Kurz reingeschaut: "Dantons Tod" im Schauspielhaus Köln

Wenn das so weitergeht, werde ich werde noch ein echter Chétouane-Fan werden. Schon vorletzte Saison war ich von der formalen, asketischen Strenge seiner Kölner Inszenierung von „Empedokles // Fatzer“ fasziniert, weil dieser Regisseur seinen Zuschauern viel zumutet, aber dafür auch viel zurückgibt. Eine Warnung dennoch gleich vorneweg: Das muss nicht bei jedem Zuschauer funktionieren. Meine Mitabonnentin, die wirklich nicht auf seichtes Theater aus ist, war von diesem „Dantons Tod“ schlicht gelangweilt. Ich dagegen merke, wie die Inszenierung mit jeder Stunde, die seit ihrem Ende verstreicht, stärker nachzuwirken beginnt.

Die Idee, „Dantons Tod“ zu inszenieren, Büchners dramatische Bearbeitung der Nachwehen der französischen Revolution,  wurde vom Kölner Schauspielhaus an Laurent Chétouane herangetragen. Und wenn Chétouane zwei Lieblingstheaterautoren haben müsste, dann sollten das Brecht und Büchner sein, die sich beide vom einfach darstellenden Theater distanzierten, das den Zuschauer mitfühlen lässt.

Auch Chétouane will es dem Zuschauer nicht leicht machen, er will allzu schlichte Identifikation mit den Figuren verhindern. Also lässt er in der Kölner Aufführung die Schauspieler wieder willkürliche Bewegungen vollführen, die nicht zu den Worten passen, mit denen er den Text von den Körpern trennen möchte. Dazu trägt auch bei, dass der Text nicht immer von der Figur gesprochen wird, der Büchner ihn in den Mund gelegt hatte. Manchmal springen die Worte sogar in einem Satz, in einer Passage von Mund zu Mund. Und schließlich noch sprechen die Darsteller den Text bewusst leise, wenn auch deutlich, und zwingen den Zuschauer zu höchster Konzentration.

Am Ende entsteht ein manchmal fast wirbeliges, jedenfalls ständig in willkürlicher Bewegung befindliches Bühnenbild, vor dem Büchners Text in einer Intensität und einer fast ätherischen Abstraktion schwebt, körperlos, wie es selbst mit einer Lesung kaum zu erreichen wäre.

Die Frauenfiguren des stark zusammengestrichenen Stücks, dem sogar der Robespierre ganz abhanden gekommen ist, lässt der Regisseur von britischen Tänzerinnen spielen. Sie haben wenig Text, und wenn sie ihn sprechen, dann eben mit ihrem deutlich zu hörenden Akzent. Chétouane erklärte im Publikumsgespräch nach der Aufführung, dass ihm die Texte von Büchners Frauenfiguren viel schwächer zu sein schienen als die der Männer, und dass er diesem Mangel einen deutlichen Ausdruck geben wollte. Wenn sie aber meistens nicht sprechen, dann bewegen sich die drei Frauen in zurückhaltendem Ausdruckstanz über die Bühne.

Und wie schon bei „Empedokles // Fatzer“ gelingt Chétouane sein Techno-Effekt: Die anhaltende Monotonie, die formale Strenge und als Drohung im Raum stehende Langeweile sorgen dafür, dass die Augenblicke, in denen diese Monotonie bricht, plötzlich viel klarer, sogar erleuchtender erlebt werden können.

Von diesen Momenten gibt es ein paar. Die zwei vielleicht schönsten sind diese: Wenn Julie, Dantons Frau, sich am Ende umbringt, dann wird sie von der Tänzerin mit dem stärksten britischen Akzent gespielt. Sie war schon bei ihren kurzen Textpassagen vorher auf einer Leinwand übertitelt worden. Doch nun steht sie einfach nur am Bühnenrand, spricht nicht, und über ihr leuchten die Worte „Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still“. Auch ihr folgender, kurzer Monolog, an dessen Ende sie sich umbringt, wird in völligem Schweigen gezeigt. Einen eindringlicheren Moment habe ich im Theater selten erlebt.

Und der Kerkermonolog Dantons, wenn er nun doch voller Angst dem Tod entgegensieht, den er sich vorher gewünscht hat, sticht heraus. Denn bis dahin wurden die Texte durchaus klar und keineswegs so gegen den Strich gesprochen, wie noch bei „Empedokles // Fatzer“. Doch nun beginnt Devid Striesow plötzlich heftig zu stottern, er spuckt die Worte und Sätze quälend langsam aber doch mit großer Wucht. Eine beeindruckende Szene, die obendrein toll gespielt ist, wie überhaupt der ganze Abend.

Der Applaus des Publikums war sehr zurückhaltend. Ein einzelner Buh-Rufer wurde aber immerhin sofort von einem Bravo gekontert. Ich selbst war begeistert, stand die zwei pausenlosen Stunden der Aufführung innerlich quasi auf Zehenspitzen, lauschte gespannt der tollen Sprache und sah ein Theaterstück, das keiner der Besucher vergessen wird, egal ob er es gut oder schlecht fand.

Von solchem Mut braucht es mehr im Theater. Hier regiert nicht die Beliebigkeit, sondern hier wagt ein Regisseur den Tanz auf dem schmalen Grat, und ihm ist wohl bewusst, dass jede einzelne Aufführung abrutschen kann. Das will ich sehen! Weiter so, Laurent!

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2 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: "Dantons Tod" im Schauspielhaus Köln

  1. vincent schreibt:

    habe das stück vor ein paar jahren in der fassung von thomas potzger mit thomas thieme als danton und dem unglaublich guten christoph pütthof als camille (oder lucile? weiß nicht mehr) am bochumer schauspielhaus gesehen. die bochumer inszenierung war nicht besonders radikal, im gegenteil: außerordentlich schlicht, und der text wurde nicht deklamiert, sondern gespielt; es wurde einem relativ leicht gemacht, mitzufühlen. trotzdem blieben die figuren merkwürdig fremd, gleichsam im jenseits, wie hinter milchglas, und die stimmen weit entfernt; der text hingegen stand die ganze zeit wie ein schwarzer monolith dirket vorne auf der bühne. ich glaube fest, dass der text von dantons tod so unglaublich stark und eigenartig ist, dass man beinahe inszenieren kann, wie man will — der text ist hier immer irgednwie der star.

    p.s. die “Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still”-stelle ist mir auch unheimlich nahe gegangen. ich erinnere mich nicht mehr deutlich an die szene, ich glaube, die julie ist dabei in einer versenkung im boden verschwunden — der text hallt auf jeden fall bis heute nach.

  2. Jasmin schreibt:

    Hallo surfguard,
    danke für Deine interessante Kritik, habe das Stück ähnlich empfunden, auch ganz begeistert über die Hervorhebungen und Weglassungen, die viele Passagen in ganz anderer Intensität erscheinen lassen. Wunderbarer Gedanke, die Frauenrolle so gesondert zu gewichten und die Differenz zwischen Bewegung/Tanz und Inhalt. Solch ein Genuß!

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