Kurz reingeschaut: "Die Verwandlung und andere Erzählungen" im Schauspielhaus Köln

Endlich mal wieder ein anstrengender, fordernder, aber auch lohnender Theaterabend jenseits der eingefahrenen Inszenierungsschemata. In der Kölner Uraufführung von „Die Verwandlung und andere Erzählungen“ verspinnen Antonio Latella (Regie), Federico Bellini und Sybille Meier (Dramaturgie) rund um den Kern von Kafkas Verwandlungserzählung mehrere seiner Texte mit stark choreografierten Bühnenbildern zu einem ausdrucksstarken Gesamtkunstwerk.

An vielen Stellen ist diese „Verwandlung“ mehr Tanztheater oder Lesung als ein Theaterstück. Die fünf Darsteller des Abends rezitieren zu Beginn „In der Strafkolonie“. Parallel dazu werden einige dicke und dünne Holzplatten vor einem Schauspieler so kunstvoll aufgeschichtet, dass der im Anschluss wie hinter einem insektenartig strukturierten Panzer verborgen ist und die Verwandlung so unmerklich stattgefunden hat, wie sie auch für Gregor Samsa gewesen sein muss. Die anschließende Szene, in der Samsa sein Käferwesen gleichzeitig dekonstruiert, nämlich den Plattenstapel wieder abbaut und auf der Bühne ausbreitet, und in seinem Habitus immer mehr zum Insekt wird, ist repetitiv, anstregend und buchstäblich laut, aber auch sehr beeindruckend gespielt und lässt den Zuschauer das wütende Erschrecken Samsas nachempfinden.

Die folgende, fast alberne Szene, in der derselbe Zeitpunkt noch einmal aus der Perspektive von Samsas Eltern außerhalb seines Zimmers erzählt wird, löst die Strenge mit streng choreographierter Albernheit fast wieder auf, zeigt aber auch schon den Weg, den die Inszenierung nach der Pause nimmt: Dann nämlich werden die Menschgebliebenen die eigentlichen Monster, vom Kostüm (Annelisa Zaccheria) in widerliche Ganzkörper-(Fat)-Suits gepackt. Samsas Welt besteht nur noch aus den Platten, die zu Beginn seinen Panzer bildeten und die jetzt nur durch ihre Beschriftungen als die Gegenstände seines Zimmers identifizierbar sind.

Diese Fixierung auf die Schrift konnte ich ehrlich gesagt nicht ganz entschlüsseln. Von der ersten Szene an spielt die Inszenierung immer wieder mit Schrift und Buchstaben. Ob das Kafkas distanzierten, fast entfremdeten Blick auf die Welt darstellen soll, den er nur durch seine Prosa hatte?

Spätestens nach der (unnötigen) zweiten Pause leert sich der Zuschauersaal des Schauspielhauses merklich, was eine Schande ist. Denn in dieser Aufführung kann man noch etwas lernen, wird man noch gefordert, aber auch höchstens mal ein paar Minuten gelangweilt. Einige Szenen sind wenige Minuten zu lang geraten, aber insgesamt entschädigt die Aufführung dafür durch ein abwechslungsreiches Bühnenbild, durch sehr gute, sich verausgabende Schauspieler und den bleibenden Eindruck beim Zuschauer, einen diffusen aber mächtigen Einblick in die Welt Franz Kafkas gewonnen zu haben.

Nichts für Musicalbesucher!

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