Kurz reingeschaut: König Lear im Schauspielhaus Köln

Vor der Aufführung, der ersten der neuen Abosaison, hatte ich noch mit meiner neuen Mitabonnentin darüber geplauscht, ob es sinnvoll oder gar notwendig wäre, ein Stück zu lesen, bevor man sich die Inszenierung ansieht. Meine Antwort war: Vielleicht verpasst man ein paar Stellen, die einem Kenner des Stücks als verändert, ironisiert oder modernisiert auffallen. Aber mein Anspruch ist es, ins Theater zu gehen, und eine Geschichte erzählt zu bekommen, die ich auf Anhieb verstehe.

Nicht jedoch mit Karin Beier. Ich muss feststellen, dass die letzten Inszenierungen der Kölner Intendantin immer weiter ins klassische, ins beliebige Regietheater abdriften, für das ihr Vorgänger Marc Günther noch vom Hof gejagt wurde. Mit Peer Gynt begann es, aber eine Aufführung wie dieser König Lear wäre unter Günther vor leeren Rängen gespielt worden.

Ich habe nichts gegen anstrengendes Theater, nicht einmal etwas gegen Zumutungen. Aber ich will mich ins Theater setzen und, wenn ich den nötigen Willen und die Konzentration mitbringen, hinterher etwas gelernt oder mindestens erfahren/erlebt haben. Dieser König Lear aber wird zugekleistert mit akustisch und inhaltlich unverständlicher Schreierei, mit völlig willkürlicher Nacktheit, mit irritierenden, erzählerisch kaum nachvollziehbaren Rollenwechseln und mit zu beliebigen Modernisierungs-Einsprengseln.

Klar sind da Mittel des klassischen V-Effekts zu erkennen. Doch auch um Distanz zum Geschehen auf der Bühne zu gewinnen, müsste ich es erst einmal verstehen. Und wenn man mich bäte, nach dieser Aufführung die Handlung vonKönig Lear wiederzugeben? Ich müsste passen.

Ein paar gute Motive gelingen Karin Beier und Johannes Schütz (Bühnenbild) dennoch. Die schlichte Bühne gefällt mit der einfachen, niedrigen Lehmziegelmauer, die im Verlaufe des Stücks immer mehr (und unter viel Krafteinsatz) zerstört wird, so wie das Reich von Lear. Als Lear sich einem Regensturm aussetzt, der von zwei Darstellerinnen mit Wasserschläuchen dargestellt wird, da sind wütende Elemente und Lust am Schauspiel gleichzeitig zu sehen. Und wenn die die beiden Darstellerinnen dann anschließend die Schläuche nehmen, den Strahl auf Zerstäubung stellen, den Sprühregen nach oben richten und durch die glitzernden Tropfen tanzen, dann ist das eines der stärksten Bilder, die ich je auf einer Bühne gesehen habe.

Leider schöpft die Sprache aber keine Kraft aus diesen Bildern, sondern sie verschwindet im Gegenteil nur um so stärker unter ihnen. Und ein bisschen dürfte es bei Shakespeare dann ja doch auch um die Sprache gehen.

Unterm Strich: Ein begeistertes Bravo für die Schauspielerinnen, die während zweieinhalb Stunden pausenloser Aufführungsdauer eine unglaubliche Leistung hinlegen. Aber ein sattes Buh für die Regisseurin, die erfolgreich verhindert hat, dass mich dieser König Lear irgendetwas hätte lernen können.

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