Faceborg

Facebook stellt sein Privacy-Modell um, schafft regionale Netzwerke ab und gibt seinen Nutzern genauere Kontrolle darüber, mit wem sie einzelne Inhalte teilen wollen. Schön und gut. Ein echter Kracher ist aber der erste Satz des offenen Briefs, den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zur Kommunikation dieser Maßnahmen an seine Nutzer schreibt:

It has been a great year for making the world more open and connected.

Über „connected“ kann man ja noch streiten. Aber „open“? Schreibt das wirklich der Kopf eines Dienstes, der alles daran setzt, zum zentralen Knoten der Internet-Kommunikation zwischen Menschen zu werden?

Meine Kollegen, Geschäftspartner und Freunde sind in drei sozialen Netzwerken unterwegs: Twitter, Xing und Facebook. Und in keinem Netzwerk ist der ihm innewohnende Drang, das Netzwerk als Ersatz von Email zu nutzen, so groß wie auf Facebook. Manchmal ist das ja sehr praktisch: Man kann Menschen eine Nachricht zukommen lassen, deren Mailadresse man nicht hat. Aber meine beste Freundin würde mir nie eine Email schreiben, obwohl sie sie besitzt, sondern immer nur eine Facebook-Nachricht. Und ich weiß, dass sie eine Email vermutlich erst nach Tagen lesen würde, eine Facebook-Mail oder eine Nachricht auf ihrer „Wall“ dagegen nach wenigen Stunden.

Facebook öffnet die Welt nicht, Facebook assimiliert sie. Facebook ersetzt sogar seit Jahrzehnten bestehende und funktionierende Kommunikationsmittel wie Email und IM durch einen blauen Bastard aus dem jeweiligen Dienst und der Facebook-Website.

Der einzige Wert, den Facebook initial spendierte, waren Profile und Verknüpfungen zwischen ihnen. Ich habe gerade keine Zeit mehr, danach zu googlen oder die W3C-Site zu durchwühlen: Aber wo ist der offene Webstandard, der es mir ermöglicht, ein Profil anzulegen und mit dem Besitzer einer anderen Emailadresse eine soziale, nach Freigaben abstufbare Beziehung einzugehen? Arbeitet da schon irgendwer dran?

Ich kann mir nur wünschen, dass es Facebook und auch Xing und Twitter so gehen wird, wie AOL, CompuServe, BTXplus und anderen geschlossenen Webdiensten, die hinweggefegt wurden, als Nutzer entdeckten, dass man sie nicht braucht, um miteinander zu kommunzieren und Inhalte abzurufen. Ich hoffe, dass Facebook gerade nur die zweite Welle von Netznutzern abgreift, die sich ebenso wie diejenigen der ersten Welle mit mehr Wissen von Facebook emanzipieren und das Netz als die freie Welt begreifen werden, die es sein kann.

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2 Gedanken zu “Faceborg

  1. Kusako schreibt:

    „Aber wo ist der offene Webstandard, der es mir ermöglicht, ein Profil anzulegen und mit dem Besitzer einer anderen Emailadresse eine soziale, nach Freigaben abstufbare Beziehung einzugehen?“

    http://www.foaf-project.org/

    Gibt’s schon seit gut 9 Jahren, dürfte aber mit dem Rest des Semantic Web in die ewigen Jagdgründe eingegangen sein…

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