Rossi

Am Tag meines 30. Geburtstags beerdigte ich eine Freundin. Sie war keine besonders enge Freundin, aber ich kannte sie schon lange, und sie war die beste Freundin meiner besten Freundin.

Rossi und ich waren sehr unterschiedlich. Ich kannte sie aus dem Umfeld meiner Schule. Sie war damals Popperin, ich besaß noch nicht mal einen Benetton-Pullover. Sie gehörte zu einer coolen Clique, mit der ich nicht viel zu tun hatte. Ich kannte sie nur vom Sehen.

Zu Beginn meiner Studienzeit lernte ich sie persönlich kennen, und obwohl wir oberflächlich betrachtet nicht viel gemeinsam hatten, mochten wir uns. Sie war ein offener Mensch, trotzdem sie durchaus schnell ihr Urteil fällte und eine spitze Zunge hatte. Irgendwann nach ein paar Jahren hatten wir uns wohl oft genug gesehen, waren oft genug mit anderen ins Düsseldorfer Tor 3 oder Stahlwerk gegangen, oft genug in die Altstadt, oft genug mit einer Gruppe übers Wochenende in die Eifel oder in den Westerwald gefahren, dass man sagen konnte, wir wären befreundet.

Während ihrer Pubertät war Rossi bei jedem, der sie auch nur entfernt kannte, berüchtigt dafür gewesen, auf Partys irgendwann die Krise zu bekommen und dramatisch damit zu drohen, dass sie sich umbringen würde. Das legte sich mit dem Erwachsenwerden. Als wir einmal abends, auf dem Weg zum Haus Spilles, die Schloßallee in Benrath überqueren wollten, sah ich ein Auto kommen und zupfte sie, die schon einen Schritt voraus war, mit drei Fingern von hinten an ihrem Mantel, um sie zurückzuhalten. Sie meinte, das hätte ich nicht zu tun brauchen, schließlich hätte sonst alles einfach vorbei sein können. Ich lachte, wir gingen über die Straße und hatten einen schönen Abend mit Freunden.

Rossi war eine hübsche Frau. Sie hatte ein puppenhaftes Gesicht, ein Eindruck, den sie mit immer etwas zu viel, aber buchstäblich gelernt aufgetragenem Make-Up noch verstärkte. Sie arbeitete in ihrem gelernten Beruf als Kosmetikerin. Sie war klein, hatte eine gute Figur und ein etwas ausladendes Hinterteil, das sie als „fetten Arsch“ bezeichnete und bevorzugt mit um die Hüfte gebundenen Pullovern verhängte.

Ich habe sie, soweit ich mich erinnere, nur einmal alleine getroffen: Ich musste irgendein Kleidungsstück kaufen, erwähnte, dass ich das an einem bestimmten Tag tun wollte, und Rossi meinte, da sei sie auch zufällig in der Stadt und bot mir ihre Beratung an, die ich dankend annahm. Also trafen wir uns in irgendeinem Geschäft, sie beriet mich, und anschließend aßen wir noch ein Sparmenü bei McDonald‘s auf dem Wehrhahn.

Eine gute Woche vor meinem Geburtstag erhängte sich Rossi in ihrer Wohnung an einer Türklinke. Ich bekam die Nachricht samstags abends. Ich hing auf dem Sofa und schaute mir irgendeinen Alcatraz-Film an. Ein alter Klassenkamerad, Kommilitone und Freund, mit dem ich eine Weile keinen Kontakt mehr gehabt hatte, rief mich an, bat mich, mich hinzusetzen, ich saß sowieso, und er sagte mir, dass Rossi tot sei, sich umgebracht hätte. Ich fragte: Was? Er wiederholte die Nachricht und dass er auch nicht viel mehr wisse.

Vielleicht wechselten wir noch ein paar Sätze. Jedenfalls legte ich irgendwann auf, saß auf dem Sofa und versuchte zu begreifen. Nach ein paar Minuten drehte ich den Ton des Fernsehers wieder an und schaute den Film zu Ende, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich hatte keine Ahnung, was gerade passiert war. Alles war ganz weit weg und banal.

Der Tag der Beerdigung, mein 30. Geburtstag, war dann der seltsamste Tag in meinem Leben. Ich weiß noch wie, nachdem wir nacheinander die obligatorische Schippe Erde auf den Sarg geworfen hatte, alle weinend und in kleinen Grüppchen verstreut vor dem Grab standen, hier mal ein Paar, da jemand alleine. Bis irgendwann Rossis Vater da stand, aufrecht und die Arme neben dem Körper hängend, und mit tränenerstickter Stimme laut darum bat, weil ihn sonst nicht alle gehört hätten, dass wir ihm und seiner Familie die Ehre erweisen sollten, mit ihnen noch etwas zu essen und zu trinken.

Nach einer Stunde erzählten wir uns Anekdoten, und nach zwei Stunden bekam ich am Ort des Leichenschmauses ein Geburtstagsständchen gebracht.

Ich war immer ein bisschen erstaunt über mich selbst, wie normal ich damals, bis auf den Tag der Beerdigung, alles empfunden hatte. Natürlich war ich traurig und natürlich habe ich mich gefragt, ob ich etwas hätte tun können. Aber es gab auch dieses starke Gefühl von Unausweichlichkeit, von Unabwendbarkeit und Schicksal. Ich habe mich immer ein bisschen dafür geschämt, bis ich vor ein paar Wochen „The Bridge“ gesehen habe.

Regisseur Eric Steel hat bei der Stadt San Francisco unter einem Vorwand eine Dauerdrehgenehmigung für die Golden Gate Bridge beantragt. Sein Dokumentarfilm beginnt mit klassischen Bildern von der Brücke, ein paar Vögeln, die vor den Trägerseilen vorbei fliegen, einem Angler. Dann sieht man verschiedene Leute über die Brücke gehen, aus weiter Ferne mit einem starken Teleobjektiv gefilmt: Ein Jogger, eine Familie mit dem Kind auf den Schultern, Leute lehnen sich auf das Geländer und schauen aufs Wasser, ein Mann geht telefonierend hin und her, Kinder hüpfen übers Pflaster. Und dann steigt ein älterer Mann über das Geländer, hält sich noch eine Sekunde lang fest und springt. Die Kamera blendet nicht ab, sie versucht den fallenden Mann zu verfolgen, verliert ihn, fängt ihn wieder kurz ein, als ihm gerade der Wind des Falls seine Kappe vom Kopf reißt, und dann sieht man das Wasser hochspritzen, wo der Mann eine halbe Sekunde vorher in die Bucht von San Francisco eingeschlagen ist.

Eric Steel hat einen Film über Selbstmorde auf der Golden Gate Bridge gedreht. Er zeigt diese Selbstmorde ohne Gnade für den Zuschauer, und er zeigt Interviews mit den Hinterbliebenen, Familien und Freunden. Es gibt nicht viel explizite Sentimentalität in „The Bridge“. Nur ganz selten wird geweint. Die Menschen vor der Kamera erzählen, wie der Mensch war, der sich umgebracht hat, warum er es vielleicht getan hat, was sie mit ihm erlebt haben. Dann sieht man wieder jemanden auf der Brücke, durch das Teleobjektiv, und unvorhersehbar springt er manchmal, manchmal nicht, manchmal wird er zurückgehalten.

Der Film ist durchdrungen von genau diesem Gefühl von Unausweichlichkeit und Schicksal, das ich gut kenne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen ehrlicheren Film über Selbstmord geben kann als diesen.

Aber es vergeht nicht oft ein Tag, an dem ich nicht an Rossi denke.

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7 Gedanken zu “Rossi

  1. Selbstmord – Was für ein Wort: Der Mord am Selbst? Am Ich. Manchmal ist der Selbstmord eine Selbsttötung. Ein Mensch tötet sich selbst. Wir erkennen einen Grund, eine Ursache, einen Anlass.
    Wenn jemand z.B. schwer krank ist, dann wählt sie oder er den Weg aus dieser Welt zu gehen. Das können wir verstehen. Manchmal.

    Aber meistens fragen wir: Warum?

  2. nihil schreibt:

    Mein Cousin fuhr ohne Angeschnallt zu sein mit seinem Twingo gegen einen Alléebaum, wie Zeugen ausgesagt haben war es kein versehen. Einen Abschiedsbrief gab es nicht.. Er starb nach vier leidensvollen Wochen im Krankenhaus. Meine Tante hat diesen Verlust nicht verwunden und stürtzte sich ein Jahr nach dem Unfall ihres Sohnes in einem Treppenhaus in den Tod, seinen ehemaligen Kinderteddy im Arme. Wiederum ein Jahr später schoss sich ihr Mann in einer Scheune eine Kugel in sein Herz, nicht ohne jedoch zuvor sämtliche Verwaltungsfragen bezüglich des Erbes und seiner Bestattung sorgfältig zu regeln. Meine Großmutter mußte innerhalb dreieinhalb Jahre ihren Enkel, ihre Tochter und deren Mann zu Grabe tragen. Ich habe größte Achtung vor dieser Frau die trotzdem noch Lachen kann. Eine Erklärung für diese endgültigen Abschiede suche ich nicht.

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