Kurz reingeschaut: "Iphigenie" im Schauspielhaus Köln

Das vielleicht erstaunlichste an diesem Abend ist, dass er das Publikum schon für sich gewonnen hat, bevor er es gleichsam mit Zauberstaub bestreut. Es beginnt nämlich auf einer Bühne, die wie ein großer, viereckiger Schlauch gebaut ist. Vom anderen Ende werden die Zuschauer von einer Wand aus grellen Scheinwerfern geblendet. Ganz hinten weht Wind ein paar Sägespäne über den Boden. Dann kommt ein großes, weißes Papierzelt auf die Bühne, es bewegt sich gegen den Wind, wird dann scheinbar fast weggeblasen, irrt über die Bühne. Ein buchstäblich traumhaftes, ganz leises, aber doch sehr stimmungsvolles Bild. Und dann schlägt hinten eine riesige Wand zu, sie schließt den Schlauch zu einem unentrinnbaren Raum ab, und der Windhauch der Bewegung pustet über das Parkett kleinste Sägespänchen, die im Scheinwerferlicht mattgolden glitzern, bevor sie auf die Zuschauer rieseln.

Und das ist nur der Beginn des Zaubers.

Denn Iphigenie ist in dieser Kölner Aufführung von der ersten bis zur letzten Minute Theater, wie nur Theater sein kann: Konzentriert, emotional, lustig, übertragisch, körperlich – eben einfach nur dramatisch.

In der Inszenierung von Karin Henkel zeigt sich wieder einmal eine der größten Stärken der inzwischen zweijährigen Intendanz von Karin Beier: Schlichte, aber umso effektvollere Inszenierungen großer Klassiker. Iphigenie ist natürlich griechischer Mythenstoff: Dem Feldherrn Agamemnon wird weisgesagt, dass sein Krieg gegen Troja nur erfolgreich sein wird, wenn er seine eigene Tochter opfert: Iphigenie. Unter dem Vorwand, sie mit Achill verheiraten zu wollen, lockt er Iphigenie mir ihrer Mutter ins Heereslager. Agamemnons Bruder hat Skrupel und verrät der Mutter den Plan, die ihren Mann flehentlich von der Schandtat abzubringen versucht – als Iphigenie beschließt, sich freiwillig für ihr Land zu opfern.

Das ist natürlich starker Tobak, und es bietet sich die Versuchung an, den Stoff zu „modernisieren“. Karin Henkel widersteht der Versuch und weiß, dass ein dramatischer Stoff nur eines braucht: gute Schauspieler. Und die hat sie. Julia Wieninger ist eine wütend-emotionale Mutter Klytaimnestra. Felix Goeser zeigt Agamemnon so verzweifelt wie zum Tochtermord entschlossen. Lina Beckmann gibt als „Alter Mann“ und als Chormitglied einen Pausenclown so gerade noch auf der hysterisch witzigen Seite des Chargierens. Und Angelika Richter lässt all die kindliche Naivität spüren, mit der sich eine verwirrte und ergebene Iphigenie schließlich opfert.

Die Inszenierung ist ganz nah bei den Figuren und drängt sich selbst nie in den Vordergrund, obwohl das herausragende Bühnenbild von Kathrin Frosch allen Anlass dazu geben würde.

Nur einen kleinen Hänger gibt es vor dem Epilog, in dem sich herausstellt, dass Iphigenies Tod nur vorgetäuscht war. Da sinkt die Spannungskurve so tief ab, da sind die Schmerzen der Charaktere so groß, dass es den Zuschauer echte Mühe kostet, sich auf eine weitere Wendung einzulassen. Aber auch diese Mühe soll sich lohnen, denn die Konfrontation mit der überlebenden Iphigenie, die, obwohl die Handlung Jahre später spielt, wie eine Untote noch mit ihrem Blut verschmiert ist und ihre Glieder kaum beherrscht, ist noch einmal erschütternd. Und wenn Iphigenie dann ganz am Ende unvermittelt ins Parkett flüchtet, wenn sie all der klaustrophobischen Unentrinnbarkeit der Bühne und ihrer Situation nur durch die Vierte Wand entkommen kann, dann bringt die Regisseurin das Stück ganz am Ende noch einmal auf den Punkt.

Zweieinviertel Stunden lang hält diese Aufführung die Zuschauer in ihrem Bann, schafft starke Bilder und wahrhaft emotionale Momente, und all das mit einer jahrtausendealten Geschichte um Tod, Verrat, Schicksal und Liebe. Mehr kann Theater nicht wollen.

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