Germania Windeck – Fortuna Köln 3-2

Was für ein unfassbares Debakel, das vom Ergebnis völlig unzureichend widergespiegelt wird. Fortuna unterlag Windeck in allen Belangen und hatte großes Glück, aus einer Chance zwei Tore zu machen, während Windeck einige allerbeste Gelegenheiten ausließ.

War es der Spielort im Sportpark Höhenberg, mit dem die Fortuna traumatische Erinnerungen verbindet? War es der Druck, quasi wieder eines der verfluchten Heimspiele zu haben, weil der Gegner aus Dattenfeld, dem man auch in seinem letzten Ausweichspielort Siegburg  kein Asyl mehr gewähren möchte, nach Köln fliehen musste? War es Nervosität? Am Ende sogar Ratlosigkeit? War es eine schlechte Aufstellung? War es jedes dieser Probleme?

Sportpark Höhenberg

Matthias Mink hatte sich für die Aufstellung zwei Überraschungen ausgedacht. Das Dauerproblem auf den Außenverteidigerpositionen sollte wenigstens auf der rechten Seite Mario Schwarz beheben. Der war in dieser Saison immer nur als hängende Spitze aufgelaufen, einmal für Stephan Glaser auf der rechten Mittelfeldposition eingewechselt worden. Gestern sollte er im strahlenden Sonnenschein von Höhenberg den Außenverteidiger geben: eine Position, die er laut Mink bei seinem letzten Arbeitgeber, dem Ligakonkurrenten aus Kleve, auch ein paar Mal gespielt hatte. Dieser Schachzug war noch erkennbar der Verzweiflung geschuldet.

Was allerdings der Positionstausch von Alex Ende und Frank Schroden sollte, war mir völlig schleierhaft. Schroden hatte über große Strecken der letzten Saison einen hervorragenden Innenverteidiger gegeben, Neuzugang Ende war auf der Sechserposition in den bisherigen Spielen offensiv wie defensiv immer einer der Besten gewesen, dazu noch extrem torgefährlich. Was versprach sich Mink davon, Ende als Innenverteidiger und Schroden als Sechser auflaufen zu lassen: Ein besseres Spiel aus der Abwehr heraus?

Ergebnis war jedenfalls, dass gestern in der Zentrale des Fortuna-Spiels ein Vakuum gähnte, das jedes Offensivspiel in Sekundenbruchteilen verschluckte, zumal auch Christian Beckers einen schrottreifen Tag erwischt hatte.

Die Aufstellung der Fortuna sah so aus: Möllering – Venekamp, Marten, Ende, Schwarz – Dahmani, Schroden, Beckers, Glaser – Can, Kruth.

Auflaufen der Mannschaften

Spielerkreis in Höhenberg

Zum eigentlichen Spiel muss man nicht viel schreiben, zumal da eigentlich keins war, wenigstens nicht von Seiten der Fortuna. Die erste Halbzeit war eine grausame Aneinanderreihung von Fehlpässen, von ziellosen, vom Gegner leicht gestoppten Einzelaktionen, von langen, fast schon früh verzweifelten Bällen in die Spitze. Schroden und Beckers in der Zentrale verloren mehr Bälle als sie zum Mitspieler brachten, Dahmani und Glaser auf den Außen blieben bei ihren Aktionen meist am erstbesten Gegenspieler hängen. Einem Mitspieler helfen, etwa durch Freilaufen, wollte aber auch niemand. Die ärmste Sau auf dem Platz war jeweils der ballführende Fortune.

Der Gegner sah sich das harmlose Gegurke an, kombinierte selbst eher mäßig nach vorne, sah sich aber plötzlich durch zwei Tore binnen 60 Minuten belohnt: 2-0 in der 21. und 22. Minute. Danach hoffte man als Fortuna-Fan nur noch inständig darauf, der Schiedsrichter möge einfach zur Pause pfeifen, denn natürlich wurde das Spiel der Fortuna noch unsicherer. Zum Glück erzielte Windeck kein Tor mehr.

Pause

Seltsamerweise wechselte Trainer Mink zur Pause niemanden aus, es hätte eigentlich jeden treffen können. In der 52. Minute dann kam verspätet Jan Gran für Benjamin Venekamp, der sich wieder mal nicht mit Ruhm bekleckert, ein paar Mal böse hatte überlaufen lassen und nach vorne wirkungslos blieb.

Natürlich löste dieser Wechsel aber ebensowenig die Probleme der Fortuna im Spielaufbau wie die glatt rote Karte, die sich Christian Beckers fünf Minuten später abholte, als er nach einem Pfiff des Schiedsrichters einem Gegenspiel den Ball aus kürzester Distanz gegen den Kopf warf. Eine Aktion, so unnötig wie ein Loch im Kopf, selbst in dem des getroffenen Gegenspielers, und jedenfalls mannschaftsschädigend hoch zehn.

Christian Beckers lamentiert nach seiner Roten

Eine Möglichkeit muss man zur Ehrenrettung von Beckers allerdings in Betracht ziehen: Seinen frei werdenden Platz im defensiven Mittelfeld durfte jetzt endlich Alex Ende einnehmen, so dass die Fortuna in Unterzahl im Rückstand immerhin lieber die Abwehr zu einer Dreierkette lockerte, als einen Stürmer vom Platz zu nehmen. Wollte Beckers also mit Gewalt den Aufstellungsfehler des Trainers korrigieren?

Erstaunlicherweise fiel der Anschlusstreffer für die Fortuna wiederum nur zwei Minuten später: Einem lang in die Spitze geschlagenen Ball setzt Cengiz Can nach, der Windecker Abwehrspieler (Andy Moog?) und der weit herausgeeilte Torwart sind sich uneinig, Can hält irgendeine Gräte rein – und der Ball trudelt dutzende von Metern weit ins verlassene Tor zum 1-2 (59.).

Jubel nach dem 1-2

Keine Chance, aber getroffen: Schon träumte ich vom Wunder von Höhenberg, als die Fortuna in Unterzahl nach einem Glückstor die Partie und die ganze Saison noch drehte… Tatsächlich hatte die Fortuna jetzt ihre stärkste Phase, spielte entschlossen nach vorne, und auch Windeck bekam plötzlich Angst vor der Blamage gegen einen dezimierten und eigentlich schon geschlagenen Gegner. Doch nach gut zehn Minuten war das Strohfeuer schon wieder ausgetreten, als der weit aufgerückte Gran mit einer wilden Grätsche im Mittelfeld den Ball nicht traf, Windeck über die von ihm entblößte linke Abwehrseite vorstieß, Christopher Möllering den ersten Schuss noch parieren konnte, gegen den Nachschuss aus kurzer Distanz aber machtlos war.

Niedergeschlagenheit nach dem 1-3

Eigentlich war die Partie jetzt gelaufen, doch zwei Höhepunkte hatte sie sich noch für den Schluss aufgehoben. Zunächst gelang Cengiz Can nach schöner Vorarbeit des eingewechselten Abdelkader Maouel in der 87. Minute der etwas überraschende erneute Anschlusstreffer. Die erste gelungene Kombination im Spiel der Fortuna wurde prompt belohnt! Geht doch, wollte man rufen, tat es auch und hoffte plötzlich wieder auf ein Wunder einen ungerechten Punktgewinn.

Doch nur vier Minuten später, schon in der Nachspielzeit, setzte Can auf seine zwei Tore und sein engagiertes Spiel einen, mit Verlaub: großen Haufen Scheiße. Als eine Aktion auf der von mir aus weit entfernten linken Angriffsseite der Fortuna nach seiner Meinung wohl zu Unrecht abgepfiffen wurde, schoss er den Ball wütend in Richtung Schiedsrichter: Satt Rot, und kurz darauf der Schlusspfiff. Gerade hatte der Neuzugang zu seinem Spiel und vor allem zu Torgefahr gefunden, da schaltet er sich für die hoffentlich nur vier nächsten Spiele selbst aus. Wenn er Pech hat werden es sogar deutlich mehr.

Verlierer

Verlierer

Das positive Fazit zuerst: Die Fortuna hörte nie auf zu kämpfen, obwohl sehr schnell erkennbar war, dass an diesem Sonntag wirklich gar nichts zusammenging.

Doch das Negative überwog: Es gab quasi kein Passspiel. Fast jeder Fortune führte den Ball zu lange am Fuß, zumal Anspielstationen fehlten. Der Positionswechsel von Schroden und Ende nahm dem Spiel der Fortuna das letzte bisschen Durchschlagskraft, das es zuvor vielleicht noch gehabt hatte. Die defensiven Außenposten waren auch gestern wieder die Einfalltore für die Angriffe des Gegners, obwohl Schwarz eine ordentliche Partie ablieferte.

Und obwohl dieses Spiel kein Maßstab sein sollte, konnte ich noch in keiner Partie der Fortuna erkennen, was eigentlich die Idee des Offensivspiels ist? Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Fortuna bislang auswärts besser abschnitt als zuhause. Wenn ihr der Gegner den Ball überlässt, wie das auch gestern oft der Fall war, dann kommt meistens einfach nichts. Nur, wenn es gelingt, den Ball defensiv zu erobern und schnell zu kontern, ist Fortuna im Moment voraussagbar gefährlich.

Ich habe letzten Sonntag in Speldorf mit Hüls eine Mannschaft gesehen, bei der auf Anhieb zu erkennen war, wie sich der Trainer das Spiel nach vorne vorstellt, selbst wenn es nicht immer gelang. Das fehlt mir bei der Fortuna vollständig. Immer wieder schlagen die Defensivspieler lange Bälle nach vorne, die aber nicht zum Beispiel gezielt nach hinten abgelegt werden, zumal da niemand nachrückt. Dann wieder versuchen sich die Außen durchzufummeln, aber ohne dass auf dem Flügel eine Überzahl gebildet und das schnelle Kurzpassspiel gesucht würde.  Ich habe keine Ahnung, wie das gedacht ist, jedenfalls klappt es hinten und vorne nicht.

Die Fortuna steht nach neun Spieltagen auf dem 15. von 19 Tabellenplätzen. Am Sonntag kommt der 16. zu Gast: die ebenso traditionsreiche Westfalia aus Herne. Und dann geht es für die Fortuna darum, irgendwie zu siegen, von mir aus mit einem geschundenen Elfmeter, um dem aufkommenden Gerede vom Abstiegskampf erst mal ein Ende zu machen. Diese Mannschaft kann so viel mehr.

Alle meine Fotos vom Spiel bei Flickr.

Kevin wird aufgerichtet

Kevin Kruth

Trauerarbeit nach dem Spiel

Advertisements

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s