Kurz reingeschaut: Tortoise in der Kulturkirche in Köln

Tortoise-Konzerte scheinen Soloveranstaltungen zu sein – wenigstens für mich. Bei meinem ersten Besuch, 1996 in der alten Kölner Kantine, nahm ich meine beste Freundin mit, die es (natürlich, ich Depp) hasste, so dass ich nach der Hälfte des Konzerts alleine dastand. Beim zweiten Mal, nur ein paar Monate später im Autonomen Zentrum in Aachen, ging ich dann gleich alleine hin. Und als ich jetzt, nach 13 Jahren, den Freunden mal wieder die Ehre geben wollte, da hing mein geplanter Mitgänger in seiner neuen Verantwortung für die Fortuna beim immerhin hoch erfolgreichen Auswärtsspiel in Hamm bzw. auf der A1 fest. Andere, in Nippes wohnende Kollegen, überschlugen sich zwar mit Sympathiebekundungen via Twitter, tauchten letztlich aber auch nicht vor Ort auf.

Egal, dann eben vor der Tür noch rasch die überschüssige Karte vertickt, und wieder mal alleine rein.

Tortoise

Es begann mit Hauschka. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Volker Bertelmann, der auf der Bühne diverse Gegenstände in sein Piano stopft und auf dem so verfremdeten Instrument Musik macht. Zwischen oder auf den Saiten finden sich da Keile aus verschiedenen Materialien, Streifen, Tapes, Bälle und auch elektrische Geräte, die die Saiten hektisch von alleine anschlagen. Darüber spielt Hauschka repetitive Themen, so dass sich hier mal die Verwandtschaft der Vorband zum Hauptact sofort erschließt. Entsprechend freundlichen und anhaltenden Applaus erhält er für seine fast einstündige Performance denn auch. Verdient!

Hauschka

Hauschka

Gegen viertel nach neun betreten dann Tortoise die Bühne – und machen in ihrem ersten Song sofort den ersten Fehler: Sie benutzen einen Bass. Das aber sollte man in der Kulturkirche lieber nicht tun. Wenigstens nicht dann, wenn man möchte, dass die Zuschauer außer einem dröhnenden Brummen noch etwas hören. Die Akustik einer Kirche ist definitiv nicht für zeitgenössische Elektrobässe ausgelegt. Da hallt einfach zu viel. Der arme Mixer bekam den Sound im zweiten, dritten Song immerhin einigermaßen in den Griff, so dass man nicht mehr nur krachiges Schlagzeug über Dröhnbass wahrnahm. Wirklich gut wurde der Klang aber nie, und da das schon letztes Mal so war, werde ich mir gut überlegen, ob ich noch mal ein Konzert in der Kulturkirche besuche.

Tortoise kann man man jedenfalls keinen Vorwurf machen. Die Band rackerte sich an ihrer Musik ab, in einer seltsamen, strengen, aber auch vereinnahmenden Mischung aus Spielfreude und Todesernst. Da schaut kaum mal jemand ins Publikum, für den Applaus gedankt wird sowieso nicht, stattdessen werden zwischen den Songs wortlos die Instrumente gewechselt, einer macht den Anfang für das nächste Stück, und die Band fällt ein. Das ist alles hochpräzise, sehr kraftvoll und einfach engagiert. Die wollen nicht nur spielen, die meinen es ernst mit ihrer Musik. Das grenzt zwar mit zunehmender Dauer auch ans Anstrengende, aber letztlich muss man doch froh sein, wie gut diese Musiker ihre Instrumente und ihre komplexen Arrangements beherrschen.

Denn nur so entsteht nach und nach dieser ganz spezielle Sog, der Tortoise-Konzerte auszeichnet. Wenn die meist zwei Drummer vorne am Bühnenrand die Rhythmen in die Felle dreschen, oder  wenn, wie bei meinem Lieblingsstück Ten-Day Interval, sechs Klöppel mit högschder Konzentration auf die Platten hämmern, dann ist wenig Raum für einen zweiten Gedanken. Die speziellen Tortoise-Harmonien tragen das ihre bei – und auch John McEntires entrückter Blick am Drumkit, immer schräg nach oben über das Publikum gerichtet.

Am Ende gibt es zwei Zugaben, so dass die Konzertdauer fast zwei Stunden beträgt. Ich gehe zufrieden nach Hause und weiß, dass es nicht wieder 13 Jahre dauern wird bis zu meinem nächsten Tortoise-Konzert. Aber auch nur, wenn ein besserer Sound garantiert ist.

Tortoise

Tortoise

Tortoise

Tortoise

Tortoise

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Ein Gedanke zu “Kurz reingeschaut: Tortoise in der Kulturkirche in Köln

  1. s.janitz schreibt:

    Hallo surfguard,

    Ich waere ja mitgekommen … hatte sie aber letzte Woche in berlin gesehen und es war wie immer grossartig!

    Gruesse aus der Hauptstadt
    s.

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