Kurz reingeschaut: The Black Rider im Düsseldorfer Schauspielhaus

Was war das für eine Freude, zu lesen, dass der „Black Rider“ endlich wieder aufgeführt werden darf – und er dann auch noch direkt um die Ecke in Düsseldorf auf die Bühne kommt! Nachdem ich Karten für die Aufführung am 07.12. gekauft hatte, fand ich zudem noch heraus, dass ebendies der 60. Geburtstag von Tom Waits ist. Was sollte also schiefgehen? Nun, fast wäre es doch gescheitert, vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch, aber ein paar Schwächen muss sich die unterm Strich solide Inszenierung doch nachsagen lassen. Der Reihe nach.

The Black Rider ist die Musical-Adaption des Freischütz von William S. Burroughs (Text) und Tom Waits (Musik): Der Schreiberling Wilhelm liebt Käthchen, die Tochter des Försters Bertram. Der Vater will Käthchen aber nur einem Jäger geben, der sein Geschick mit einem Probeschuss beweisen muss. Da Wilhelm ein denkbar unbegabter Schütze ist, nimmt er gerne das Angebot des Teufels an, ihn mit Freikugeln zu versorgen. Beim entscheidenden Schuss schießt er auf sein Ziel jedoch genau mit der verfluchten siebten Kugel, die der Teufel steuern kann – und der alte Hinkefuß lenkt diese Kugel ins Herz von Kätchen. Tod, Ende, alles zum Teufel.

In der Düsseldorfer Inszenierung zeigt Hermann Schmidt-Rahmer die Szenen vor dem Gießen der  Kugeln  als ein grotesk überzeichnetes Bauerntheater, das ihm allerdings immer wieder ins Alberne abgleitet. Das hat oft die Subtilität von Annette Friers Darstellung eines Bayern in der „Wochenshow“, falls sich daran jemand erinnert. Die Dörfler sind tumbe Tannenficker, kaum eine Evolutionsstufe weiter als die Tiere des Waldes, die sie passenderweise in Doppelrollen gleich auch noch spielen. Das ist zu Beginn befremdlich, kurz auch mal lustig, aber meist eine Umdrehung zu weit aufgezogen.

Ebenso ambivalent ist das Bühnenbild. Thomas Goerge hat einen Kasten gebaut und mit bekritzelter Leinwand ausgekleidet. In normaler Bühnenbleuchtung sieht diese Bühne trist und öde und einfach unpassend aus. Wenn allerdings der komplette Bühnenkasten tatsächlich zur Leinwand wird, auf die verschiedene Filme mit mehr oder weniger abstrakten, verzerrten Motiven projiziert werden, dann gewinnt das ganze eine unheimliche Qualität.

Der positive Bruch in der Aufführung kommt in der letzten Szene vor der Pause, wenn Pegleg (Hinkefuß, der Teufel) aus dem Wald vor den fallenden Eisenvorhang tritt und den „Flash Pan Hunter“ singt. Überhaupt ragt Winfried Küppers aus dem Ensemble heraus, aber besonders in dieser Szene, wenn er mit weit aufgerissenem Mund davon singt, wie Wilhelm nicht darauf warten kann, sein Büttel zu werden, und wie der Dornbusch die Rose (also Käthchen) doch niederringt, dann ahnt man, was nach der Pause kommt: Verderben, Tod und Wahnsinn nämlich!

Der Bruch ist gewollt und offensichtlich und er relativiert einiges zum Positiven, was vor der Pause zu klamaukig geriet. Besonders, wie Wilhelm zu „Oily Night“ in Unterhose und mit Hirschgeweih einen wahren Veitstanz aufführt und Darsteller Gunther Eckes bis an die Grenzen geht, das ist schon beeindruckend. Auch der tödliche Probeschuss, den Pegleg wie einen Düsenjäger akustisch durch das Schauspielhaus kreisen lässt, bevor er endlich Käthchen trifft, ist gut und düster dargestellt. Und wenn Wilhelm dann, vom Schicksal in den Wahnsinn geschockt, erst mit einem Kinderklavier atonal zerklimpert, und dann immer wehmütiger, melodischer, am Ende auch emphatischer vom „Lucky Day“ singt, dann rührt einen das ehrlich an.

Eins muss man aber auch sagen: Für das Abopublikum, das am Montag Abend den Großteil des Publikums stellte, ist das Stück nichts. Nicht einmal nach den schönsten und am besten gesungenen Stücken, wenn beispielsweise die stimmlich herausragende Katrin Röver als Käthchen „I’ll Shoot The Moon“ makellos zum Besten gibt, können sich die Parkettsitzer zu einem mehr als pflichtschuldigen Szenenapplaus aufraffen.

Unterm Strich ein zwiespältiger Abend: Zu viel Klamauk vor der Pause, eine angemessen dramatische Inszenierung nach der Pause, eine tolle Band, unterschiedlich gute Sänger, ein während der Vorstellung seine Qualität wechselndes Bühnenbild. Für Waits-Fanboys gibt es wohl keine Wahl, als sich die Aufführung anzusehen, und wenn man auf die Albernheiten vorbereitet ist, treffen sie einen hoffentlich nicht ganz so hart.

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