Piraten auf Phoenix: Versengt, doch nicht versenkt

Es war ein geradezu klassisches Schulhofszenario: Da kommen zwei große Jungs, sprechen den nerdigen Brillenträger freundlich an, verwickeln ihn in ein unverfängliches Gespräch. Dann legt einer der beiden dem Nerd einen Arm um die Schultern – und plötzlich hält er ihn fest, der Ton wird gehässiger, und schließlich drischt der eine der beiden Rüpel auf den Nerd ein, während der andere ihn festhält.

Genau so schon tausendmal im Fernsehen gesehen, und gestern auch wieder: Da hieß der Streifen „Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?“ und wurde auf Phoenix gesendet. Der brillentragende Nerd war Dirk Hillbrecht, Vorsitzender des Bundesvorstands der Piratenpartei. Und die beiden großen Jungs waren Dr. Rupert Scholz, ehemaliger Bundesverteidigungsminister, und Christoph Minhoff, im Nebenberuf Fernsehmoderator bei Phoenix.

In jeder solchen Schulhofszene, die in amerikanischen Filmen typischerweise vor den Schließfächern stattfindet, gibt es einen Moment, in dem die Stimmung bricht, in dem die lauernde Brutalität offenbar wird. Gestern kam dieser Moment nach einer knappen Viertelstunde, bei 3:15 dieses Mitschnitts der Sendung (leider mit zum Bild leicht asynchronem Ton). Bis dahin war alles friedlich verlaufen. Man hatte Hillbrecht gefragt, woher der Name seiner Partei kommt, ob er eigentlich „Piraten der Karibik“ gut finde, und hatte eine kleine Straßenumfrage eingespielt. Dann brachte Rupert Scholz das Thema wie zufällig (ha!) auf die Kinderpornografie, die zu verhindern ja der vorgebliche Anlass für den Beschluss des Zugangserschwernisgesetzes gewesen war. Hillbrecht referiert pflichtschuldig, dass er und seine Partei trotz des Widerstandes gegen das Gesetz selbstverständlich nicht Kinderpornografie verharmlosen wollten, als „Moderator“ Minhoff die Maske fallen lässt, einwirft, Kinderpornografie sei „schlicht strafbar“ – und, noch eine kurze Sekunde lang vor dem Umschnitt des Bilds erkennbar, Hillbrecht mitleidig ansieht, die Augen schließt und mit dem Kopf schüttelt.

Ab diesem Moment war klar, dass es Senge für Hillbrecht geben sollte. Und tatsächlich ließ Minhoff alle Zurückhaltung fallen und gab Dr. Scholzens willigen Sekundanten. Pirat Hillbrecht wurde mit polemischen Fragen, mit suggestiven Unterstellungen nur so überhäuft. Und wenn er einmal ansetzen wollte, etwas zu erklären, wurde er rasch unterbrochen.

Es war ein widerwärtiges Schauspiel, wie zwei Vollprofis auf den medienunerfahrenen Neupolitiker, im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Softwarefirma, hemmungslos eindroschen. Keine Polemik war da zu billig, kein Schlag zu tief angesetzt, als dass Scholz oder Minhoff Skrupel bekommen hätten.

Besonders peinlich ist das natürlich für Christoph Minhoff, der sich nicht nur immer wieder in der Rolle des betont naiven Moderators versucht, sondern als Programm-Geschäftsführer des „Ereignis- und Dokumentationskanals“ Phoenix eine Aushängeposition des öffentlich-rechtlichen Journalismus in Deutschland inne hat. Es gibt ja tatsächlich TV-Formate, in denen der Interviewer eine extreme und sogar polemische Gegenposition zu der des Befragten einnimmt. HARDtalk bei der BBC ist so ein Beispiel, wo später am selben Abend übrigens Wolfgang Schäuble fachgerecht gegrillt wurde. Aber legitim ist eine solche Taktik nur dann, wenn es sich um ein Interview handelt, nicht um ein vorgebliches Streitgespräch, bei dem sich der Moderator (kommt angeblich vom lateinischen Wort für „mäßigen, lenken“) unversehens auf eine Seite schlägt.

War es also eine „Hinrichtung“ der Piratenpartei, wie F!XMBR sofort schrieb? Keineswegs!

Denn Dirk Hillbrecht nahm jeden Schlag aufrecht und versuchte seinerseits technisch sauber, wenn auch mit viel zu wenig Kraft, Konter zu setzen. Dass Minhoff und Scholz nur ein paar Kratzer abbekamen, das war in dieser Konstellation unvermeidlich. Aber wenn nach einer Schulhofschlägerei der Nerd immer noch steht, wenn auch leicht zitternd, mit zerbeulter Brille und Blut im Mundwinkel, dann haben die Bullies ihr Ziel nicht erreicht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Und die umstehenden Mitschüler kratzen sich am Kopf und fragen sich, was sie gerade gesehen haben?

Mal im Ernst: Dirk Hillbrecht war ausnahmslos damit beschäftigt, sich gegen die suggestiven Polemiken seiner beiden Widersacher zu erwehren. Aber er tat das sachlich und ruhig. Und ich bin mir nicht sicher, ob das auf einem Kanal wie Phoenix, den man nun wirklich nicht dem Unterschichtenfernsehen zurechnen kann, am Ende nicht doch eine erfolgversprechende Taktik ist. Die Leute, die um 22:15 Uhr auf Phoenix einer Diskussion mit dem Vorsitzender einer 0,9%-Partei zuschauen, interessieren sich wirklich für das Thema. Und wenn sie nicht vorher schon für Differenzierungen verloren waren, dann haben sie in dieser Diskussion nur von Hillbrecht Denkstoff geliefert bekommen.

Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass es Hillbrecht kaum einmal gelang, aus der Verteidigungsposition herauszukommen und konstruktiv darzustellen, warum das Internet viele geltende Paradigmen überdenkenswert macht, einschließlich dem Paradigma der Existenz geistigen Eigentums. Und zu welchem Schluss man bei der Frage auch immer kommt: Wenn man im Gegensatz dazu Rupert Scholz hört, der den feinen aber wichtigen Unterschied, den das deutsche Gesetz im Gegensatz zum amerikanischen Kopierrecht wenigstens zwischen Urheber- und Verwertungsrechten macht, mit einem Satz wegzuwischen versucht („Das Urheberrecht erstreckt sich auch auf die Verwertung„), dann weiß man, mit wem man nicht mehr zu diskutieren braucht, weil für ihn noch nicht mal die gesetzliche Wirklichkeit zu gelten scheint, sofern es hilft, in einer Diskussion zu punkten.

Für zukünftige TV-Debatten, erst recht wenn es mal welche in größeren Sendern geben sollte, kann man der Piratenpartei aber trotzdem nur raten, denjenigen ihrer Spitzenfunktionäre zu schicken, der wenigstens laut Amt Diskussionshaien wie Scholz die Harpune in die weiche Flanke rammen können sollte: den Generalsekretär. Ich habe keine Ahnung, ob Hauke Kruppa, der dieses Amt bei den Piraten bekleidet, einer Diskussion mit Rupert Scholz gewachsen wäre. Aber in einem schnell recherchierten Interview im Hessischen Rundfunk macht er zumindestens schon mal einen angriffslustigen Eindruck.

Ich würde sagen, die Piratenpartei hat gestern Senge bekommen, aber ihre Kogge wurde keineswegs versenkt. Und beim nächsten Mal weiß man etwas genauer, wo der Feind steht und dass er sich nicht scheut, unfair zu kämpfen.

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10 Gedanken zu “Piraten auf Phoenix: Versengt, doch nicht versenkt

  1. Ich finde nicht, dass Hillbrecht vorgeführt wurde. Trotz Tiefschlägen hat er sich nicht auf „deren“ Niveau herabgelassen sondern sauber argumentiert.

    Für Leute ohne Hang zum Netz war die Argumentation wohl nicht immer leicht nachvollziehbar (wie auch ohne Kenntnisse zu den einzelnen Problematiken).

    „Diebstahl“ hätte er noch gut kontern können, es handelt sich nämlich lediglich um digitales Vervielfältigen, es findet kein Diebstahl statt (Urheberrechtsverletzungen schon eher). Begehe ich diese eigentlich auch, mit „Strg+C“ „Strg+V“?

  2. Ich finde auch nicht, dass Hillbrecht vorgeführt wurde, darum hab ich das auch nicht geschrieben.

    Und der Punkt mit dem Diebstahl (Buch aus dem Regal nehmen) war in der Tat der einzige, wo sie ihn in der Ecke hatten. Eine saubere Argumentation verwiese darauf, dass Diebstahl und Verfielfältigen tatsächlich unterschiedliche Dinge sind. Vor allem aber äußerte sich hier die deutlichste Konsequenz der Aufgabe des Konzepts vom geistigen Eigentum, deswegen ist dieser Punkt in einer besitzorientierten Gesellschaft auch am schwersten zu vermitteln.

  3. Daß man sich so wenig schämt, wenn man keine Ahnung hat, sondern einfach so tut, als habe man die Antwort auf alle Fragen. Der Scholz ist ungeheuerlich und die Piratenpartei braucht Kommunikationsvollprofis, die dieses langjährige Dummschwätzertum alt aussehen lassen.

  4. jo schreibt:

    Es war ein widerwärtiges Schauspiel, wie zwei Vollprofis auf den medienunerfahrenen Neupolitiker, im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Softwarefirma, hemmungslos eindroschen.

    Herrje. Der „medienunerfahrene Neupolitiker“ ist Vorsitzender einer Partei, die zur Bundestagswahl antreten will – und hat vorgestern die ganze Innung blamiert: „I’ll stand by [you] but if you can’t take the heat, get out of the kitchen.“

    Und bitte, von „suggestiven Polemiken“ und „hemmunglos eindreschen“ kann einfach keine Rede sein. Minhoff hat sich zwar positioniert, Hillbrecht aber auch mehrfach Brücken gebaut, damit dieser nicht ganz so schlecht aussieht. Hillbrecht leierte aber lieber weiter sein auswendig gelerntes Wiki-WIssen runter. Selbst Scholz, dessen Standpunkt man nicht teilen muss, hat sich sichtlich zurückgenommen, wohl aus Mitleid.

    Mal im Ernst, wenn ihr das schon fies fandet, bzw. der Vorsitzender der PP bereits mit einem solchen Kaffeekränzchen überfordert ist (auch was die Wahl von Anzug, Hemd und Kravatte betrifft), ist Politik vielleicht doch nicht das richtige Betätigungsfeld.

  5. jpf schreibt:

    Wiewohl die ganze (zugegeben schwer nachzuhaltende) Thematik mit der kostenlosen Werbung (Stichwort Musikblogs) et cetera da auch nicht in die Buchnummer eingeflossen ist.
    Ich für meinen Teil hab absolut den Überblick verloren, wieviel Geld die Musikindustrie mit mir durch solche Impulsgeber verdient, und das geht quer durch alle Medien: von Musik bis Bücher, ob CD oder zB als Download oder Marsch in den Fachhandel. Jedenfalls mehr, als jemals irgendwelche glossy Zeitschriften zustande gebracht haben.
    Und, zwar nicht ganz treffend, aber speziell bei »Buch aus dem Regal nehmen« hätt ich ja gerne mal gefragt, wieviel geliehene Bücher die beiden Herren sich im Nachhinein auch selbst gekauft haben, bzw allein Stichwort Buchdruck ->Bibliothek.

  6. @jo
    Ich glaube, wenn es in der Diskussion um die Sache gegangen wäre, hätte Hillbrecht nicht so schlecht ausgesehen. Es ging aber um Politik. Nicht erwartet zu haben, dass diese beiden Felder anscheinend so weitgehend überschneidungsfrei sind, das kann man Hillbrecht vorwerfen. Aber die Tatsache an sich bleibt doch bedauerlich, und auf Phoenix sah man mal wieder, warum.

    Es ist doch so: Das, was du als „Kitchen“ beschreibst, das ist in meinem Bild der Pausenhof, auf dem die starken Jungs, wenn sie in der Klasse mit Worten nicht mehr weiterkommen, die Sache mit Fäusten klären.

    Aber in einem Punkt sind wir uns einig: Ich hätte mir ja auch gewünscht, dass die Piraten das nächste Mal einen Aikido-Kämpfer auf den Schulhof schicken, der die Schläge der Politproleten ins Leere laufen lässt und ihren Schwung gegen sie selbst verwendet.

  7. Martin Werthmöller schreibt:

    Ich habe zusätzlich eine kurze E-Mail an Phönix (unterdenlinden@phoenix.de) geschrieben. Fax / Brief wäre taktisch wahrscheinlich besser gewesen…

    Gruß,
    martin!

  8. Vorurteile, Piraten und Netzwerke…

    Links des Tages:
    • Intelligente Männer, gefühlvolle Frauen / Project Implicit®
    • Piraten auf Phoenix: Versengt, doch nicht versenkt / Komm’ ich jetzt ins Fernsehen? / Piratenpartei
    • Granovetter: The Strength of Weak Ties (1973…

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