Kurz nachgefragt bei: Stephan Glaser, Kapitän von Fortuna Köln

Stephan Glasers Stammplatz bei der Fortuna ist auf dem rechten Flügel. In seiner Karriere spielte er zweimal für den Bonner SC, für den FC Junkersdorf und zwei Saisons Ende der Neunziger auch für den 1. FC Köln, für den er auf sieben Zweitligaspiele kam. Seit 2006 steht er in Diensten von Fortuna Köln, er ist Mannschaftskapitän.

Ich sprach mit ihm nicht nur über die letzte Heimniederlage, sondern auch über das Freizeitmanagement eines Amateurfußballers in der Oberliga und über die Chancen, die Deinfussballclub.de (DFC) für die Fortuna bietet.

Hallo Stephan, ich konnte leider am Freitag nicht im Stadion sein, so dass ich kein eigenes Bild von der Niederlage gegen Bergisch Gladbach habe. Wie siehst du das Spiel im Rückblick: War das eine unglückliche Niederlage – oder eine dumme?

Ich seh’s als sehr, sehr unglücklich. Dumm kann man in dem Zusammenhang nicht unbedingt sagen. Wenn man sieht, dass wir 1-0 führen, zwar ein Gegentor kassieren, dann aber wieder 2-1 vorne liegen: Zu dem Zeitpunkt hatte ich die feste Überzeugung, dass der Gegner nicht mehr richtig ins Rollen kommt, ja auch in keinster Weise spielbestimmend oder dominant war. Man merkt das ein bisschen im Spiel. Ich dachte, das 2-1 ist echt gefestigt. Und dann kommen die durch einen beschissenen Standard zum Ausgleich, aus dem Nichts heraus, obwohl wir noch vor dem Spiel und in der Halbzeitpause auf die gefährlichen Standards hingewiesen haben. Das ist dann natürlich einfach nur ein Zeichen von Unkonzentriertheit, und je höherklassiger man spielt, umso eher werden diese Fehler ausgenutzt. Das hat uns dann ein bisschen das Genick gebrochen. Das ist von keiner Mannschaft einfach wegzustecken.

Aber es hat schon sehr, sehr gewurmt, zumal es ein Lokalderby war, gegen einen Aufsteiger. Normal musst du so eine Mannschaft, ich will jetzt nicht sagen: wegputzen, aber zumindestens musst du da eine gewisse Dominanz ausstrahlen, um für klare Verhältnisse zu sorgen.

Am Samstag nach dem Spiel gab es eine längere Besprechung, zunächst der Führungsspieler und dann auch der gesamten Mannschaft. Was ist dabei herausgekommen?

Ich fand die ganze Sache sehr produktiv. Wir haben uns anderthalb Stunden zusammengesetzt. Und jeder weiß, ob im Job oder im Sport, selbst in der Beziehung ist es so: Wenn etwas schiefläuft, hat man eigentlich nie so richtig Lust, das noch einmal anzusprechen. Aber Samstagmorgen haben wir das getan, und es war sehr produktiv. Wir haben das ganze Spiel aufgerollt, haben uns vor allem auch darüber Gedanken gemacht, wo der Weg hinführen soll, was man besser machen kann und vor allem wie wir dieses Wir-Gefühl, das wir in der Kabine haben, noch mehr auf den Platz transportieren können, um erfolgreicher zu sein.

Wir haben festgestellt, dass es mit der momentanen Situation immer wieder Spiele geben würde, die wir gewinnen, aber auch Spiele, die wir verlieren. Und wenn man da nicht einfach zielstrebiger wird und diese Verbissenheit und Geilheit auf den Sieg hat, dann wird es schwer. Die NRW-Liga hat nicht so ein Leistungsgefälle, sondern da ist alles sehr eng beieinander. Da sind es kleine Nuancen, wie zum Beispiel die Konzentration bei Standards, die über Sieg und Niederlage entscheiden.

Und wenn man davon ausgeht, dass wir diese drei Freistöße zwar gegen uns bekommen hätten, aber dann in den entscheidenden Zweikämpfen jeder mit der nötigen Konzentration beim Mann gestanden hätte – dann wäre das Spiel 2-0 ausgegangen, weil wir zwei schöne Tore aus dem Spiel heraus gemacht haben.

Ich glaube zwar nicht, dass jetzt sofort alles ganz anders werden wird. Aber es ist noch mal hinterfragt worden, was jeder von der Saison erwartet. Manchmal hat man das Gefühl, einige wissen nicht ganz genau, was Fortuna Köln für ein Umfeld hat und wo der Weg hinführen soll. Das ist halt nicht nur so ein Oberliga-Geplätscher, sondern schon zielstrebiger, höherer Amateurfußball.

Die Fans verlangen ja grundsätzlich mehr Offensive, insbesondere in den Heimspielen. Matthias Mink sagte im DFC-Chat, dass ihr ein 4-3-3 einstudiert habt. Wann sehen wir das denn vielleicht mal?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich verfolge das auch immer, und die Fans reden über irgendwelche Systeme, 4-4-2 und 4-3-3. Wenn man aber mal überlegt, dass wir teilweise mit zwei Stürmern spielen, dann noch mit zwei recht offensiven Außen, und auch in den Halbpositionen ist zum Beispiel ein Alex Ende keiner, der sich hinter die Abwehr stellt: Wir sind eigentlich immer recht offensiv aufgestellt.

Ich kann das ja selber nachvollziehen. Wenn ich die 1. Bundesliga gucke, da denke ich mir dann auch manchmal: Mann, die könnten ja auch ein bisschen mehr nach vorne bringen. Aber bestes Beispiel: Cengiz Can. Schießt am Wochenende zwei Tore und man sagt: Gute Leistung, gutes Spiel. Aber die Wochen vorher hat er keine andere Position gespielt. Da wird dann aber gesagt: Man muss offensiver auftreten. Ich weiß gar nicht, ob das immer nur mit dem System zusammenhängt, das kann man sich dann auch recht einfach machen. Man kann auch mit einem 4-5-1-System offensiv und zielstrebig nach vorne spielen.

Zu einem anderen Thema: Es ist jetzt viertel vor zehn am Abend, das Mannschafts-Training ist vorhin zu Ende gegangen. Du arbeitest seit vier Wochen als Rechtsanwalt. Wie viel Freizeit bleibt dir eigentlich noch?

Gute Frage, kannst du ja mal meiner Freundin stellen, das ist momentan sehr überschaubar. Aber es ist ähnlich wie mit deiner Homepage, in die du auch Zeit neben dem Job investierst. Für mich ist das eine Wahnsinnssache unter der Woche mit den Jungs trainieren zu gehen, das sehe ich nicht als berufliche Belastung. Das macht halt einfach zu viel Spaß, als dass man es als normalen Job abtun würde. Ich sehe das sogar manchmal so, dass das Training meistens einen Freizeitfaktor hat, einfach Spaß macht. OK, nicht immer, samstags morgens zum Beispiel ist schon echt Freizeit…

Aber wenn du so fragst: Freizeit außerhalb von Job und Sport ist sehr eng gesteckt. Man muss sich da schon die einzelnen Freiräume schaffen. Und das ist, je höherklassiger man spielt, nicht immer ganz so einfach.

Wie oft trainiert ihr während der Woche?

Das kannst du mal den Coach fragen… Wir trainieren mindestens vier, teilweise fünf Mal die Woche, plus Spiel. Viele im Umfeld, die mal ein, zwei Jahre dabei waren, die dann in den Untiefen irgendwelcher Bezirks- oder Kreisligisten abgetaucht sind, die sagen dann auch: Wie macht ihr das mit den Zeiten, hätt ich keine Lust zu. Aber andererseits macht’s auch Spaß. Ich will gar nicht wissen, wie’s ist, wenn man die Karriere beendet und dann nicht mehr samstags abends zuhause sitzt und sich schon auf das Spiel am Sonntag freut.

Findest du, dass du genug zurück bekommst?

Es ist immer wieder erstaunlich. Heute Morgen saß ich bei mir in der Kanzlei und da fragte mich ein Kollege: „Wie habt ihr denn gespielt? Ich hab gelesen, ihr habt ärgerlich verloren.“ Und da war ich wieder überrascht, auch von mir selber, wie enttäuscht ich war. Am Freitag wollten wir eigentlich noch mit Freunden feiern gehen. Stattdessen bin ich nach Hause gefahren, hab mich in die Badewanne gelegt, bin ins Bett gegangen und hab versucht zu schlafen, weil ich so angefressen war und so brutalst enttäuscht, dass manche mit dem Kopf schütteln würden. In solchen Situation krieg ich dann wenig zurück. (lacht)

Aber auf der anderen Seite muss ich sagen: Wenn du gewinnst, wenn du eine Kameradschaft hast, wenn sich so eine Gruppendynamik entwickelt und so ein Adrenalinschub beim Torschuss, oder sei es nur, wenn man bei uns ins Südstadion kommt: Das ist Wahnsinn.

Bevor ich zur Fortuna gekommen bin, hatte ich überlegt, mit dem Fußball aufzuhören, nur noch das Studium zu Ende zu machen und gar nicht mehr zu spielen. Ich bin jetzt im Nachhinein ärgerlich, dass ich nicht schon vor fünf Jahren, als ich bei Junkersdorf war, den Weg zur Fortuna gesucht habe.

Du findest das also okay so, wie’s ist, und bist nicht der Meinung, dass ein Oberligaspieler vom Fußballspielen leben können sollte?

Ich will mir nicht rausnehmen, über andere zu urteilen. Da ist jeder sein eigener Chef und jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Wenn jemand damit klarkommt, hab ich nichts dagegen. Was gibt’s schließlich schöneres, als mit seinem Hobby Geld zu verdienen? Auf der anderen Seite hab ich währenddessen studiert, und selbst während des Studiums ist es so, dass man genug Freizeit hat und sagen kann, man führt das Leben eines Fußballers. Man hat halt seine Klausuren ab und zu, geht aber keiner geregelten Arbeit nach.

Doch nur in der Oberliga Fußball zu spielen ist natürlich auf lange Sicht nicht sehr lukrativ, sagen wir‘s mal so.

Damit sind wir indirekt auch schon nächsten Thema. Die DFC-Mitglieder haben vor der Saison über alle neuen und zu verlängernden Spielerverträge abgestimmt, sie bekamen aber nicht die exakten Gehälter genannt. Burkhard Mathiak (DFC-Pressesprecher) sagte mir, dass du damals als Kapitän für die Mannschaft darum gebeten hast, dass das nicht passiert. Was waren die Argumente?

Ich bin jemand, der sagt: Mich interessiert nicht, was der Nebenmann verdient. Ich will nicht wissen, was der in fünf Jahren verdient, und ich will nicht wissen, was Felix Bably als Abfindung bekommen hat.

Man darf aber nicht vergessen, dass Fußballer nicht alle aus den gleichen sozialen Verhältnissen kommen. Einige haben Schulausbildung, andere haben ein Studium gemacht, wieder ein anderer ist ein Handwerker. Und je mehr die Zahlen offengelegt werden, desto eher gibt es Neid untereinander, weil bei uns ja alle derselben Beschäftigung nachgehen und das nicht strukturiert ist, wie in einem normalen Unternehmen, wo’s eine Führungsetage gibt und einen Fließbandarbeiter und einen Logistiker.

Wenn außerdem jemand, der vor der Saison eingekauft worden ist und gutes Geld verdient, auf einmal die Leistung nicht mehr bringt, auf der Bank sitzt und ein junger Spieler sieht: Mensch, der verdient das Dreifache, obwohl ich viel besser bin, dann kann auch das ganz, ganz schnell zu bösem Blut in der Mannschaft und zu extremsten Auseinandersetzungen führen, die nicht entstehen würden, wenn keiner weiß, was der andere verdient.

Das hat übrigens alles nichts damit zu tun, dass ich ein Problem damit hätte, meine Zahl offen zu legen. Aber man muss daran denken, dass man verschiedenartig gestrickte Spieler in der Mannschaft hat.

Ich überlege, wie alleine über die Abfindung von Felix Bably bei uns in der Mannschaft diskutiert wurde. Das bestärkt mich eigentlich in der Argumentation, die ich damals Burkhard gegenüber geführt habe: Das kann zu Unruhe in der Mannschaft führen, die nichts mit sportlichem Erfolg und Misserfolg zu tun hat, sondern die lediglich im zwischenmenschlichen Bereich der Mannschaft liegt. Und deshalb glaube ich, dass es gut ist, wie es jetzt gelöst worden ist, und nicht noch detaillierter.

[Zur Erläuterung: Den DFC-Mitgliedern ist bekannt, welcher Spieler in welche von drei Gehaltskategorien eingeordnet ist, die eine teilweise recht breite Spanne umfassen.]

Glaubst du nicht, dass eine Offenlegung von Gehältern dazu führen könnte, dass die dann einfach gerecht sein müssen?

Ich weiß nicht, inwieweit man vor der Saison ein Gehalt gerecht aushandeln kann. Wir bringen ja momentan durch DFC sehr viele Neuerungen rein, und ich finde viele, viele sehr gut. Aber diese Offenlegung gefällt mir nicht. Ich weiß nicht, ob das nicht ein zu großer Einschnitt in die Persönlichkeit ist. Aber wollen die Mitglieder denn die Offenlegung? Anscheinend nicht, sonst hätten wir sie ja.

Es wird tatsächlich gerade eine Abstimmung vorbereitet, die von einem Mitglied vorgeschlagen wurde. In der Abstimmung wird gefordert, dass die DFC-Mitglieder alle Informationen bekommen sollen, die auch die Geschäftsführung der Fortuna hat – unter anderem auch die Spielergehälter. Wie würden die Spieler deiner Ansicht nach reagieren, wenn die Abstimmung erfolgreich wäre?

Ich hoffe, ich würde nicht in meinen Argumenten bestärkt und es würde sich Unruhe verbreiten.

Ich hoffe, dass alles beim Alten bleibt. Auf der anderen Seite kann man‘s auch so sehen: Bei Fortuna Köln, das ist ja offensichtlich, wurde in der Vergangenheit auch viel missgewirtschaftet und durch die Einkehr von DFC wurden sehr viele schwarze Schafe ausgemistet. Ich glaube, im Moment ist eh keiner mehr dabei, der sich die Taschen vollmacht. Wer sich die Taschen vollmachen will, der wäre jedenfalls beim falschen Verein, so viel steht fest.

Wenn die Fans die Offenlegung wollen, müsste man sagen, dass im Zuge von DFC ja auch eine gewisse Transparenz gefordert wurde. Ich bin trotzdem nicht so überzeugt, müsste mich dann aber der Abstimmung beugen. Doch ich meine: Des Menschen größte Tugend ist der Neid, so sind wir nun mal gestrickt.

Zu DFC im Allgemeinen: Matthias Mink sagte im Chat, auch durch DFC sei die Fortuna für Spieler wie Cengiz Can oder Alex Ende attraktiv geworden. Wird DFC in der Mannschaft diskutiert?

Wir diskutieren gar nicht groß über DFC. Ich würde sagen, man hat das mittlerweile total akzeptiert und es ist zur Selbstverständlichkeit geworden, weil DFC und Fortuna so verschmolzen sind. Das ist schon eine absolute Bereicherung.

Und was der Trainer gesagt hat, kann ich nur unterstreichen: Der Verein bietet für viele Spieler eine Riesenplattform, wie das selbst vor zwei Jahren noch nicht der Fall gewesen ist. Du darfst nicht vergessen: Das ist Amateurfußball. Videoaufzeichnungen existierten gar nicht. Das heißt überregionale Scouts hatten gar nicht die Möglichkeit, wenn sie nicht vor Ort waren, einen Spieler zu bewerten und zu begutachten. Und diese Möglichkeit bietet natürlich DFC.

Und was gibt es außerdem schöneres, als sich mal selber spielen zu sehen? Man glaubt gar nicht, wie viele Fehler man entdeckt, und wie viel taktisches Verständnis man dadurch kriegen kann. Ich bin da ein großer Fan von.

Du bist jetzt 33 Jahre alt, spielst seit deutlich über einem Dutzend Jahren auf Oberliganiveau und auch in der 2. Bundesliga Fußball. Wie lange willst du eigentlich noch?

(lacht) Ist das eine Aufforderung aufzuhören?

Auf keinen Fall. Du kannst ja sagen, dass du Lothar Matthäus übertreffen willst :-)

Nee, bei mir ist das ganz einfach. Durch die berufliche Belastung wäre es leicht zu sagen: Das war’s, ich höre auf und finde mich ab sofort auf der Tribüne wieder. Viele Jungs, mit denen ich noch letzte Saison zusammengespielt habe, sind wegen der Doppelbelastung in Richtung Siegburg abgewandert: Kevin Niang, Stasi und Jan Malsch. Aber ich fühle mich noch sehr fit und würde auf jeden Fall noch gerne die Saison spielen. Und wenn ich verletzungsfrei bin und immer noch unter den ersten fünf beim Sprinttest, dann will ich auch noch weiter spielen.

Und die letzte Frage, unvermeidlich: Wo landet die Fortuna am Saisonende?

Ich bin der festen Überzeugung, wenn wir unsere Tugenden, die wir ohne Zweifel haben, in die Waagschale werfen, und einfach nur noch ein bisschen abgeklärter, vor allem zielorientierter und konzentrierter sind, werden wir definitiv unter die ersten fünf kommen. Und ich hoffe, wir werden bis ganz, ganz lang in die Saison hinein das Törchen nach oben offen halten.

Vielen Dank für das Gespräch, Stephan!

Stephan Glaser

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5 Gedanken zu “Kurz nachgefragt bei: Stephan Glaser, Kapitän von Fortuna Köln

  1. Burkhard Senior schreibt:

    Klasse ! Eine Frage hätte ich Stephan Glaser gerne noch gestellt: Ob er sich nach Ende seiner aktiven Zeit eine Zukunft im Fortuna-Management vorsstellen könnte.

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