Peronäusparese

Ich überlege ja regelmäßig, wie viel von mir ich in diesem Blog preisgeben soll oder nicht, und so geht’s mir natürlich auch bei diesem Beitrag. Doch zum einen ist so eine Peronäusparese weder peinlich noch ansteckend. Und zum anderen fand ich, als ich selbst im Web danach recherchierte, als erstes die Gruselgeschichte eines Fliesenlegers mit unheilbarem Krankheitsverlauf, der sich dann zur Amputation entschloss, weil er lieber ohne Unterschenkel leben wollte als mit einem teilgelähmten.

Die Angelegenheit ist bei mir deutlich harmloser verlaufen und inzwischen fast ausgeheilt, und deswegen hoffe ich, dass dieser Artikel demnächst bei Google weit oben zu finden sein wird, damit andere Betroffene ihn finden und Mut schöpfen.

Für Nicht-Mediziner und Unbetroffene: Was ist eine Peronäusparese? (Achtung: Es folgt mein Laienverständnis dessen, was mir meine Ärzte erklärt haben. Bitte also nicht 100% drauf verlassen.) Der Nervus peroneus ist einer der beiden Hauptäste des Ischias. Er entspringt im Rückenmark, läuft das Bein hinunter und sorgt im Wesentlichen dafür, dass man den Fuß und die Zehen nach oben ziehen kann. Wenn man die Ferse auf dem Boden stehen lässt und den Fuß (aus dem Fußgelenk) oder nur die Zehen nach oben dreht, dann macht das der Peronäus. Parese ist die Lähmung oder jedenfalls Schwächung der Funktion eines Nervs. Eine Peronäusparese ist also eine nervlich bedingte, mehr oder weniger starke Fuß- und Zehenheberschwäche.

Da der Peronäus zusammen mit seinem Pendant im Arm einer der wenigen wichtigen Nerven ist, die nicht tief im Fleisch sondern dicht unter der Haut verlaufen, der Peronäus zudem noch am Schienbeinköpfchen vorbei, ist er stark gefährdet, durch äußeren Druck verletzt zu werden und seine Funktion (teilweise) einzubüßen.

Bei mir kam die Lähmung ohne Vorwarnung. Ich hatte mit den Kollegen im Büro Konsolenfußball gezockt, saß, stand auf – und knickte mit dem Fuß nach außen weg. Ich konnte mich zwar noch abfangen (Bänderrisse sind wohl ein häufiger Kollateralschaden einer Peronäusparese), war aber völlig frappiert: Der Fuß machte nicht mehr, was ich wollte. Da er sich außerdem sehr taub anfühlte, glaubte ich zunächst, dass er mir heftig eingeschlafen sein müsste. Als das Gefühl und die Beweglichkeit jedoch auch nach rund 30 Minuten nicht zurückkehrten, in denen ich mir aber immerhin noch den dritten Platz im FIFA-10-Turnier sicherte, humpelte ich nach Hause und machte mir Sorgen.

Die fehlende Fußheberfunktion ist beim Gehen nämlich ziemlich unvorteilhaft: Der Fuß hängt kraftlos nach unten, so dass man ständig mit der Fußspitze auf dem Boden hängen bleibt und buchstäblich über die eigenen Füße stolpert, außer man hebt das ganze Bein storchenartig an.

Die folgende Nacht schlief ich sehr bescheiden, weil ich mir große Sorgen machte, was ich wohl erlitten hätte. Außerdem grübelte ich, zu welchem Facharzt ich eigentlich gehen sollte, da ich ja noch nicht wusste, was ich hatte: Neurologe, Orthopäde, Phlebologe (vielleicht war’s ja eine Durchblutungsstörung), allgemeiner Arzt?

Ich entschloss mich dann, zum Orthopäden zu gehen, der mein Problem auch sofort korrekt diagnostizierte und mich zur Sicherheit zu einer Neurologin schickte, die seine Meinung auch messtechnisch absicherte. Die Diagnose beider Ärzte war, dass ich mir den Peronäusnerv vermutlich durch zu langes Sitzen mit übereinander geschlagenen Beinen abgedrückt hätte. Beide befragten mich mehrfach, ob ich an dem Abend viel Alkohol getrunken hätte, da das Abdrücken eines Nervs eigentlich stark schmerzt und es deshalb normalerweise nur sehr betrunkenen Personen passiert, die den Schmerz nicht mehr spüren. Ich hatte aber an dem Abend nicht mal einen Schluck Alkohol getrunken. Dennoch war die Prognose, dass die Funktion des Nervs binnen ein, zwei Wochen wiederhergestellt sein sollte.

Als das dann allerdings nicht so war, konsultierte ich beide Ärzte erneut. Die Neurologin maß noch einmal die Nervenfunktion, stellte fest, dass der Nerv nun völlig seine Funktion verloren hatte, ich aber laut Blutuntersuchung an keiner organischen Ursache litt und ihrer Meinung nach der Nerv einfach binnen einiger Monate nachwachsen werde.

Der Orthopäde meinte, man solle doch noch mal eine Magnetresonanztomographie machen. Zum Glück sagte er mir erst im Nachhinein, warum: Er wollte eine mögliche Schädigung des Nervs durch einen Tumor ausschließen. Zum Glück fand er keinen Tumor, aber eben doch die mutmaßliche, bis dahin etwas rätselhafte Ursache: In meinem Knie befand sich in der Nähe des Peronäus eine Flüssigkeitsansammlung, die da nicht hin gehört, eventuell eine tief innen geplatzte Ader. Diese Flüssigkeitsansammlung, so die Vermutung, hatte meinen Peronäus so irritiert, dass er die Funktion aufgab.

Das ganze ist jetzt knapp zwei Monate her, und der Nerv hat sich inzwischen sehr deutlich erholt. Ich habe keine besondere Behandlung bekommen (Krankengymnastik zwar, aber die hat nicht wahnsinnig zur Heilung beigetragen), sondern der Nerv wächst, wie von der Neurologin prognostiziert, einfach wieder nach, nur unterstützt von ein paar Vitaminchen in Neurotrat forte. Da das mit einer Geschwindigkeit von ca. 1 mm pro Tag geschieht und so ein Unterschenkel ja rund 30 cm lang ist, kann man überschlagen, dass zwar erst nach vielen Monaten mit einer vollständigen Genesung zu rechnen ist, die aber ziemlich sicher ist.

Ich kann meinen betroffenen Fuß im Stehen inzwischen wieder um etwa einen Fingerbreit vom Boden abheben (auf der gesunden Seite ungefähr eine Handbreite), wodurch ich wieder nahezu unbehindert gehen kann. Das Gefühl auf der Vorderseite des Unterschenkels war bereits nach ca. drei Wochen wiederhergestellt, die etwas hartnäckigere Taubheit im Bereich des dicken Zehs ist inzwischen auch fast verschwunden. Die Beweglichkeit der Zehen und des Fußes verbessert sich um Milligrad pro Milligrad, so dass von einem Tag auf den anderen eigentlich keine Änderung zu bemerken ist, über Wochen hinweg aber eben schon.

Und ob das jetzt der Auslöser war oder nicht: Ich setze mich jedenfalls bis auf weiteres nicht mehr mit eng übereinander geschlagenen Beinen hin.

Peronäusparese

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5 Gedanken zu “Peronäusparese

  1. kathlll schreibt:

    Hello,
    DANKE für diesen Artikel. Ich bin seit gestern Nachmittag sozusagen „spontanperonäusparesiert“ (nicht nur Konsolenfussball, auch banale Gartenarbeit birgt so manche Gefahr in sich). Nachdem ich im Zuge meiner Internetrecherche und den zahlreichen Horrorgeschichten auch schon über Notfallamputation oder gleich Sprung von der Brücke sinniert haben, bin ich jetzt wieder richtig optimistisch :o)
    Ich hoffe du läufst schon wieder wie eine Gazelle und bei mir wird’s hoffentlich auch bald wieder werden.

  2. Das freut mich zu hören, kathlll. Bei mir ist die Peronäsusparese vollständig zurückgegangen, das Bein ist wieder enerviert und genauso beweglich wie vorher. Ich hoffe, dass es bei dir vergleichbar läuft. Gute Besserung und Kopf hoch!

  3. stefanie schreibt:

    Hallo,
    Dein Bericht macht auch mir wieder Mut, das sich das genze bei mir wieder gibt. Nach en Horrorstorys im Netz war ich schon einem Nervenzusammenbruch nah.
    Bei mir wurde es durch einen schweren Unterschenkelbruch und hiermit verbundener 1woechiger Gipsschiene und darauffolgender OP ausgeloest.. Nach der OP konnte ich meinen Fuss ueberhaupt nicht bewegen. Es war als ob er nicht mehr zu mir gehoert. Jetzt 2 Wochen nach der OP, kann ich den Fuss selbststaendig bereits auf Halbmast halten. Auch seitwaerts geht bereits, auch meine Zehen kann ich bereits wieder spreitzen und teilweise krallen.
    Ich weiss es ist noch ein langer Weg, aber Deine Geschichte macht mir Mut das ich in einigen Monaten wieder kompletter Herr ueber meinen Fuss bin.

    Das einzig unangenehme ist einfach dieses Taubheitsgefuehl im Fuss. War das bei Dir auch so?

  4. Ja, ich hatte auch ein Taubheitsgefühl im Fuß. Das ist ja klar, wenn der Nerv nicht mehr funktioniert. Die Empfindung kommt mit der Heilung nach und nach zurück, auch wenn’s ein paar Monate dauert.

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