Kurz reingeschaut: Damages, Staffel 1

„Trust no one!“  Das ist der zentrale Satz in Damages, einer schon im Sommer 2007 in den USA gelaufenen Anwaltsserie mit Glenn Close und Ted Danson. Keiner der zahlreichen Charaktere in Damages spielt ein ehrliches Spiel, jeder bescheißt seine Mitmenschen und Kollegen, spiegelt ihnen mindestens falsche Tatsachen vor. Da muss man schon fast froh sein, wenn man es mit dem Prozessgegner zu hat: Bei dem weiß man wenigstens, was man von ihm zu erwarten hat. Das Schlimmste hingegen sind Freunde oder diejenigen, die man dafür hält.

Dieses Motiv wird in Damages eingewoben in eine lange, vertrackte Story um den Unternehmer Arthur Frobisher (Ted Danson). Frobisher soll die 5.000 Angestellten seiner Firma mit einem betrügerischen Bankrott um ihre Arbeitsplätze, vor allem aber auch um ihre Altersvorsorge gebracht haben, während er selbst kurz vor dem Crash noch Aktien zu viel, sehr viel Geld machte. Die Angestellten lassen sich durch die Kanzlei von Patty Hewes (Glenn Close) vertreten. Um an eine mögliche Belastungszeugin heranzukommen, stellt Hewes deren Schwägerin in spe ein, die junge, ehrgeizige Anwältin Ellen Parsons. Es entwickelt sich ein Spiel aus Lug und Trug, aus Hinterhalten und Scharaden, in dem die Anwälte, Zeugen, Beschuldigten und ihre Hintermänner versuchen, den Fall zu gewinnen. Vor nichts wird zurückgeschreckt.

Die ganze Staffel erzählt nur diese eine, sehr lange Geschichte. Die 13 Episoden haben keine eigenen Storys, aber immer sehr gute Cliffhanger. Ein erzählerischer Kunstgriff erweist sich als sehr wirkungsvoll, nämlich die Kerze der Handlung an beiden Enden anzuzünden: Es gibt immer wieder kurze Vorschauen auf das Ende der Geschichte, die in späteren Episoden immer länger werden. Ein toller Effekt ist es übrigens, als sich die beiden Erzählzeiten treffen – und witzigerweise auf ihrem jeweiligen Zeitstrahl weiterreiten: Der filmische Stil, der bis dahin immer die Zukunft markiert hatte, ist nun auf einmal die Vergangenheit. Grandios!

Überhaupt ist Damages eine der besten Serien, die ich jemals gesehen habe. Ganz kurz ist die Story manchmal davor, überkompliziert zu werden und sich in ihren verschiedenen Strängen zu verheddern, fängt sich aber immer noch gerade rechtzeitig und schafft es mit ausnahmslos grandiosen Cliffhangern, den typisch schlaftötenden Serieneffekt zu erzeugen, bei dem man nur die nächste Folge auch noch schnell gucken will.

Die Schauspieler sind grandios, wobei gerade Glenn Close noch zu den schwächeren gehört, weil sie manchmal hart am Chargieren vorbeischrammt. Ted Danson dagegen gibt seinem Arthur Frobisher so viele, allesamt glaubhafte Facetten als guter Familienvater, Ehemann, wahrscheinlich Wirtschaftskrimineller, Nuttenfreund, Ehrenmann und als skrupelloser Verbrecher, dass man ihn zu keinem Zeitpunkt in irgendeine Schublade stecken kann. Erwähnenswert herausragend sind auch noch Rose Byrne, die Darstellerin der jungen Anwältin, und Željko Ivanek, der den brillanten, unsympathischen, innerlich zerrissenen Anwalt von Frobisher spielt. (Weiß irgendjemand, welche amerikanische Mundart Ivaneks Figur spricht? Hier ein kurzer Clip: http://www.youtube.com/watch?v=IVUBWQqky3c. Wer eine kleine Storywendung nicht verraten haben möchte, der schaut nur etwas bis Sekunde 30.)

Wer Damages noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt nachholen. Besser wird Fernsehen nicht. (Außer natürlich, wenn es The West Wing ist.)

P.S.: Ich wurde gestern gewarnt, dass die zweite Staffel das Niveau der ersten wohl nicht halten kann, auch die Amazon-Kritiker sind dieser Meinung.

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6 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: Damages, Staffel 1

  1. Max schreibt:

    Sehr interessanter Artikel! Vor allem die Rückblenden- und Vorschau-Technik hört sich sehr gut an. Stehe auf solche filmischen Effekte.

  2. Die zweite Staffel kann natürlich nicht ganz an die erste heran reichen, weil wir einiges schon kennen und weil wir wissen, welcher der oben angeführten großartigen Schauspieler uns in der Fortsetzung fehlen wird. Dennoch hält sich das Niveau auf hoher Ebene. Auch West Wing hatte schwächere Staffeln, aber wie Du schon sagst, besser wird Fernsehen nicht.

  3. @ Max Viel Spaß mit der Serie!

    @vincent Ich dachte, texanisch zu kennen, und dass es das nicht ist. Vielleicht eine gemäßigte Variante? Ich hätte eher auf New Yorkerisch getippt, wo die Serie immerhin spielt, aber ohne dass ich wüsste, wie sich das anhört.

    @fishy Ja, sehr schade, dass dieser Schauspieler fehlt. Gerade auf den verzichte ich ungerne. Ich werde heute abend mal in die ersten Folgen der zweiten Staffel reinschauen.

  4. ix schreibt:

    ich fand beide staffel überragend gut. die zweite ist nicht ganz so packend, aber sie spielt ebenso wunderbar mit den zuschauern und deren erwartungen. das ende von teil zwei, an dem sich etliche, aber nicht alle, knoten lösen ist zumindest genauso grandios wie das der ersten staffel. ich freu mich zumindest auf die dritte staffel, danach soll glaube ich schluss sein, wenn ich mich recht erinnere.

  5. vincent schreibt:

    für mich hört sich „mah teeth fohl aeout“ auf jd fall ziemlich nachm süden an, ich muss aber gestehen, dass ich mein viertel-wissen über amerikanische dialekte ausm kino hab. vielleicht hab ich mich auch an john wayne erinnert gefühlt, den ich selbstredend immer für einen texaner gehalten habe, der aber, in iowa geboren, in kalifornien das sprechen gelernt hat.

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