sollte. Auf der anderen Seite sollte es auch ein Warnsignal sein. Denn was kleinen Spaß-Parteien nützten könnte, nämlich durch eine geringe Wahlbeteiligung Sitze im Bundes- bzw. Landtag zu ergattern, kann auch den rechten Parteien nützen. Deswegen finde ich es schon ganz interessant zu unterscheiden ob in einer Blase sich 500.000 oder 1 Mio. befinden.

  18. @Snorki
    Einen Teil meiner Antwort habe ich einen neuen Artikel geschrieben. Ich stimme dir aber nicht zu, dass die Piraten nicht das neue Establishment werden sollten. Du schreibst das, weil du dem Establishment Langeweile unterstellst. Ich wäre aber froh, wenn „unsere“ Themen tatsächlich in dem Sinne im Establishment ankommen würden, dass sie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene Ernst genommen werden. Und ich halte den Namen für ein Problem, weil er suggeriert, dass politisch bewusste Netzbewohner doch nur aus Egoshooter-Spielern, „Raubkopierern“ und anderen Spaßvögeln bestehen.

    @dogfood
    Sorry, wenn ich deinen Tweet falsch dargestellt habe. Ich hatte dich ungefähr so verstanden, wie du es jetzt auch in deinem Kommentar geschrieben hast: Gespannt, ob wider eigenes Erwarten den Piraten die Überraschung gelingt. Genauso ging’s mir übrigens auch. Dass die Partei von den Massenmedien vorab komplett ignoriert wurde, hatte mich auch gewundert. Es zeigt aber nur umso deutlicher, wie getrennt die Welten von klassischem Journalismus und Web 2.0 noch sind.

    @Jan
    Ich glaube nicht, dass der Anteil der Nichtwähler unter den Netizens besonders hoch war. Üblicherweise schaffen es kleine Parteien mit scharfem Profil deutlich besser ihre Wähler zu mobilisieren als die großen Polit-Tanker. Und gerade bei den Piraten war mein Eindruck, dass die bei ihrer Stammclientel, nämlich uns, kaum mehr Publicity hätten bekommen können, als das geschah.

    @Ralf
    Siehe mein neuer Artikel: Man braucht ungefähr 2,5 Mio Stimmen, um über 5% zu kommen, wenn wieder rund 75% der Wahlberechtigten in Deutschland zur Bundestagswahl gehen.

  19. anonym schreibt:

    Den Namen sollte man keinesfalls ändern.
    „It’s not good to swap horses while crossing the river.“ (Abraham Lincoln)
    Ganz abgesehen davon, daß man schwerlich einen besseren Namen finden würde. Denn der jetzige gibt klar die Richtung vor und ist auch international eingetaktet.
    Die Grünen hatten auch mal einen passenden Namen, der jetzt nur verschlissen ist, weil die Partei nahezu alle ihre Ziele verraten hat.

  20. Glaube bei der aktuellen Diskussion um Internet Sperren dürfte die Blase schon bisserl Grösser sein als nur 500.000 Leute da ja auch nahezu die gesamte Deutsche IT Branche von möglichen Sperren betroffen ist.

    Worst Case Szenario die Sperrmöglichkeiten müssen seitens der Provider installiert werden dann gäbe es auch kein Argument mehr gegen Sperren bei anderen Verstössen die bisher ja nur mit dem Argument der fehlenden Sperrmöglichkeit von den Gerichten abgelehnt wurde. Nebenbei wählen die Leute ja nicht nur die Piraten sondern auch FDP und andere Parteien die sich gegen die geplante Sperre im Rahmen Ihrer Netzpolitik ausgesprochen haben.

    Dann darf man nicht vergessen, daß bei der Europawahl sehr wenig Leute wählen gehen. Da sich kaum einer mit Europa identifizieren kann. Was die Wahl als Grundlage für die Berechnungen eher ungeeignet macht.

    Da die Piraten ausser der Netzpolitik kein wirkliches Programm haben wage ich stark zu bezweifeln, daß eine Chance für den Einzug in den Bundestag besteht. Von daher sind Sie für mich bei der Bundestagswahl leider auch nicht wählbar. Ich will schliesslich Veränderung.

  21. dogfood schreibt:

    Kurz nochmal das Ergebnis der Bundestagsabstimmung von den GRÜNEN, die ja in dieser Frage eine inhaltliche Alternative zur Piratenpartei sein sollen:
    33 Nein-Stimmen, 15 Enthaltungen, u.a. von namhaften Grünen wie Marieluise Beck, Thea Dückert, Katrin Göring-Eckardt und Christine Scheel.

  22. […] in der Internet-Community, die derzeit ein wenig überkocht, bis zur Bundestagswahl anhält, und 500.000 Multiplikatoren, die man nun gegen sich aufgebracht hat, ausreichen, um einen Achtungserfolg bei der Wahl zu […]

  23. Naja, also roundabout 15 Leute aus meinem online Clan haben die Piratenpartei gewählt , ohne aktive Blogger oder Twitterer zu sein!

    Das Potential ist auch ohne web2.0 als Lebensinhalt gegeben. Diese 15 Leute animieren auch auf unterschiedliche Art ihre Mitmenschen (Familie, Bekannte , Vereinsfreunde, usw)

    Ich hoffe das die Blase entgegen den Mainstream-Schmutzkampagnen noch ploppt und das echte Potential zu Tage tritt.

    Mein Tipp zur BTW ist 1,5 – 2 %

    Dafür ist aber noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Vor allem sollte an unsere Eltern und Großeltern appeliert werden das es für alle Nachfahren immens wichtig ist hier die alten Strukturen abzulegen und der Piratenpartei als Reformator eine Chance zu geben.

  24. ich fürchte du hast tatsächlich den nagel auf den kopf getroffen. 500.000 Menschen sind so gesehen wirklich nicht viel.. aber ich denke es ist schon so BAP gesungen haben.. und wir müssen irgendwo einen Anfang machen.

    Die Grünen waren auch nicht von jetzt auf gleich im Parlament. Ich bin da tatsächlich so optimistisch zu glauben, das es geschafft werden kann einer breiten Masse begreiflich zu machen, dass wir endlich Politk für das Netz brauchen.

  25. Event. Piratenwähler! schreibt:

    Na hört mal! eine halbe Millionen Wähler bei einer bundesweiten Wahl ist für eine NEU-Partei ernorm viel!

    Und die Aufmerksamkeit in der Presse! Ich denke, wenn die Piraten über eine Millionen Wähler kommen, dann werden ALT-Parteien sich deren Thesen annehmen, bevor die Dinge ins Rutschen kommen?

  26. @Event Lies mal den Artikel richtig. Die Piratenpartei hatte bei der Europawahl knapp 230.000 Wähler, nicht 500.000. Die 500.000 sind meine Abschätzung der Menge der aktiven Netzbewohner. Außerdem glaube ich, dass das Wählerpotenzial der Piraten scharf begrenzt ist.

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