Kurz reingeschaut: Das weiße Band

Ich weiß, ich bin spät dran mit dieser Kritik, „Das weiße Band“ läuft schon seit zwei Monaten in den Kinos. Aber kann ein Lob zu spät sein?

Es gibt so viele Gründe, wegen derer mir diese Film außerordentlich gut gefallen hat: Die tollen Schausspieler, die düster-stimmungsvollen Low-Key-Bilder und der hochinteressante Einblick in eine Zeit, die meine Großeltern noch erlebt haben.

Doch der wesentliche Grund ist, dass ich mich in Filmen scheinbar für denselben Aspekt interessiere wie Regisseur Michael Haneke, mindestens im Weißen Band. Ich hatte es schon einmal geschrieben: Mich interessieren Stimmungen, Emotionen, Motive viel mehr als Storys. Und genau darauf konzentriert sich dieser Film auf eine meisterliche Art, die gleichzeitig distanziert beobachtend und mitfühlend ist, aber nie gefühlig.

Die erzählerische Basis ist eine Reihe von Verbrechen in einem kleinen Dorf in den Jahren 1913 und 1914: Dem Arzt wird ein Draht quer über seinen Hofeingang gespannt und er so in einem schlimmen Reitunfall verletzt. Kinder werden gequält. Eine Scheune wird angezündet. Die Motive sind unklar. Sicher ist nur, dass der Täter in der kleinen Dorfgemeinschaft zu suchen ist.

Erzählt werden die Ereignisse im Rückblick vom damals 30-jährigen Dorflehrer.  Doch Michael Haneke macht aus seinem Film keine Detektivgeschichte und aus seinem Lehrer keinen Dorf-Sherlock. Viel mehr als für Täter und Hergang  interessiert sich Haneke für die Quelle der grausamen Taten – und er findet sie in einer Gesellschaft, die mit überzüchtetem Anstand, mit Ordnung und Höflichkeit ihre tiefe Verrohung nur mühsam verdeckt. Hinter den Fassaden von Wohlerzogenheit liegen Brutalität und Unmenschlichkeit, nach innen wie nach außen. Liebe zeigt Haneke nur in der zarten Beziehung zwischen dem Dorflehrer und einem Kindermädchen und in der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem geistig behinderten Kind. Überall sonst ist wahre Zuneigung unerwünscht und wird moralische Reinheit höchstens noch durch das titelgebende weiße Band am Ärmel getragen, aber nie wahrhaft vorgelebt.

Über die Dauer seines Films zeigt Haneke so erschreckend schlüssig, wenn auch stets in der Gefahr, zu psychologisieren, aus welcher Gesellschaft  zwei Weltkriege entspringen konnten.

Besonders loben will ich die ausnahmslos hervorragenden Schauspieler, aus denen man keinen hervorheben muss, zumal auch Michael Haneke kein Hauptfigur kürt, nicht einmal seinen Erzähler. Alle Darsteller, selbst die jugendlichen, beherrschen die Kunst, ohne überdramatisierte Oscar-Szenen das Innenleben ihrer Figuren zu zeigen, manchmal nur mit einem Blick, mit Körperhaltung oder dem Ton ihrer Stimme.

Und schließlich geben die beunruhigend ruhigen, außer in den Schneeszenen immer leicht unterbelichteten Schwarzweiß-Bilder von Christian Berger und der radikale Schnitt von Monika Willi dem Film eine Tiefe und Unmittelbarkeit, die mit der Goldenen Palme völlig zurecht belohnt wurde.

Für mich war es ein vergleichsweise schwaches Kinojahr, das mit diesem Meisterwerk aber noch mal einen wunderbaren, unerwarteten Höhepunkt gefunden hat.

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