Kurz reingeschaut: Jochen Distelmeyer im Gloria in Köln

Dieser Mann schlägt eine Saite in mir an. Natürlich bin ich nicht der einzige, dem das so geht, und ich kann auch nicht genau den Finger drauf legen. Aber Tatsache ist, dass ich gestern, so irgendwann bei der zweiten Zugabe wahrscheinlich, da stand, und mal wieder das Wasser bis zur Pupille stehen hatte. Es war kein spezielles Lied, insbesondere nicht etwa ein besonders romantisches, das die Band gerade spielte. Aber es war ein Moment, in dem ich mich einfach zutiefst verstanden fühlte von Jochen Distelmeyers Texten und von seiner Musik.

Jochen Distelmeyer

Das Gloria ist natürlich einer der schönsten Kölner Orte, die man sich für ein Distelmeyer-Konzert wünschen kann: Ein altes Kino, rot-plüschig verkleidet, nicht zu groß, nicht zu klein, mit perfektem Blick auf die Bühne, wenn man wie ich hinten vor der Bar steht.

Das Konzert begann, indem die Band die Bühne betrat, einen sehr langsam anschwellenden Feedbacksturm entfachte, der dann überging in „Wohin mit dem Hass?“ Ein würdiger Auftakt, gefolgt von zwei weiteren schnellen Stücken und dann einem Set, bunt gemischt aus Distelmeyer- und jüngeren wie älteren Blumfeld-Songs.

Besonders auffällig war, wie viel musikalischer als gewohnt Distelmeyer besonders die Blumfeldstücke interpretierte. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob dieses Erlebnis nicht vielleicht dem Mischer zu verdanken war, der mal den Bass oder mal die Schnörkel spielende zweite Gitarre etwas mehr hervorhob als gewohnt und so dem Stück eine neue Kopfnote gab. Aber spätestens bei den älteren Stücken („2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß“, „Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder“) wurde offensichtlich, dass Distelmeyer auch die Gesangsmelodie variiert hatte, ihr einfach etwas mehr Melodie verpasst hatte.

Und so stand da nach dem wütenden Beginn ein Distelmeyer auf der Bühne, der zu seinen alten Stücken aufrecht und ungebrochen steht, der sie heute aber doch mit etwas mehr Milde sieht.

Jochen Distelmeyer

Ob die drei Zugaben nach dem regulären, etwa einstündigen Set, auch der Tatsache zu verdanken waren, dass das Konzert aufgezeichnet wurde? Jedenfalls kam Distelmeyer für insgesamt eine weitere Stunde zu drei Zugaben zurück auf die Bühne, herzlich gefeiert vom dankbaren Publikum. Kleine Höhepunkte der Zugaben waren eine nicht mehr a capella gegebene, sondern sehr sparsam, mit akustischer Gitarre und ein paar Keyboard-Phrasen instrumentierte Version von „Regen“, außerdem eine Coverversion von Patti Smiths eigentlich schon totgenudeltem Hit „Dancing Barefoot“, die überraschend hell und frisch strahlte.

Es endete mit einer ziemlich plattengetreuen Version von „Old Nobody“. Doch das Gefühl des Abends hatte Distelmeyer bereits ganz zu Beginn vorgegeben, als er nach dem ersten oder zweiten Song die Band und sich mit den Worten vorstelle: „Wir sind Jochen Distelmeyer.“ Nein, Jochen, das ist natürlich Quatsch. WIR sind Jochen Distelmeyer, und du bist wir, wenn du das willst. Es gibt einfach keinen anderen Musiker, der ein vage deutsches Lebensgefühl mit solcher künstlerischen Tiefe, solcher ehrlichen Emotionalität und gleichzeitigen Unaffektierheit fasst wie Jochen Distelmeyer.

Das werden lange Jahre bis zum nächsten Konzert.

Jochen Distelmeyer

Advertisements

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s