Gefallene Helden

Nico Lumma, der an der Entstehung der sagenhaft unfamösen Vodafone-Blogger-Kampagne beteiligt war, schreibt in seinem Blog ein paar Zeilen über die Hintergründe. Eins muss man ihm lassen: Besser als das Ekel erregende Making-of-Video ist sein Artikel dann doch. Aber wenn es nur noch einen Satz gebraucht hätte, um die Kampagne hinzurichten, dann wohl diesen unten von mir hervorgehobenen:

Ist das Aufgreifen von Bloggern in einem klassischen TV-Spot und die Nutzung des Themas Generation Upload jetzt der Ausverkauf der Blogosphäre, das Ende der Unschuld und der Sieg des Kommerzes in jedem Lebensbereich? In keinster Weise. Das wurde auch schon bei den Opel-Bloggern vor vier Jahren geschrieben und ehrlich gesagt habe ich danach nicht festgestellt, dass dadurch ein Ausverkauf der Blogs stattgefunden hat. Im Gegenteil, die Blogs sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Online-Mixes geworden, sogar in Deutschland.

Nico, das IST das, was viele als Ausverkauf verstehen. Blogs sind natürlich erst mal nur ein Format, ein Publikations- und Navigations-Mechanismus. Aber dieses Format steht synonym für die private Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit. Und natürlich wisst ihr das, Vodafone und S&F, schließlich bezieht der Spot genau daraus seinen Sinn. Da sitzt ja nicht irgendein Typ mit roten Haaren im Bus, sondern der Sascha Lobo. Da spielt nicht irgendeine Frau mit ihrem Kind, sondern die Frau Schnutinger.

Du behauptest, der Vodafone-Spot sei kein Ausverkauf der Blogosphäre, weil Blogs ein fester Bestandteil des Online-Mixes geworden seien. Weil also deiner Ansicht nach das im Kern Private schon lange Bestandteil des Marketingmixes ist. Welcher perversen Zirkellogik folgt denn bitte dieses Argument? War Großwildjagd in Ordnung, weil Tigerfelle mittlerweile ein fester Bestandteil des Inneneinrichtungsmixes geworden waren?

„Ausverkauf“ meint, dass Blogs nicht mehr dasselbe wären wie vorher, wenn die Vodafone-Logik flächendeckend aufginge: Das Private kommerziell umarmen. Sascha Lobo ist jetzt schon nicht mehr derselbe wie vorher. Er ist, wenn er das jemals war, nicht mehr die lustig frisierte Stimme der Blogosphäre, er steht jetzt auf der anderen Seite: nicht auf der privaten Seite, sondern auf der kommerziellen. Was auch immer Lobo in der näheren Zukunft sagt, kann ich nicht mehr als seine persönliche Meinung wahrnehmen. Und auch bei seinen letzten Äußerungen, insbesondere natürlich denen gegen die Piratenpartei, muss ich mich fragen, wie viel davon ein Liebesdienst an der Verwertungsmaschine Vodafone war.

Denn es macht einen zentralen Unterschied, ob ich ausgewählt Privates der Öffentlichkeit zugänglich mache, oder ob ich seine Verwertung durch solche Unternehmen erlaube, die im Kern eben nicht privat sind und insbesondere auch nicht offen. Mozilla oder die Wikimedia Foundation hätten so einen Spot drehen können, ohne ihre Werbeträger zu verbrauchen, Vodafone nicht.

Denn das ist vielleicht die neutrale Betrachtungsweise dessen, was aus subjektiver Blogger-Sicht „Ausverkauf“ genannt wird: Eine Kampagne, die die Privatheit ihrer Werbeträger zum Treibstoff kommerziellen Erfolgs machten will, verbraucht diesen Treibstoff. Alles, was Blogger in die Waagschale werfen können, ist ihre Privatheit und Unabhängigkeit. Aber genau das sind sie in der Folge einer Kampagne eben nicht mehr, privat und unabhängig, sondern sie sind tausendfach plakatierte Werbeträger und würden für eine vergleichbare Kampagne nicht mehr taugen.

Und darum, Nico, ist der Vodafone-Spot ein „Ausverkauf“ der Blogosphäre, auch wenn mir dieses Kampfwort nicht gut gefällt.

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12 Gedanken zu “Gefallene Helden

  1. „“Ausverkauf” meint, dass Blogs nicht mehr dasselbe wären wie vorher, wenn die…“…

    “Ausverkauf” meint, dass Blogs nicht mehr dasselbe wären wie vorher, wenn die Vodafone-Logik flächendeckend aufginge: Das Private kommerziell umarmen….

  2. also, indem wir einige Leute im Spot auftreten lassen, die durch Blogs oder YouTube bzw. MySpace bekannt geworden sind, tritt ein Ausverkauf ein? Wo leidet darunter dieses Blog? Wird dadurch der Inhalt dieses oder anderer Blogs irgendwie anders, weniger privat, weniger Ich-fokussiert, weniger unkommerziell?

  3. (Vorab: Entschuldigung, ist etwas lang geworden, die Antwort.)

    Hi Nico, Du musst dich schon an einer quasi kantschen Verallgemeinerung deines Handelns messen lassen, schließlich hast du den Vorwurf des Ausverkaufs mit dem Argument abgelehnt, Blogs seien „fester Bestandteil des Online-Mixes“ in Deutschland. Du hast also in den Raum gestellt, dass Blogs an und für sich inzwischen Bestandteil von Vermarktungsstrategien seien.

    Du kannst also nicht für dich reklamieren, dass du den Abrissbagger ja bislang an einer anderen Ecke der Blogosphäre angesetzt hast und meine Ecke hier, zumal sie auch noch vergleichsweise klein und unwichtig ist, ja noch stünde.

    Denn es geht natürlich um das Image von Blogs in der Öffentlichkeit, das durch eine Kampagne wie die von Vodafone geprägt wird, und zwar meiner Ansicht nach falsch. Um mal ein anderes Beispiel zu wählen: Ich kann zwar auch dann mit meinen Peers noch Twitter nutzen, wenn es als Geschwätzigkeitmaschine verunglimpft und als CNN des Netzvolkes missverstanden wird. Aber das Image ist mir trotzdem nicht egal, denn es geht auch um die mögliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz von Microblogging als Kommunikationsmedium, die durch konstantes Dissing untergraben wird.

    Und selbst wenn mir das, wieder im Fall von Blogs, egal wäre – Vodafone dürfte es das nicht sein. Denn während und mindestens für eine gewisse Zeit nach der Kampagne sind Lobo und Schnutinger nicht mehr Blogger als es heute zum Beispiel Jürgen Roters ist, der Kölner OB-Kandidat der SPD – nur noch dem Format nach, aber nicht mehr dem tieferen Sinn der unabhängigen Öffentlichkeit entsprechend.

    Um es also noch einmal zu sagen: Die Vodafone-Kampagne will von der gedanklichen und kommerziellen Unabhängigkeit von Web-Promis profitieren, zerstört aber diese Unabhängigkeit selbst.

    Der Absicht vieler Blogger zufolge wäre vielmehr eine umgekehrte Wirkrichtung wünschenswert: Vodafone müsste sich öffnen, ein transparentes und offenes Unternehmen werden, Was in dieser Richtung im Rahmen der Kampagne läuft, kann ich aber nicht anders denn als Feigenblatt betrachten. Da wird ein Blog aufgesetzt, das sich gleich als allererstes mal nicht dem „Sturm aus Scheiße“ widmet, der von der Kampagne ausgelöst wurde, sondern irgendein eForum als Placebo anbietet, und sich nicht mit dem eigentlichen Thema beschäftigt, das die Blogosphäre aufwühlt. Und auch deine eigene Meinungsäußerung in deinem Blog ging nicht auf das zentrale Thema ein, sondern war eine Art verlängertes Making of.

    Man kann nicht eine 8-stellige unidirektionale Kampagne (Spots, Plakate, wahrscheinlich Anzeigen) als „2.0“ mit einem Blog und einer Pressekonferenz verklären, in der zwei freundliche Fragen aus Twitter vorgelesen werden – wenn die Abermillionen der Kampagne nur dem alten Schema folgen, Sympathiefiguren zu zeigen, deren Image ein bisschen auf Vodafone abfärben soll.

    Ich weiß aus meiner eigenen Arbeit in der Agentur und für unsere Kunden, wie viele ungezählte Widerstände einer echten Öffnung von Unternehmen entgegen stehen. Das macht man selbst mit vielen Millionen nicht mal eben so, wenn überhaupt. Aber nur für die Öffnung eines Unternehmens, für mehr Transparenz, Demokratisierung oder für das Eintreten in einen echten Kundendialog, also einen auf Augenhöhe, könnten Blogger meiner Ansicht nach ihren Kopf hinhalten, ohne anschließend verbrannt zu sein.

  4. hmm.

    ich wiederhole mich irgendwie permanent an allen ecken des netzes, so auch hier :)

    1. wir haben in nur 2 1/2 monaten einen gewaltigen prozess gestartet, der noch lange fortdauern wird und das unternehmen vodafone nachhaltig verändern wird

    2. die aktuelle kampagne bringt diesen anspruch zum ausdruck und ist eine hommage an leute wie du und ich, die es durch die nutzung von informations-technologie zu einer gewissen bekanntheit gebracht haben. da haben wir frau schnutinger, herrn lobo, herrn basic und ein paar andere protagonisten quasi als snapshot herausgegriffen.

    3. das erste produkt für die generation upload ist bereits da: http://www.vodafone.de/update

    4. wir haben einen start gemacht. und zwar keine social media kampagne, sondern social media als herz der kampagne, als dauerhafte angelegenheit, die auswirkungen auf die gesamte firma haben wird.

    5. für dich und dein blog ändert sich nix und es wird auch keine generelle vodafone-tv-spot-zuguck-verpflichtung einegführt werden. :)

  5. Zunächst einmal: Ich würde mir wünschen, dass du Recht hast. Wenn allerdings Social Media das „Herz der Kampagne“ ist, dann hätte ich das auf der Pressekonferenz zum einen einfach mal gesagt. Und ich hätte dem gelackten Marketingfritzen, Gregor Gründgens (?), das Wort verboten – oder ihn wenigstens nicht davon reden lassen, dass es ich „natürlich“ um eine „Marketingkonstruktion“ handele, deren „Aufsatzpunkt“ groß genug sein müsse. Das ist ja genau die alte Marketingdenke: Wir erzählen irgendwas, hier halt was vom Bloggen und online leben (Moment, hatte da die Konkurrenz von den Farbtonpatentierern nicht auch mal was?), und wenn genug Leute die Plakate sexy finden, dann stimmt’s.

    Das steht aber im diametralen Widerspruch zu einem Ansatz, der bedeuten würde: Wir verändern uns als Firma, zeigen das auch nach außen, ziehen so neue oder einfach nur spezielle Kundenschichten an und dafür stehen nun Blogger mit ihren Testimonials ein.

    Das „Upload“-Produkt, das du erwähnst, werde ich mir mal anschauen, wenn ich heute vielleicht mein zweites Austausch-G1 bekomme. Das wäre tatsächlich ein konzeptionell tauglicher Ansatz: Proukte für Netzbewohner herstellen udn so Image aufbauen. Aber wurde das eigentlich auf der Pressekonferenz erwähnt? Ich kann mich nicht erinnern.

  6. Ein Produkt für die „Generation Upload“, die ja bisher hauptsächlich downloaden kann, wäre erst einmal eine Flatrate ohne Kleingedrucktes, und insbesondere ohne Volumenbegrenzung. 2.0 wäre dann mit gleicher Bandbreite für up und down.

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