Von Fans, wahren Fans, Ultras und meiner Stimme für Matthias Mink

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung findet sich heute eine ausführlicher Artikel dazu, wie Fangruppen in der Bundesliga versuchen, direkteren Einfluss auf ihren jeweiligen Verein zu nehmen. Anlass für den Artikel sind natürlich die Geschehnisse  rund um Markus Babbels Entlassung beim VfB Stuttgart, er schlägt aber einen weiteren Bogen, insbesondere auch über die Erstarkung der Ultra-Bewegung in den vergangenen Jahren.

Freundlicherweise liefert einer der Ursprünge der deutschen Ultras gerade in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel und auch harte Fakten dazu, wie diese Bestrebungen um mehr Einfluss einzuschätzen sind. Bei Fortuna Köln gibt es mit den Eagles schließlich die laut Wikipedia älteste Ultra-Gruppierung Deutschlands.

Fortuna Köln hatte die ersten sechs Heimspiele dieser Saison nicht gewinnen können und dabei nur einen Punkt ergattert. Einigen Fangruppierungen war Trainer Matthias Mink schon seit längerer Zeit ein Dorn im Auge, insbesondere seine von ihnen als zu defensiv kritisierte Spielweise, die ihm den Spitznamen „Mörtel-Mink“ eingetragen hatte. Entsprechend schäumte das offizielle Fortuna-Fanforum nach jeder neuerlichen Heimniederlage mit Schmähungen der Mannschaft über, die selten sachlich-kritisch, meist feurig-emotional vorgetragen wurden. Auch während der Spiele wurden die Schmährufe aus dem Fanblock in Richtung Trainerbank immer lauter und aggressiver. Öffentliche Stimmen pro Mink gab es in dieser Zeit fast gar keine.

Dann besannen sich einige Fans darauf, dass die Fortuna mit Deinfussballclub (DFC) ja eine Möglichkeit bietet, nicht nur emotionalen Einfluss zu nehmen, sondern Matthias Minks Beurlaubung konkret zu fordern und den Mitgliedern zur Abstimmung vorzulegen. Gesagt, getan, der Sieg schien sicher, wenn man der Stimmungslage in den Foren glaubte.

Schon recht bald zeigte sich aber der erste Nebeneffekt der DFC-Demokratie: Abstimmungen müssen beantragt werden, der Antrag muss genug Stimmen bekommen, dann muss die eigentliche Abstimmung vorbereitet und schließlich durchgeführt werden. Unterm Strich gingen so von der Beantragung bis zum Abstimmungsstart gut zwei Monate ins Land. Und siehe da: Die Mannschaft begann plötzlich wieder zu gewinnen. Während es auswärts fast immer gut gelaufen war, kamen nun auch wieder Heimsiege hinzu. Inzwischen hat die Mannschaft von den letzten neun Ligaspielen seit Mitte Oktober nur eins verloren, zwei unentschieden gespielt und sechs gewonnen. Dazwischen kam zwar die schmähliche Pokalniederlage bei einem Landesligisten (zwei Spielklassen unter der Fortuna), die allerdings nur wenige Tage später vom hochverdienten 3:2-Sieg beim bis dahin heimstärksten Team der NRW-Liga gefolgt wurde. Dabei gelang Alexander Ende das inzwischen gewählte (und heute Abend in der Sportschau zu sehende) Tor des Monats November.

Die eingebaute Trägheit der DFC-Basisdemokratie sorgte also schon einmal dafür, dass ein unter massivem Beschuss stehender Trainer Zeit zum Weiterarbeiten bekam und auch nutzte, die ihm möglicherweise im präsidialen System des normalen Vereinsfussballs nicht gewährt worden wäre. Hätte der Verein dem massiven Drängen der Fans nachgeben können, wäre Mink vielleicht schon im Oktober entlassen worden.

Inzwischen, da die Abstimmung über Minks Beurlaubung seit über einer Woche läuft, zeigt sich eine weitere, eigentlich triviale Wahrheit: Die lautstärksten Fans aus der Kurve sind nicht die Mehrheit der Vereinsanhänger. Ich bin zwar eigentlich dagegen, Zwischenstände laufender Abstimmungen bekannt zu geben, habe gerade sogar einen entsprechenden Antrag bei DFC laufen. Aber da Zwischenstände der Mink-Abstimmung selbst im WDR-Videotext zu lesen sind, verrate ich hier kein Geheimis: Aktuell haben zwei Drittel aller bislang Abstimmenden gegen die Beurlaubung von Mink votiert, nur ein Fünftel ist dafür, der Rest enthält sich und stimmt damit effektiv auch gegen eine Beurlaubung. Zwar läuft die Abstimmung noch bis zum 30.12., aber es wird in diesem Jahr nur noch ein Spiel ausgetragen werden, so dass man eigentlich nicht mehr damit rechnen kann, dass der Trend noch dramatisch kippt.

Unterm Strich: Ein im Fanforum völlig eindeutiges Stimmungsbild, bei dem der Abstieg beschworen wurde, wenn der Trainer nicht sofort entlassen würde, hat sich bislang als völlig unrepräsentativ für das Meinungsbild der bei DFC angemeldeten Fortuna-Unterstützer erwiesen. Außerdem hat sich gezeigt, dass ein Trainer es schaffen kann, einen sportlich dramatischen Trend zu drehen.

Das muss in anderen Fällen bei anderen Vereinen natürlich nicht immer genau so sein. Aber es zeigt eins ganz deutlich: Niemand sollte auf die Idee kommen, dass die Rücksichtnahme auf den Druck aus der Kurve identisch ist mit echter Fanbeteiligung. Das wäre ungefähr so, als würden wir in Deutschland zukünftig auf Wahlen verzichten und die Zusammenarbeit mit Lobbyisten zur neuen Demokratie erklären. Denn natürlich haben Fangruppierungen das Wohl des Vereins im Auge, aber sie verfolgen auch eigene Vorstellungen, die nicht mit denen aller zahlenden Vereinsanhänger identisch sein müssen. Im Fall der Fortuna ist es beispielsweise das von den Fans massiv geforderte Schöne Spiel, das manch anderem Anhänger wohl wenigstens nicht so wichtig zu sein scheint, dass er deswegen Matthias Mink ablösen würde. Und es kann ja sogar sein, dass es Leute gibt, die das Spiel der Fortuna jetzt schon für attraktiv halten.

Eine Diskussion, die in diesem Zusammenhang gerade bei der Fortuna immer wieder aufflammt, ist die Differenzierung zwischen Fans, wahren Fans und Ultras. Ultras und Fanclub-Mitglieder sind nach diesem Dogma die wichtigsten. Dann gibt es noch wahre Fans, die sich beispielsweise dadurch auszeichnen, dass sie sehr regelmäßig ins Stadion gehen, aber zu keinem Fanclub gehören und nicht im Fanblock stehen. (Das wäre zum Beispiel ich, würde ich mich wenigstens selbst mal einordnen.) Dann gibt es normale Fans, die aber nicht regelmäßig im Stadion sind und irgendwie nicht so richtig zählen. Und schließlich gibt es speziell bei der Fortuna noch DFC-Mitglieder, die ohnehin irgendwie suspekt sind, ihre 40 € pro Jahr an die Fortuna abführen dürfen, sich aber in Diskussionen bitte nicht einmischen sollten.

Bei dieser Abstufung geht es natürlich implizit darum, das Gewicht der Stimmen von Fanclubs gegenüber denen der weniger wichtigen Fans zu erhöhen. Interessant ist nun jedoch, dass für die Mink-Abstimmung verschiedene Fanclubs gebeten worden waren, eine Stellungnahme abzugeben. Dieser Aufforderung kam lediglich ein einziger Fanclub nach, „D`r lange Ball„, und das mit einem Zweizeilen-Statement in Stichworten.

So wird noch deutlicher: Es geht nicht jedem um Demokratie, der Einfluss haben möchte. Aber natürlich ist eine echte Fandemokratie letztlich der einzige Weg, wie Anhänger ernsthaft an der Meinungsbildung ihrer Vereine beteiligt werden können, wenn das ganze nicht in einen vereinsoffiziell sanktionierten Lobbyismus entarten soll.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht mir keineswegs darum, Fanclubs und ihre positive Bedeutung für Fußballvereine gering zu schätzen oder gar beschneiden zu wollen. Doch wenn es um wirtschaftliche Entscheidungen und bei Entlassung auch um persönliche Schicksale geht, dann braucht es andere Werkzeuge als ein Tonbandgerät vor der Kurve.

So, und wie fällt nun meine konkrete Entscheidung pro oder contra Matthias Mink aus?

Pro:

  • Die Fortuna nimmt eine erkennbare, langfristig positive Entwicklung. Unter Mink stieg sie zunächst (als Meisterschaftszweiter, weil der VfL Leverkusen die Lizenzbedingungen nicht erfüllen konnte) in die NRW-Liga auf, nachdem sie im Jahr davor noch gegen den Abstieg aus der Verbandsliga gespielt hatte. Der Klassenerhalt war in der ersten NRW-Liga-Saison nie ein Thema. In dieser Saison ist ein Platz im oberen Tabellendrittel das Ziel, und dieses Ziel ist eindeutig in Reichweite (aktuell Rang 5 in einer leicht positiv für die Fortuna verzerrten Tabelle).
  • Die mannschaftliche Geschlossenheit war bis auf ein, zwei Partien bei allen Spielen dieser Saison erkennbar.
  • Man erkennt nach einem etwas holprigen Start der auf wesentlichen Positionen veränderten Mannschaft, welches System Matthias Mink spielen lässt und wie dieses System mehr und mehr zu greifen beginnt.
  • Matthias Mink gelingt es, wenn auch nur über längere Zeiträume, flexibel zu sein und sich zu ändern. Die Umpositionierung von Hamdi Dahmani vom Flügel auf die Sechser-Position, der immer besser funktionierende Einbau von Abdelkader Maouel in die Mannschaft, die Umstellung auf zwei Spitzen: All das sind Veränderungen, die der Mannschaft halfen.
  • Das von Mink bevorzugte 4-2-3-1 mit Mittelfeldpressing funktioniert auswärts ganz hervorragend (Bilanz in dieser Saison bislang 5-2-2).
  • Junge Spieler entwickeln sich unter Mink immer wieder positiv und bekommen Einsatzzeiten: Kevin Kruth hat es vom Superjoker zum kaum noch verzichtbaren Sturmführer gebracht. Abdelkader Maouel tut der Mannschaft sehr gut. Jan Gran kommt auch noch. Von Michael Khan hört man immer wieder, dass er sehr gute Trainingsleistungen bringt. (Auf dem Platz ist davon allerdings noch nicht viel zu sehen.)
  • Die Mannschaft hat unter und mit Matthias Mink die Kurve aus einer ganz, ganz schwierigen Saisonphase gekriegt.

Contra:

  • Das Spielsystem im Südstadion funktioniert erst in den letzten Spielen einigermaßen, aber noch lange nicht so gut wie auswärts.
  • Matthias Mink denkt aus der Defensive heraus. Das ist zwar im modernen Fußball weit weg von grundfalsch, aber auch gegen schlechte Mannschaften wird oft mehr reagiert als agiert. Mir fehlt eine klarere Spielphilosophie, wie die Mannschaft bei Ballbesitz agiert.
  • Mink ist ein Sturkopf, obwohl er langfristig durchaus Veränderungen vornimmt, beispielsweise wird in dieser Saison früher einwechselt als noch letzte Saison.
  • Wer bei Mink verschissen hat, der hat verschissen (vgl.  Bably, Moog, Höffgen).
  • Wechsel dienen bei einer Führung fast ausschließlich der Ergebnissicherung, nie dem Willen, die Entscheidung herbeizuführen, indem man noch ein Tor nachlegt.
  • Die Zusammenstellung des Kaders, für die Mink auch verantwortlich ist, ist nicht optimal. Es fehlt beispielsweise ein dritter, ligatauglicher Stoßstürmer. Auch die beiden Sechserpositionen und die Flügel sind zu dünn besetzt. Das ist nicht nur mit dem Etat erklärbar, denn wenn ich ein 4-4-2 spielen möchte, zu dem Matthias Mink sich bekennt, dann kann ich mich einfach nicht mit zwei Stoßstürmern zufrieden geben.

Unterm Strich überwiegen für mich die positiven Aspekte. Man darf auch nicht vernachlässigen, dass die Fortuna Matthias Minks erste Trainerstation ist, dass auch bei ihm eine Entwicklung erkennbar ist und er zudem den A-Trainerschein gerade macht. Ich bin weit davon entfernt, kritiklos gegenüber dem Trainer oder der Mannschaft zu sein. Aber diesen Trainer zu beurlauben, allemal ohne die Alternative zu kennen, wäre mehr als leichtsinnig. Ich bin davon überzeugt, dass die Fortuna mit Matthias Mink nächste Saison aufsteigen und sich in der Regionalliga etablieren kann.

Deswegen gebe ich meine Stimme pro Matthias Mink ab.

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