Stilübungen auf dem Rücken der Fortuna

Seit dieser Saison befasst sich für den Kölner Stadtanzeiger eine neue Reporterin mit der Fortuna: Victoria Schneider hat Kathrin Schrage abgelöst, von der in den vergangenen Jahren die Fortuna-Berichte stammen. Nun ist der Fortuna-Fan ja froh, wenn der Stadtanzeiger überhaupt von den Spielen des Vereins berichtet, ist diese Postille doch erkennbar ein Viktoria-Fanblatt. Selbst vergangene Saison, als die Fortuna endlich wieder eine Spielklasse über der Viktoria kickte, legte der Stadtanzeiger online eine große Serie von Video-Reports über die Viktoria auf, während die Spiele der Fortuna auch schon mal ohne auch nur einen Textbeitrag auskommen mussten.

Der Stellenwert der Fortuna im Stadtanzeiger hat sich anscheinend nicht geändert, denn Victoria Schneider darf sich mit den Fortuna-Spielberichten entweder ihre ersten oder ihre letzten journalistischen Sporen verdienen. Vielleicht auch beide zugleich. Ihre Berichte sind von blumigen Metaphern durchzogen, wie man sie sonst gerne in Schülerzeitungen findet, und auch sachliche Fehler tauchen immer wieder mal auf: Schon legendär das angebliche 4-3-3, in dem die Fortuna im ersten Heimspiel angeblich aufgelaufen sein soll. Diese Theorie verbreitete zwar auch der Trainer, alle Beobachter und auch einzelne Spieler sahen aber nur einen Angreifer auf dem Platz, mit etwas gutem Willen zwei. Und nach einem der letzten Spiele schrieb Frau Schneider von einer noch ausbleibenen Trainerdiskussion – während die Forderungen nach Minks Entlassung im Fanform dutzendweise aufschlugen.

Da sich im Stadtanzeiger anscheinend kein Lektor der Texte von Victoria Schneider annimmt, erlaube ich mir hier mal, ausdrücklich als Ungelernter, eine konkrete Kritik des letzten Artikels: „Neue Therapieformen bei der Fortuna„.

Liebe Frau Schneider, ich tue das nur ungerne und weiß, dass ich mich dem Vorwurf der Überheblichkeit aussetze. Aber ich erwarte von der größten Zeitung am Platz, die Sie vertreten, einfach bessere Artikel. Sehen Sie’s so: Wenn selbst ich die im Folgenden aufgelisteten Unsauberkeiten in Ihrem Artikel finde, dann sollte ein professioneller Lektor noch ein paar deutlich bessere Tipps zur Hand haben.

  • Was die Behandlung angeht, gab es am vergangenen Sonntag einen Rückschlag festzustellen„:
    Es ist nur eine Feinheit, aber schon der große Wolf Schneider, dessen Bücher nun wirklich jeder Volontär gelesen haben sollte, schreibt, dass aktivische Formulierungen besser sind als passivische. „Es gab einen Rückschlag festzustellen“? Wer stellte den fest? Ein Satz wie „diagnostizierten die Fans der Fortuna einen Rückschlag“ klingt sofort viel persönlicher und damit attraktiver.
    Und eine Wendung wie „was die Behandlung angeht“ ist im Schriftdeutsch einfach ungelenk.
  • Das Bild mit dem Symptom und der Therapie überstrapazieren Sie ohnehin deutlich. Warum genau waren Auswärtsspiele eine Therapie für die Krankheit der Fortuna? Traten in Ihnen nicht vielmehr nur die Symptom (Unsicherheit, fehlendes Selbstvertrauen) nicht auf? Sie verwechseln einen fieberfreien Tag mit der Gabe von Novalgin. Auch das ist natürlich nur eine Feinheit, aber gerade Metaphern sollten perfekt sein, sonst wirken sie schnell bemüht.
  • Neben der Niederlage hat sich die Fortuna mit den zwei Roten Karten der Leistungsträger Cengiz Can und Christian Beckers getreu des Symptoms der Selbstverstümmelung „selbst ins Bein geschossen“ (Trainer Matthias Mink).
    So many mistakes, so few lines…
    – Es fängt mit dem plötzlichen Wechsel der Zeitform an: Warum ist das Präteritum, das Sie vorher verwenden, auf einmal nicht mehr gut genug? Soll das Perfekt eine andere Vergangenheit aufzeigen? Wohl kaum, wahrscheinlich ist es einfach falsch.
    – Das Wort „getreu“ verlangt den Dativ: Wem ist jemand oder etwas getreu, nicht wessen. Es ist ein klassischer Fall von Bastian-Sickness, den Genetiv selbst da zu verwenden, wo der Dativ mal richtig wäre.
    – Überhaupt: Wie kann man einem Symptom getreu sein? Eine Krankheit kann verschiedene Symptome zeigen, aber ein Symptom verursacht definitionsgemäß nichts anderes, sondern es ist eben ein Anzeichen, möglicherweise eins von mehreren, aber aus ihm folgt nichts.
  • Weiter: „„Natürlich ist das eine Schwäche für die Mannschaft.“
    Auch wenn Sie hier Trainer Mink zitieren und er das vielleicht genau so gesagt hat, muss es „Schwächung“ heißen, nicht „Schwäche“. Da darf man schon mal ein Zitat korrigieren, damit die Schriftform einfach korrekt wiedergibt, was der Sprecher mündlich ganz offensichtlich sagen wollte.
  • Jetzt müssen wir alle noch dichter zusammenrücken um die Ausfälle zu kompensieren
    Das Komma vor dem Nebensatz fehlt.
  • „Herne wirkte nicht unbedingt offensivstark“, analysiert Mink den Gegner, der „vor allem in der zweiten Hälfte ungemeinen Druck auf Bielefeld ausgeübt hat.“
    Ja? Wie? Nicht offensivstark, aber eine Halbzeit lang ungemeinen Druck ausgeübt? Das kann zwar ganz eventuell zusammenpassen, wäre aber unbedingt erklärungsbedürftig. In der gewählten Verknappung ist es ein Widerspruch.
  • Für ihn gilt es viel mehr,..
    Ich bin mir nicht sicher, was die neue Rechtschreibung hier vorsieht, aber ich würde an dieser Stelle schon um der Klarheit willen „vielmehr“ schreiben.
  • Ob dies wieder mit der neuen Formation mit Mario-Schwarz in der Viererkette geschieht…
    Welches Satzzeichen ist hier überflüssig? Und welches Wort wird in zu schneller Folge wiederholt?
  • Ansonsten sind aber alle Akteure einsatzbereit, um endlich das böse Symptom „schlechte Ergebnisse“ anzugreifen und so vielleicht den Heilungsprozess einzuleiten.
    Ein Symptom wird angegriffen??? Und selbst wenn das richtig wäre, gibt es die stehende Wendung vom „Doktern an den Symptomen“: Es ist eben gerade keine Heilung, ein Symptom zu beseitigen.

Ich bitte noch mal um Entschuldigung für die öffentliche Kritik. Aber ich denke, der Ruf des Kölner Stadtanzeigers verpflichtet ihn zu einem besseren Stil, selbst auf der Regionalsportseite.

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2 Gedanken zu “Stilübungen auf dem Rücken der Fortuna

  1. axel schreibt:

    Dann schauen wir mal mit welchen Stilblüten uns die Praktikantin (so sah sie jedenfalls für mich aus) nach dem Desaster heute präsentiert.
    Aber: Nach solch einer Frechheit (und das sage ich als FC-Fan!) müßt Ihr andere Sorgen haben als den KStA.
    Meine Güte. Spricht man nach einer solchen Vorstellung, gegen -ja nun auch wirklich schwache Herner- von einem Offenbarungeid oder kommt jetzt: „Ja, aber, wenn der Pfostenschuß in der ersten Halbzeit drin gewesen wäre“ von Mink? Wow, war das übel!
    Muß eigentlich eine Abstimmung beim DFC durchgeführt werden um MM zu feueren oder kann das der Vorstand alleine bestimmen?

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